Nationalmannschaft

Löw kommt ins Grübeln

100 Tage vor Start der Fußball-WM in Brasilien steht der Bundestrainer noch vor vielen Fragen. Der Test gegen Chile soll erste Antworten geben

Eigentlich kennt sich Joachim Löw ja bestens aus in Stuttgart. Mit dem VfB gewann der heute 54-Jährige 1997 als Vereinstrainer den DFB-Pokal. Am Montagvormittag wirkte der Bundestrainer dennoch etwas verloren, als er an alter Wirkungsstätte in der Nähe der Mercedes-Benz-Arena vor die Presse trat, um über die bevorstehenden Aufgaben bis zum Beginn der Weltmeisterschaft in Brasilien im Sommer zu sprechen. Der Löw von damals hat wenig mit dem Löw von heute zutun. Der Ohrring, den der gebürtige Schwarzwälder in jenen Tagen trug, ist verschwunden. Die Mode hat sich verändert und mit ihr die Anforderungen.

Denn der Trainer der deutschen Nationalmannschaft hat die Aufgabe, die große Sehnsucht der Fußballnation nach dem ersten Titel seit 1990 zu stillen. Die WM in Brasilien wird Löws viertes Turnier als verantwortlicher Bundestrainer nach den Europameisterschaften 2008 und 2012 sowie der WM 2010 in Südafrika. Ein zweiter Platz, ein dritter und ein Halbfinale stehen zur Buche. Nun soll es nicht weniger als der Titel sein, obwohl bei den bislang sechs Turnieren in Südamerika und Mexiko nie ein europäisches Team als Weltmeister hervorging.

Genau 100 Tage bleiben Löw noch, bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels zwischen Gastgeber Brasilien und Kroatien in Sao Paulo am 12. Juni. Es dürften 100 Tage des Grübelns werden für den Bundestrainer, denn gut drei Monate vor Beginn des Turniers stellen sich für ihn noch jede Menge Fragen: Wie kann das Problem im Sturmzentrum gelöst werden? Wer soll die Schaltzentrale im Mittelfeld besetzen, wenn die derzeit verletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan nicht rechtzeitig fit werden? Wohin mit Kapitän Philipp Lahm, der unter Pep Guardiola beim FC Bayern fast ausschließlich im defensiven Mittelfeld statt als Rechtsverteidiger aufgeboten wird? Und wie beeinflussen die schwierigen klimatischen Bedingungen des bisweilen sehr heißen brasilianischen Winters Löws Entscheidungen? Stärker als je zuvor ist der Bundestrainer nun gefragt.

Hinten mit Großkreutz statt Lahm

„Bereit wie nie“, heißt die neue Kampagne des Hauptsponsors des DFB-Teams, doch die Frage ist, ob das tatsächlich auch der Wahrheit entspricht. „Auf dem Papier haben wir eine Topmannschaft, Aber die Realität sieht im Moment anders aus. Die Wahrheit ist derzeit nicht so schön“, sagte Löw am Montag ungewöhnlich deutlich. Unschön zum Beispiel ist, dass Khedira seit vier Monaten wegen eines Kreuzbandrisses ausfällt. „Wir brauchen in Brasilien absolut fitte Spieler, die zu 100 Prozent belastbar sind“, sagte Löw mit Verweis auf die Temperaturen. Khedira stieg zwar am Wochenende wieder ins Lauftraining ein, doch ob er bis zur WM überhaupt einsatzfähig ist, bleibt fraglich.

Für ihn aber würde Löw von seiner Maxime abweichen, nur Personal mit Bestzustand berufen zu wollen. „Es gibt Spieler, die aufgrund ihrer Erfahrung und ihrer Persönlichkeit auch dann einen Mehrwert für die Mannschaft haben, wenn sie nur bei 80 Prozent sind. Sami gehört dazu“, so der Bundestrainer. Bei Khedira werde er abwarten, ob der ehemalige Stuttgarter noch genügend Einsätze für Madrid absolvieren kann.

Doch Khedira ist nur das prominenteste Problem im deutschen Mittelfeld: Ilkay Gündogan von Borussia Dortmund, Khediras designierter Vertreter, fehlt seit Monaten wegen einer mysteriösen Rückenverletzung. „Bei ihm bin ich ein bisschen ratlos. Es gab positive Zeichen, aber immer wieder kleinere Rückschläge“, sagte Löw. Er hoffe aber weiter auf den Dortmunder.

Dass Bastian Schweinsteiger seine zweite Sprunggelenksverletzung innerhalb kurzer Zeit nun überstanden hat, stimmt Löw zuversichtlich: „Ein fitter Schweinsteiger ist für uns enorm wichtig. Er hat eine hohe Präsenz und ist eine Führungspersönlichkeit.“ Auf der Suche nach Schweinsteigers Nebenmann im Mittelfeld läuft Löw allerdings die Zeit davon. Das Länderspiel gegen Chile am Mittwoch (20.45 Uhr/ARD) ist der letzte Test, bevor am 8. Mai der vorläufige Kader für die WM nominiert wird, mit dem es am 21. Mai ins Trainingslager nach Südtirol geht.

Löw hat angekündigt, Lahm gegen die Südamerikaner im zentralen Mittelfeld vor der Abwehr aufzustellen. „Bei den Ausfällen, die wir derzeit haben, bietet sich das an“, sagte der Bundestrainer. Lahms angestammte Position im DFB-Team rechts in der Viererkette wird der Dortmunder Kevin Großkreutz übernehmen, da Leverkusens Lars Bender (Muskelverhärtung) passen muss. „Großkreutz hat in der Bundesliga und in der Champions League auf dieser Position sehr gute Leistungen gezeigt“, so Löw.

Große Chance für Lasogga

Und dann ist da ja noch das Problem im Sturmzentrum. Mario Gomez vom AC Florenz hat eben erst eine langwierige Knieverletzung auskuriert und wurde von Löw für das Chile-Spiel nicht berücksichtigt. Mönchengladbachs Max Kruse steckt in einer Formkrise, und Miroslav Klose reiste mit einer Beckenverletzung in Stuttgart an. Die Partie seines Klubs Lazio Rom gegen Florenz am Sonntag verpasste er verletzungsbedingt. Ist Klose, der bei der WM bereits 36 Jahre alt sein wird, auch gegen Chile nicht einsatzfähig, könnte der aktuell erfolgreichste deutsche Stürmer der Bundesliga sein Länderspieldebüt geben: Pierre-Michel Lasogga.

Der 22-Jährige (elf Saisontore) wurde erstmals überraschend in den DFB-Kader beordert, und Löw lobte den von Hertha BSC bis Saisonende zum Hamburger SV ausgeliehenen Angreifer: „Lasogga hat in der Bundesliga viele Tore erzielt und sehr, sehr gut gespielt. Die Tür steht offen. Auch er kann noch auf den WM-Zug aufspringen.“

Für Löw beginnt nun die Phase „der Wahrheit und Klarheit“. Die Partie gegen Chile soll erste Antworten auf die vielen Fragen geben.