Sicherheit

„Russland wird bis zu den Paralympics nichts machen“

Deutsche Behinderte reisen voller Sorgen nach Sotschi

Seit gut einer Woche erst ist das olympische Feuer in Sotschi erloschen, sind die Debatten um die politische Instrumentalisierung der Winterspiele durch die russische Regierung leiser geworden, da steht das nächste Großereignis an selber Stelle an: Am Freitag beginnen die Paralympischen Winterspiele (7. bis 16. März). Begleitet werden auch sie von Sicherheitsbedenken, und sie drohen überschattet zu werden durch die Folgen der Intervention Russlands auf der knapp 500 Kilometer entfernten Krim.

Die Mannschaft des Deutschen Behindertensport-Verbands (DBS) will Dienstag ab Frankfurt am Main nach Sotschi reisen. Monoskifahrerin Anna Schaffelhuber, 21, sagte, innerhalb des Teams werde die Situation rege diskutiert: „Allerdings sind wir uns alle sicher, dass die Spiele dennoch super werden. Und ich denke auch, dass Russland nichts Entscheidendes machen wird, bis die Spiele vorbei sind. Da bin ich mir hundertprozentig sicher.“ 13 Sportler vertreten Deutschland in Sotschi. Schaffelhuber liegt mit ihrer Meinung auf einer Linie mit dem Präsidenten des DBS. Über die brisante Lage auf der Krim und die Entwicklung dort „bin ich besorgt. Alles andere wäre auch leichtfertig“, sagt Friedhelm Julius Beucher (67).

Jedoch: „Bei aller persönlichen und politischer Bewertung: Es stehen momentan viele Spekulationen im Raum über mögliche Szenarien. Daran beteiligen wir uns als DBS nicht. Wir beurteilen das Vorgehen nach der jeweiligen aktuellen Lage. Deswegen stehen wir in Verbindung mit denen, die für die Sicherheit verantwortlich sind“ – in diesem Falle seien das das Auswärtige Amt, das Bundesinnenministerium sowie das Bundeskriminalamt vor Ort. Sie raten laut Beucher derzeit nicht von einer Reise nach Sotschi ab.

Dem Vernehmen nach gehen die Behörden und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) davon aus, dass Staatspräsident Wladimir Putin vor oder während des Weltsportereignisses es nicht auf einen militärischen Konflikt ankommen lassen wird. Die Gefahr politischer Instrumentalisierung der Spiele hingegen ist gegeben, „sie besteht grundsätzlich immer“, dessen ist sich Beucher bewusst.

Der DBS-Präsident, von 1998 bis 2002 für die SPD Vorsitzender im Sportausschuss des Bundestags, meint: „Es muss aber eine Güterabwägung stattfinden, wenn einem Land der Zuschlag erteilt wird. Je demokratischer ein Land aufgestellt ist, umso weniger missbräuchliche Instrumentalisierung. Wir fahren nicht in einen Hort weltweiter Demokratiebeispiele, möchte ich ironisch anfügen.“

Krönung jahrelanger Arbeit

Wohin die Spiele vergeben werden, „entscheiden nicht die nationalen paralympischen Komitees. Die Entscheidung trifft das Internationale Olympische Komitee. Das IPC ist dann Ausrichter der Paralympics. Jeder nationale Verband ist am Ende autonom in der Entscheidung, ob er teilnimmt oder nicht“. Die Deutschen haben ihre Entscheidung getroffen – sofern sich die Lage nicht zuspitzt und „Gefahr für Leib und Leben besteht“, nehmen sie an den umstrittenen Winterspielen teil. Wie der Skifahrerin Schaffelhuber geht es vielen Sportlern. Sie sagt: „Ich habe jahrelang auf dieses Ereignis hingearbeitet, da will ich mich nicht kurz davor von politischen Dingen ablenken lassen – so hart das auch klingen mag.“

Als sportliche Devise für das im Vergleich zu Vancouver 2010 deutlich kleinere deutsche Aufgebot gilt: „Das Beste draus machen“. Verbandschef Beucher meint, es gelte bei der Reise in den russischen Schwarzmeerort zu differenzieren: „Wir trennen auch zwischen Nation und Menschen. Sehr oft sind die Menschen herzlich, selbst wenn sie in einem Schurkenstaat leben. Uns haben die Olympiateilnehmer berichtet, sie hätten eine wunderbare, herzliche Atmosphäre von Gastfreundschaft vorgefunden.“