Leichtathletik

Storl jagt jetzt wieder Titel statt Taschendiebe

Kugelstoß-Weltmeister sieht Istaf als WM-Generalprobe

Die Gegend kennt David Storl sehr gut. Nicht dass der Kugelstoß-Weltmeister von 2011 und 2013 schon mal das 7,257 Kilogramm schwere Sportgerät in der O2 World gestoßen hat. Geht ja auch nicht, schließlich feiert das Istaf Indoor heute (Beginn 19 Uhr, Vorprogramm ab 18 Uhr) seine Premiere. Aber keine fünf Minuten von der Arena entfernt war er von Mitte November 2013 an vier Wochen lang im Einsatz. Im Rahmen seiner Ausbildung zum Polizeimeister bei der Bundespolizei schob Storl am Ostbahnhof „ganz normalen Dienst“, wie er es ausdrückt.

Imposant dürfte er dahergekommen sein mit seinen 1,98 Meter Größe und etwa 120 Kilogramm Gewicht, ausstaffiert mit Uniform und schussfester Weste. Während dieser Zeit konnte der 23-Jährige nur einmal am Tag trainieren. Aber schon das fiel ihm schwer genug. Denn einen Sportler-Bonus gab es im praktischen Einsatz als Ordnungshüter nicht. „Ich hatte Schichtdienst von 5 bis 14 Uhr, von 14 bis 22 Uhr – und auch Nachtdienst“, erinnert er sich.

Auch wenn das Sportliche während dieser Zeit in den Hintergrund gedrängt war, der Dienst an vorderster Front hat großen Eindruck beim Athleten aus Chemnitz hinterlassen. „Mit Blaulicht durch Berlin zu fahren, das war schon ein Highlight“, erzählt er grinsend. Ladendiebstähle, illegale Zigarettenverkäufe, auch Körperverletzungen, mit der ganzen Palette war Storl befasst. Sein Resümee: „Ich habe andere Personen getroffen, die unsere Gesellschaft auch hervorbringt.“ Polizisten-Alltag eben.

Erkannt hat ihn beim Streifendienst kaum jemand. Gewundert hat er sich darüber nicht. „Die Klientel, mit der ich zu tun hatte, sitzt nicht unbedingt vor dem Fernseher und guckt Leichtathletik.“ Eine Logik, der man sich schwer verschließen kann. Aber doch: „Ein paar ältere Leute haben sich vielleicht überlegt, woher sie mich kennen...“

Seit gut zwei Monaten liegt der Fokus jetzt wieder ganz auf dem Sport. Den „besten Winter meiner Karriere“ hatte er bisher. Die Zubringerleistungen im Training waren ebenso gut wie die Ergebnisse bei seinen bisherigen Wettkämpfen. „Jedes Mal habe ich gewonnen, und jedes Mal habe ich über 21 Meter gestoßen.“ Bei 21,33 Meter steht seine Saisonbestweite. Damit führte er eine Zeitlang die Weltjahresbestenliste an, die Nummer eins ist jetzt allerdings Ryan Whiting, der die Kugel bei den US-Meisterschaften auf 22,33 Meter wuchtete.

Die Veranstalter um Martin Seeber, den Geschäftsführer der Top Sportmarketing GmbH, hätten gern auch amerikanische Stoßer für ihr Event unterm Hallendach engagiert, doch die US-Kraftprotze wollten nicht. Sie bereiten sich in aller Ruhe auf die Weltmeisterschaften in Sopot (7. bis 9. März) vor. In Polen treffen sie dann auf Storl, der sich mit seinem Auftritt in der O2 World auf die WM einstimmt.

Duell mit Original-Disken

Wie viele andere Topathleten, die in Berlin starten und das Istaf als letzten WM-Test sehen. So wie zum Beispiel die Australierin Sally Pearson, Hallen-Weltmeisterin und Olympiasiegerin 2012 im Hürdensprint. Seit einer Woche ist die 27-Jährige bereits in der Stadt. Ihr Programm seitdem: „Training, Sightseeing und zu viel Shopping.“ Für sie ist Berlin die einzige Möglichkeit, über 60 Meter Hürden in einer Halle zu laufen. Ihrer Bitte, extra auch noch ein Halbfinale vor dem Endlauf einzurichten, kamen die Veranstalter nach.

Für die Diskuswerfer hingegen ist das Event lediglich eine Unterbrechung ihrer Vorbereitung auf den Sommer. Dennoch wird das Aufeinandertreffen von Lokalmatador Robert Harting und seinem polnischen Herausforderer Piotr Malachowski wohl der Höhepunkt der Mischung aus Sport und Show sein. Den beiden, die mit Original-Disken werfen, gehe „schon ein bisschen die Düse“, berichtet Seeber. Auf unbekanntem Terrain will sich niemand blamieren. Harting kommt direkt aus dem Trainingslager in Kienbaum, Malachowski reist aus Portugal an, wo er sich vorbereitet.

Auch Storl ist zurzeit in Kienbaum. Als Ziel für heute hat er sich gesetzt, „mir eine Saisonbestleistung rauszuquälen“. Dann geht es auf Titeljagd nach Sopot, die Jagd auf Taschendiebe muss warten.