Champions-League

Superheld ohne Kanone

Mesut Özils Elfmeter-Fehlschuss gegen die Bayern und sein Umgang damit sorgen für Diskussionen bei Arsenal. Und Englands Medien spotten

Noch vor dem Champions-League-Achtelfinale hatte sich Mesut Özil großspurig im Superman-Kostüm präsentiert. Das auf Facebook veröffentlichte Foto zeigte außerdem seine Mitspieler Bacary Sagna als Rambo sowie Lukas Podolski als Hulk. „Mittwochabend geht es gegen die offiziell beste Mannschaft der Welt. Die gute Nachricht: Hulk, Superman und Rambo stehen auf der richtigen Seite“, schrieb er dazu. „Der verschossene Elfmeter sog Özil sichtlich die Luft aus dem Körper. Er schrumpfte vor den Augen der Zuschauer“, entgegnete die BBC am Tag nach dem Spiel auf ihrer Internetseite.

Tatsächlich war Özil nach dem 0:2 (0:0) gegen Titelverteidiger Bayern München vom Image eines Superhelden weit entfernt. Der 25 Jahre alte deutsche Nationalspieler hat die großen Erwartungen des FC Arsenal wieder einmal nicht erfüllt – und musste sich zudem nach dem verschossenen Elfmeter einigen Spott gefallen lassen.

Entschuldigung via Facebook

„42,5 Millionen Pfund für einen Deutschen, der keinen Elfmeter schießen kann. Özil ist nun einer von uns“, titelte die „Daily Mail“ angesichts der Elfmeter-Historie der Engländer gegen Deutschland: „Wir haben offenbar mehr Einfluss auf ihn als er auf unser Spiel. Man hatte das Gefühl, als er sich den Ball schnappte, dass er mit seinen Gedanken ganz woanders war.“ Der schwache Schuss sei „ein Spiegelbild seiner Form“, lästerte „The Sun“: „Özils Fehler kommt die Gunners teuer zu stehen.“

Özil äußerte sich am Donnerstag auf seiner Facebook-Seite: „Es fühlt sich auch am nächsten Morgen nicht besser an. Sorry Jungs, das war so nicht geplant“, schrieb er entschuldigend Richtung Fans und wohl auch Mitspieler.

Die Enttäuschung der Anhänger des Londoner Klubs milderte sein Statement jedoch kaum. „Verschwinde wieder zurück zu Real Madrid“ oder „Du hast nicht genug Engagement für einen Arsenal-Spieler gezeigt“, waren noch die harmloseren Negativ-Kommentare darauf. Andere versuchten, ihm mit einem „Kopf hoch“ wieder Mut zu machen. Doch insgesamt war Özils Auftritt gegen die Bayern nicht nach dem Geschmack der englischen Öffentlichkeit.

Lukas Podolski stärkte seinem Teamkollegen hingegen demonstrativ den Rücken. „So ist Fußball. Habt Vertrauen in Mesut, er wird es euch doppelt zurückzahlen und uns alle glücklich machen. Freunde stehen zusammen“, schrieb der Nationalspieler bei Twitter.

Bundestrainer Joachim Löw hatte bereits vor der Parade von Münchens Torhüter Manuel Neuer auf der Tribüne geahnt, dass der Schuss für Özil nach hinten los gehen könnte. „Ich persönlich hatte für Mesut kein so gutes Gefühl, weil Manuel kennt die Art und Weise, wie Mesut spielt. Manuel hat den überragend gehalten, weil er vor allem lange stehen geblieben ist.“ Der Nationaltorwart lieferte nicht nur in dieser Szene einen Beweis dafür, warum er erst kürzlich zum Welttorhüter gewählt worden war.

Für Arsenal-Kapitän Per Mertesacker war Özils Fehlschuss neben der Roten Karte für Keeper Wojciech Szczesny (41.) die Schlüsselszene. „Wir hatten eine richtig großartige Möglichkeit, in Führung zu gehen. Aber wenn man die nicht nutzt... Gegen Bayern musst du eiskalt sein, sonst hast du keine Chance“, sagte der Nationalspieler konsterniert. Als Vorwurf wollte er dies aber nicht verstanden wissen, „Mesut wird sich umso mehr ärgern“.

Dies tat Özil. Er habe noch einige Zeit gehadert „und immer wieder mit dem Kopf geschüttelt“, bemerkte ein „sehr enttäuschter“ Teammanager Arsene Wenger: „Er hatte sich so viel vorgenommen, aber dieser Elfmeter hat ihn aus dem Rhythmus gebracht.“

Anstatt sich aufzubäumen, ergab sich der frühere Bremer und Schalker seinem Schicksal und schlich fortan mit hängenden Schultern über den Platz – was sogar seine Mitspieler auf die Palme brachte. In der 70. Minute brüllte Mathieu Flamini den Deutschen an und forderte ihn wild gestikulierend auf, endlich Gas zu geben. Es passierte – nichts.

„Wir haben schon während des Spiels versucht, auf ihn einzuwirken, aber das war schwierig. In so einem großen Spiel so eine Chance zu vergeben, das nagt schon. Das hat man auch gemerkt“, meinte Mertesacker. Man müsse Özil nun schnell wieder aufbauen.

Rückendeckung von Wenger

Nach einem starken Beginn in England gerät Özil, vor der Saison mit großen Hoffnungen für 50 Millionen Euro von Real Madrid verpflichtet, immer mehr in die Kritik. Ihm wird vorgeworfen, gerade in den wichtigen Spielen unterzutauchen. Wenger stellte sich zuletzt aber vor seinen Spielmacher. Doch die Özil von vielen zugedachte Bürde des Leitwolfs, der in entscheidenden Momenten Akzente setzt und den Ausgang des Spiels mit Aktionen, Ideen oder Toren maßgeblich beeinflusst, scheint zu schwer zu wiegen.

Dabei hatte Özil vor dem Bayern-Spiel auf seiner Facebook-Seite nicht nur als Superman posiert, sondern auch mit Sprüchen geglänzt. Er sei ein Typ, „der solche Spiele liebt“, sagte er. Er erlebe in der Premier League „eine Reifeprüfung“. Aber er habe „so viel Selbstvertrauen, dass ich jetzt bereit bin, den nächsten Schritt zu machen“. Der misslang vor den Augen von Löw aber völlig.