Urteil

Pechstein bringt das System ins Wanken

Gericht weist Schadenersatzklage ab. Schiedsvereinbarungen mit Verbänden aber für nichtig erklärt

Für den Fall, dass es nichts werden sollte, dass mal wieder eine Entscheidung getroffen werden sollte, die der eigenen Meinung widerstrebt, hatten sie vorgebaut. Es spiele nicht die ganz große Rolle, was die 37. Zivilkammer des Landgerichts München I beschließe, so die Vertreter von Claudia Pechstein. Ihre Klage auf Schadenersatz gegen den Eislauf-Weltverband ISU und die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG, die am Mittwoch abgewiesen wurde, werde sie weiterführen. Doch allein Beiläufiges kam am Vormittag in München nicht heraus, die Folgen könnten sogar weitreichend sein. Denn das Gericht erklärte die Schiedsvereinbarungen Pechsteins mit den Verbänden für unwirksam.

Damit ist das gesamte System der Sportgerichtsbarkeit in Deutschland infrage gestellt, die Autorität des Internationalen Sportgerichtshofes Cas beschädigt. „Das ist ein Erfolg, vielleicht sogar eine Revolution für die gesamte Sportwelt“, sagte Pechsteins Anwalt Thomas Summerer. Deutsche Athleten könnten künftig nicht länger gezwungen werden, sich der Sportgerichtsbarkeit zu unterwerfen. Jeder dürfe frei entscheiden, ob er den Weg der Sportgerichtsbarkeit oder über ein ordentliches Gericht in Deutschland wähle.

Als Grund für seinen Beschluss gab das Gericht an, die Vereinbarungen wurden seitens der Berlinerin nicht freiwillig getroffen. Zum Zeitpunkt des Abschlusses der Schiedsvereinbarungen habe ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen der Klägerin und den Beklagten bestanden. „Die Klägerin hatte bei der Unterzeichnung der Schiedsvereinbarungen keine Wahl“, hieß es in dem Urteil. Ohne die Unterzeichnung wäre Pechstein „nicht zu Wettkämpfen zugelassen worden und dadurch in ihrer Berufsausübung behindert gewesen“.

Eine inhaltliche Prüfung des Cas-Urteils von 2009, welches ihre zweijährige Sperre durch die ISU bestätigte, nahm das Gericht jedoch nicht vor. Die 42-Jährige war vom Weltverband wegen erhöhter Blutwerte ausgeschlossen worden, Pechstein bestreitet Doping und macht eine vererbte Anomalie für ihre Blutwerte verantwortlich. Deshalb fordert die Berlinerin, die gerade bei den Olympischen Spielen in Sotschi beste deutsche Eisschnellläuferin war, eine Entschädigung von gut vier Millionen Euro. „Für die Schadenersatzfrage gibt es eine zweite Instanz vor dem Oberlandesgericht. Wir gehen dort in Berufung. Aber jetzt ist klar, dass ein Zivilgericht für diesen Fall zuständig ist, das war besonders wichtig für uns“, erklärte Summerer, der einst für Sprinterin Katrin Krabbe 1,3 Millionen D-Mark vom Leichtathletik-Weltverband erstritten hat.

Welche Auswirkungen das Urteil hat, muss sich zeigen. Für DESG-Anwalt Marius Breucker kommt es einem kleinen „Beben in der Sportgerichtsbarkeit“ gleich. ISU-Anwalt und Cas-Richter Dirk-Reiner Martens stellt fest: „Der Sportgerichtshof Cas wurde massiv angegriffen. Er muss nun prüfen, ob daraus Konsequenzen zu ziehen sind.“ Der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner sieht die Freiheit des Athleten gestärkt und bezeichnet das Urteil als ein „Zurechtstutzen der Monopolmacht, die die Sportverbände ausüben“.

Breucker verwies jedoch darauf, dass nicht geklärt sei, ob die Entscheidung auf deutschem oder Schweizer Recht basiere. Der Sportgerichtshof und viele Fachverbände haben ihren Sitz in der Schweiz. „Wenn das Gericht auch die Schweizer Rechtsordnung einbezogen hat, wären die Auswirkungen der Entscheidung noch viel größer“, sagte er. Natürlich müssten sich Schweizer Gerichte nicht an die Entscheidungen eines deutschen Gerichts gebunden fühlen. Martens räumte ein, dass er keine Alternative zur Sportgerichtsbarkeit sehe. „Da muss man sich Gedanken drüber machen, ob man diesen Ausspruch des Gerichtes zum Anlass nimmt, es anders zu machen“, so der Jurist.

In welchem Maß die Entscheidung sich auf Pechsteins nächste Prozessrunde auswirkt, ist fraglich. Zumindest hat sie erstmals seit Beginn ihrer gerichtlichen Rehabilitierungsversuche zu einem gewissen Teil Recht bekommen.