Formel 1

Plötzlich ist Rosberg der WM-Favorit

Formel 1: Vettels Team bekommt Probleme bis zum Start nicht mehr rechtzeitig in den Griff

Nico Rosberg kennt das Gefühl, es hat ihn vorsichtig werden lassen. Im Vorjahr drehte der Mercedes-Pilot die schnellste Runde auf dem Sakhir-International-Circuit von Bahrain, sie bedeutete die erste Poleposition der Saison. Doch anstelle des ersten Sieges erlebte er im Rennen ein Debakel. Die Reifen zerfetzten regelrecht auf dem heißen Asphalt, nach 57 Runden fuhr Rosberg als Neunter ins Ziel. Nachdem er bei den letzten Tests vor dem Saisonstart der Formel 1 an gleicher Stelle mal wieder mehr und schnellere Runden gefahren war als die meisten Konkurrenten, sagte der 28-Jährige: „Der Tag war okay, aber nicht fantastisch für uns.“ Zuversicht ja, Euphorie nein. Dabei hätte er allen Grund zu großer Vorfreude auf seine neunte Saison in der Formel 1. Nach überlegenen Bestzeiten gilt Rosberg bei den Wettanbietern als Geheimfavorit auf den WM-Titel. So geheim, dass die Quoten inzwischen weniger Gewinnmarge versprechen als bei Ex-Weltmeistern wie Kimi Räikkönen, Fernando Alonso (beide Ferrari) oder Jenson Button (McLaren). Mercedes baut in diesem Jahr allem Anschein nach die zuverlässigsten Motoren - der frühzeitigen Entwicklung 2013 sei Dank. Zudem harmoniert Rosbergs bisweilen vorsichtige Fahrweise beinahe optimal mit den neuen Regularien, die geringeren Spritverbrauch als bislang vorschreiben.

„So wie es aussieht, hat Rosberg die besten Chancen, am Ende ganz oben zu stehen“, sagte Chefvermarkter Bernie Ecclestone kürzlich gewohnt meinungsfreudig. Der dreimalige Grand-Prix-Gewinner, dem oft der nötige Killerinstinkt abgesprochen wurde, will davon freilich noch nichts wissen: „Wir haben noch einiges zu tun. Die Aufgabe ist riesig, in Melbourne überhaupt die Zielflagge zu sehen.“ Dort findet am 16. März das erste von 19 Rennen statt.

Sebastian Vettel und alle anderen Piloten, deren Autos mit Renault-Motoren angetrieben werden, können von diesen Sorgen nur träumen. Ihre Probleme wurzeln viel tiefer, deren Lösung ist deutlich komplexer und kostet noch mehr Zeit: Auch bei der letzten von drei Testfahrten funktionieren die Sechs-Zylinder-Aggregate aus Frankreich noch längst nicht so reibungslos wie die aus dem Hause Mercedes oder Ferrari. Zu der mangelnden Zuverlässigkeit gesellen sich Probleme wie die große Hitze-Entwicklung und die schwer kalkulierbaren Folgen für die Aerodynamik. Nicht mal mit zehn Millionen Euro ließen sich die Schwierigkeiten beheben, schimpfte Red-Bull-Motorsportdirektor Helmut Marko mit wachsender Sorge. Dabei war Geld noch nie ein Problem beim Lieblingsspielzeug von Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz.

Wohl auch deshalb griff Renault am Freitag zu einer Maßnahme, die der Formel 1 den ersten Krimi der Saison bescherte. Die Dauerweltmeister der vergangenen Jahre baten beim Automobil-Weltverband Fia um einen Aufschub der für diesen Freitag vorgesehenen sogenannten Homologisierung der Motoren. Die Versiegelung wurde vor sieben Jahren eingeführt, um die Ausgaben der Teams zu limitieren. Nach der Homologisierung sind nur noch minimale Arbeiten an den Motoren erlaubt, etwa zur Steigerung der Sicherheit oder zur Senkung des Spritverbrauchs. Einige Teile dürfen gar nicht mehr modifiziert werden. In der Vergangenheit galt: Probleme, die bis zur Homologisierung nicht gelöst waren, belasteten die Rennställe auch während der Saison. Dieser Freitag hätte also eine veritable Vorentscheidung zu Ungunsten von Renault und einen klaren Wettbewerbsvorteil der Mercedes- und Ferrari-angetriebenen Teams bedeuten können. Deshalb soll sich deren Motorsportchef Carlos Ghosn vertrauensvoll an Fia-Präsident Jean Todt gewandt haben.

An diesem Wochenende hat Vettel letztmalig die Gelegenheit, Fortschritte zu machen. Am Sonnabend kam sein Auto im ersten Ausritt aber wieder nur vier Kurven weit, im zweiten Anlauf dann nicht mal aus der Boxengasse. Mit Zugeständnissen der Fia ist wohl dennoch nicht zu rechnen. Fia-Chef Jean Todt meinte nämlich: „Ich hoffe, dass einige Autos ausfallen und damit für eine gewisse Unberechenbarkeit sorgen.“