Interview

„Hertha hat die großen Ziele doch schon erreicht“

Stuttgarts Manager Bobic über Gegner Berlin, Lasoggas Wertzuwachs und die Krise im Ländle

Drei von vier Partien in der Bundesliga-Rückrunde hat Hertha BSC verloren. Von einer Krise aber spricht in Berlin niemand. Eine handfeste Krise ist dafür allerdings beim kommenden Gegner VfB Stuttgart ausgebrochen. Wenn die Schwaben am Sonnabend Hertha empfangen (15.30 Uhr, Liveticker bei morgenpost.de), dann muss das Team von Trainer Thomas Schneider gewinnen. Sechs Spiele in Folge haben die Stuttgarter verloren und stehen als Tabellenfünfzehnter mit 19 Zählern nur einen Punkt vor den Abstiegsrängen. Fredi Bobic, 42, der Manager des VfB und ehemalige Hertha-Stürmer (2003-05), sprach mit Jörn Meyn über die Gründe für die Talfahrt des VfB und das Stuttgarter Interesse an Herthas Stürmer Pierre-Michel Lasogga.

Berliner Morgenpost:

Herr Bobic, wie würden Sie die Lage beschreiben, in der sich der VfB momentan befindet?

Fredi Bobic:

Es ist klar, dass wir derzeit in einem Existenzkampf stecken. Es geht nun um nichts anderes mehr als um den Klassenerhalt. Diesen Kampf müssen wir annehmen. Die Qualität im Kader haben wir. Darüber brauchen wir gar nicht zu sprechen. Aber jetzt geht es um Mentalität – um die richtige Einstellung. Erst in schwierigen Situationen sieht man, wie stabil man wirklich ist. Im Moment sind wir nicht stabil. Das muss sich schnell ändern.

In solchen Situationen setzen die meisten Klubs auf erfahrene Spieler. Sie aber haben sich in Stuttgart entschlossen, weiter an jungen Spielern festzuhalten. Warum?

Das ist so nicht ganz richtig. Wir haben immer gesagt, dass wir eine gute Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern wollen. Das ist unser Weg, den wir eingeschlagen haben. Der VfB war in der Vergangenheit immer erfolgreich, wenn er um einige erfahrene Spieler herum junge Talente aufgebaut hat. Doch irgendwann haben wir diesen Weg verlassen und nur noch teure Spieler eingekauft. Wir wollen wieder zurück zu unserer Basis, und die besteht aus unserer Jugend.

Zuletzt wurde bei den Niederlagen aber sogar Ihr Youngster Timo Werner von den eigenen Fans ausgepfiffen. Ist das Festhalten an der Jugend in schweren Zeiten nicht auch eine Gefahr?

Wenn es gut läuft, freuen sich die Leute, wenn wir auf Jungs wie Timo setzen. Dann sind alle stolz. Wenn es dann aber mal schlecht läuft, sprechen alle davon, dass die Jungen den Druck noch nicht aushalten können. Mir ist das zu einfach: Wir brauchen gar nicht andauernd über die jungen Spieler zu sprechen. Die erfahrenen Spieler müssen jetzt raus aus der Fluchtzone und Verantwortung übernehmen.

Ein erfahrener Spieler fehlte Ihnen verletzt: Kapitän Christian Gentner. Er hat im Hinspiel gegen Hertha (1:0) das entscheidende Tor geschossen. Wird er am Sonnabend spielen können?

Im Hinspiel war Hertha klar die bessere Mannschaft, aber ein Geniestreich von Christian hat uns den Sieg gebracht. Jetzt hat er wegen muskulären Problemen gefehlt. Wir hoffen, dass er am Sonnabend dabei ist. Aber es wird sehr eng.

Mit Stürmer Timo Werner, 17, und Mittelfeldspieler Rani Khedira, 20, besetzen zwei junge Spieler auch in der schwierigen Phase Schlüsselpositionen beim VfB. Warum vertrauen Sie ihnen?

Beide haben sich in das Team gespielt. Die wurden da nicht reingejubelt, oder so etwas. Sie haben sich das durch starke Trainingsleistungen selbst erarbeitet. Timo hat ein unglaubliches Potenzial. Obwohl er noch so jung ist, spielt er bereits sehr konstant. Rani hat etwas länger gebraucht, aber mittlerweile ist auch er schon sehr wichtig für uns. Er hat einen extrem starken Willen und tut uns gut. Solche Spieler wollen wir sukzessive aufbauen. Sie stehen für unseren Weg. Und dabei bleiben wir.

Sie haben nicht nur unerfahrene Spieler in der ersten Elf, sondern mit Thomas Schneider, 41, auch einen jungen, unerfahrenen Trainer auf der Bank. Auch er steht derzeit massiv in der Kritik.

Wir stehen voll und ganz hinter unserem Trainer und sind überzeugt, mit ihm die Klasse zu halten. Wir haben uns für diesen Weg mit Thomas Schneider entschieden, und dann darf man doch nicht beim ersten, großen Orkan umfallen. Das Ganze muss doch nachhaltig sein.

Woran lag es denn Ihrer Meinung nach, dass der VfB zuletzt mit 17 Gegentoren in sechs Spielen so desolat aufgetreten ist?

Traditionsvereine haben immer das Problem, dass sie denken, eigentlich viel weiter oben stehen zu müssen. Das sieht man ja derzeit auch bei anderen Klubs. Das ist aber auch bei uns so. Wir müssen aber ehrlich zu uns sein: Mehr als der Platz, auf dem wir gerade stehen, entspricht nicht der Realität. Wir haben zuletzt viel zu viele handwerkliche, individuelle Fehler gemacht. Die müssen wir unbedingt abstellen. Dann kommen wir auch da untern raus.

Hertha hatte jüngst ja ähnliche Probleme, als man sich gegen Frankfurt und Nürnberg durch individuelle Aussetzer quasi selbst auf die Verliererstraße brachte.

Ja, aber Hertha hat den Vorteil, dass sie schon genügend Punkte auf dem Konto haben. Wir nicht. Die haben ihr großes Ziel doch eigentlich schon erreicht. Natürlich träumt man auch in Berlin vielleicht noch von mehr als nur vom Klassenerhalt. Aber das wäre nur Zusatz – eine schöne Süßigkeit obendrauf. Bei Hertha haben sie ohne Zweifel einen tollen Job gemacht.

Trauen Sie Hertha zu, tatsächlich einen Europapokal-Platz zu erreichen?

Sie werden auf jeden Fall völlig ungefährdet den Klassenerhalt schaffen. Da bin ich sicher. Ob es für mehr reicht, muss man sehen. Die Mannschaft spielt auf einem Niveau, das man ihr vor der Saison nicht zugetraut hat. Vielleicht schafft Hertha sogar die ganz große Überraschung.

Sie waren vor einem Jahr an Pierre-Michel Lasogga interessiert, der nun zum Hamburger SV ausgeliehen ist. Damals lehnte Herthas Manager Michael Preetz Ihr Vier-Millionen-Angebot ab. Wagen Sie im kommenden Sommer einen neuen Versuch ihn zu bekommen?

Lasogga ist immer noch ein sehr interessanter Spieler für uns. Aber wenn ich mir ansehe, welche Torquote er gerade wieder in Hamburg hat, dann muss ich konstatieren, dass wir ihn uns wohl nicht mehr leisten könnten.