Ski alpin

Neureuther wird zum heimlichen Sieger

Achter im Riesenslalom nur fünf Tage nach seinem Autounfall

Martin Auracher – Spitzname „Mascht“ – musste sich in Acht nehmen. Felix Neureuthers Drohung klang schließlich sehr konkret. „Ich glaube, wenn ich im zweiten Durchgang auch noch schmerzfrei bin, hat hinterher mein Physio, der ‚Mascht’, ein Schleudertrauma – weil ich ihn so fest umarmen werde“, kündigte der Skirennläufer verschmitzt an. „Der hat einen Wahnsinnsjob gemacht.“

Ohne Martin „Mascht“ Auracher und dessen Therapie nämlich hätte Neureuther wohl nicht im Rosa Chutor Alpine Centre gestanden und zufrieden in die Sonne geblinzelt – fünf Tage nach seinem Autounfall auf der A95 kurz vor München, der ihm ein Schleudertrauma samt Zerrung im Bandapparat des Nackens eingebrockt hatte. „Es ist ein Riesenwunder, dass ich hier heute am Start gestanden bin. Mir fällt ein riesengroßer Stein vom Herzen. Olympische Spiele sind nur alle vier Jahre. Wenn man dort nicht am Start stehen kann, ist das für einen Sportler das Bitterste überhaupt“, sagte Neureuther.

Sein Kopf wurde mithilfe von Tape stabilisiert, im Riesenslalom verspürte er nach eigenen Angaben keine Schmerzen. Schmerzmittel benötigte er keine. Wer hätte angesichts dieser Vorgeschichte daran geglaubt, dass Neureuther am Ende Platz acht belegen würde, 1,30 Sekunden hinter dem überragenden Amerikaner Ted Ligety, der die beiden Franzosen Steve Missillier und Alexis Pinturault um rund eine halbe Sekunde abhängte?

So wurde Neureuther zu einem zweiten heimlichen Sieger eines Rennens, das viele kleine Geschichten hervorbrachte. Das Fortsetzungskapitel von Ligetys sagenhafter Dominanz im Riesenslalom etwa. Die größte Tragikomödie steuerte allerdings ein weiterer deutscher Starter bei: Stefan Luitz. Dem 21 Jahre alten Allgäuer gelang das seltene Kunststück, im ersten Lauf am letzten Riesenslalomtor drei Meter vor der Ziellinie einzufädeln. Luitz wurde disqualifiziert – was besonders ärgerlich war angesichts des Umstands, dass er als einziger Starter Ligety das Wasser reichen konnte. Als der Deutsche ins Ziel rauschte, hatte er lediglich eine halbe Sekunde Rückstand, halb so viel wie der Rest der Konkurrenten also. Wie der Fauxpas passieren konnte? „Keine Ahnung“, seufzte Luitz, „vielleicht war ich zu früh mit dem Kopf schon über der Ziellinie.“ Will sagen: gedanklich schon einen Schritt weiter. Zu weit.

Am Sonnabend (13.45 und 17.15 Uhr, ZDF) findet zum Abschluss der Alpin-Wettbewerbe der Slalom statt. „Ich freue mich darauf“, sagte Neureuther, „da stehen die Uhren wieder auf Null – und ich mache das, was ich am besten kann: schnell Slalom fahren. Und dann passt das schon.“

Das wegen der Zwangspause fehlende Training auf den kurzen Skiern will er schleunigst nachholen: „Ich weiß, der Körper hält. Von daher kann der Neureuther auch am Samstag funktionieren“, sagte er schmunzelnd über sich selbst. Aber: „Die ganzen Automatismen müssen wieder selbstverständlich werden. Ich fühl mich jetzt echt gut. Und mit meinem achten Platz heute kann ich eigentlich, muss ich echt sagen... also, ich bin ich zufrieden... wobei: was heißt zufrieden... also, ich kann mit einem positiven Gefühl hier weggehen.“

In die weitere Analyse mischte sich dann auch gleich Mut für den Slalom. „Es war brutal wichtig für mich, heute am Start gestanden zu sein. Zu sehen, dass mein Körper den Belastungen standhalten kann. Von daher habe ich den Kopf frei, weil ich gesehen habe, es geht, ich kann attackieren.“