Pokalfinale

Bereit für das große Volleyball-Fest

BR Volleys wollen endlich den Pokal gewinnen. Carroll, Kmet und Sikiric wissen, wie das geht

Sie wollen alles genau so machen wie vor jedem x-beliebigen Spiel. Paul Carroll wird in der immer gleichen Reihenfolge einen Finger nach dem anderen mit Tapeverband bekleben. „So, als würden wir gegen Coburg antreten“, sagt er. Roko Sikiric versinkt in sich, um die gewohnten Abläufe beim Blocken und Schmettern vor seinem geistigen Auge ablaufen zu lassen. „Es ist nur ein Volleyballspiel, man muss konzentriert bleiben und die vielen Ablenkungen verdrängen“, betont der Kroate. Tomas Kmet schließlich wird sich einen doppelten Espresso genehmigen, sein persönliches Ritual, um hellwach zu sein, wenn er aufs Feld geht: „Das mache ich vor jedem Spiel.“ So viel zur Theorie.

In der Praxis steht den BR Volleys am Sonntag aber eben doch ein besonderes Duell bevor, bei dem eine gewisse Nervosität ganz unwillkürlich aufkommt. Die Volleyballspieler aus der Hauptstadt wurden in den vergangenen beiden Jahren Deutscher Meister, aber Pokalsieger waren die Berliner seit 2000 nicht mehr. Seit das Finale 2006 im Tennisstadion von Halle/Westfalen stattfindet, waren sie immer nur Zuschauer aus der Ferne. Und das ist bitter, denn dort wird Jahr für Jahr das größte Fest im deutschen Volleyball gefeiert. Über 10.000 Zuschauer sind dabei, ARD und ZDF zeigen Ausschnitte in den Sonntagssendungen.

Diesmal haben sich die Berliner endlich qualifiziert, ohne in Achtel-, Viertel- und Halbfinale auch nur einen Satz abzugeben. Es war ihr großes Ziel. Im Endspiel nun wartet der große Rivale VfB Friedrichshafen. „Wenn du das Spielfeld betrittst, bekommst du sofort eine Gänsehaut“, sagt Sikiric.

Er weiß das, weil er, Carroll und Kmet dieses Finale schon einmal gewonnen haben. 2011 war das, ausgerechnet gegen die Mannschaft vom Bodensee, mit 20:18 im fünften Satz. Damals trugen alle drei noch das Trikot von Generali Haching. Sie spielten dabei herausragende Rollen. Der Slowake Kmet war der beste Blocker der Partie, der gerade in den entscheidenden Momenten mit seinen Abwehraktionen dem Gegner den Nerv raubte. Der Australier Carroll wurde als MVP, als bester Spieler des Finales ausgezeichnet. Sikiric schließlich wechselte sich im Schlusssatz beim 6:9-Rückstand einfach selbst ein: Sein Trainer Mihai Paduretu hatte ihn schlicht vergessen, also schnappte er sich kurzentschlossen das Wechsel-Schildchen mit der Nummer eines Mitspielers, marschierte für ihn aufs Feld, schlug dreimal auf, und es stand 9:9. Alles war wieder offen.

So wie das Spiel am Sonntag. „50:50“, sagen die drei einmütig, auf die Chancen angesprochen. Verdrängt man einmal die hässliche Statistik, dass die Häfler in allen fünf bisherigen Pokal-Vergleichen mit den Berlinern das Feld als Sieger verließen. „Das waren andere Mannschaften“, beharrt Carroll. In dieser Saison steht der direkte (Bundesliga-) Vergleich 1:1; in den vergangenen beiden Jahren haben die Berliner weit häufiger gewonnen als verloren, ihr Friedrichshafen-Trauma abgelegt. Es wird viel auf Tagesform und Erfahrung ankommen, mit einem solchen Druck umzugehen.

Erfahrung haben die Berliner, aber auch ihr Gegner. Speziell im Pokal. VfB-Trainer Stelian Moculescu war erst als Spieler und anschließend als Trainer insgesamt 19 Mal Cupsieger, ein Rekord, den wohl nur er selbst verbessern kann. Nationalspieler Max Günthör wird „König von Halle“ genannt. Zum achten Mal steht der 28-Jährige schon in Westfalen im Endspiel, viermal (dreimal mit Haching, einmal mit Friedrichshafen) gewann er den Pokal. 2011 übrigens mit Carroll, Kmet und Sikiric gemeinsam. Diesmal stehen sie sich als Kontrahenten gegenüber.

Aber all diese Zahlenspiele rücken am Sonntag in den Hintergrund. Auch die Kulisse haut die drei Berliner nicht um, sagen sie. Carroll spielte in Japan vor 16.000 Zuschauern, Kmet in Polen vor 12.000. In Halle werden sie von der größten Fangemeinde unterstützt, über 1000 Berliner orderten Tickets für das große Finale. Vor dem Männer-Endspiel treten die Frauen der Roten Raben Vilsbiburg und VolleyStars Thüringen gegeneinander an. Berliner und Thüringer haben sich zu einer Fangemeinschaft zusammengetan, um noch mehr Stimmung für ihre Teams zu machen.

Genug erfahrene Spieler

„Ich bin sehr motiviert, nicht nervös“, sagt Kmet, „wir haben die Chance, nach 14 Jahren den Pokal wieder nach Berlin zu holen. Das ist ein historischer Moment.“ Carroll pflichtet bei: „Für solche Momente spielen wir Volleyball, wir lieben das und sind bereit.“ Außerdem haben die BR Volleys mit Olympiasieger Scott Touzinsky und Robert Kromm weitere sehr erfahrene Spieler. „Wir wissen alle, was uns erwartet“, sagt Sikiric voller Vorfreude. Er, Carroll und Kmet wissen es in diesem Fall am besten.