Handball

Gefährliche Schieflage

Finanznot bei Champions-League-Sieger HSV versetzt die Handball-Bundesliga in Aufruhr

Frank Steffel, der Präsident der Füchse Berlin, hatte am Mittwoch wieder einmal einen vollen Terminkalender. Der Bundestagsabgeordnete der CDU hatte Sitzungen im Finanzausschuss und im Sportausschuss, zwischendurch war er auch noch bei einer Podiumsdiskussion im Humboldt-Gymnasium in Reinickendorf dabei. Aber abseits der Politik trieb Steffel auch ein ganz anderes Thema um. Die Finanzmisere des Bundesliga-Konkurrenten HSV Handball. „Ich hatte die Hoffnung, dass die Verantwortlichen beim HSV aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt haben.“ Aber diese Hoffnung trog.

Denn der Hamburger Klub, im Vorjahr Sieger der Champions League, hatte am Dienstag bekannt gegeben, dass er wegen seiner finanziellen Probleme sogar einen Rückzug aus der Bundesliga erwogen hätte. „Der Klub ist ein Sanierungsfall“, räumte Präsident Andreas Rudolph unumwunden ein, der mit einer persönlichen Gabe von 500.000 Euro erst einmal das Schlimmste abgewendet hat.

Rettung durch Millionär Rudolph

So ist das, wenn man über seinen Verhältnissen lebt. Und so ist das, wenn ein Klub seit Jahren weiß, dass doch immer wieder ein Retter einspringt. Es ist im Falle des Hamburger Bundesligisten nicht der reiche Onkel aus Amerika, sondern ein reicher Onkel aus der Hansestadt: eben Andreas Rudolph.

Der Multimillionär, der bisher mehr als 20 Millionen Euro aus seiner Privatschatulle in den Klub gepumpt hat, wird auch diesmal einspringen. Mit „seriöser betriebswirtschaftlicher Refinanzierung“ habe das alles nichts zu tun, schimpfte Steffel mit Blick hat das Finanzgebaren des Konkurrenzvereins. Der Grund für das Defizit: Steigenden Ausgaben für einen teuren Kader stehen abnehmende Einnahmen von Sponsoren, einem Vermarkter und Zuschauern gegenüber. Im Vergleich zur Saison 2010/11 kassierte der HSV zwei Millionen Euro weniger; die Besucherzahl (aktuell durchschnittlich 8548 Fans) ging in den vergangenen drei Jahren um gut 2000 zurück.

Die Bundesliga (HBL) und ihre Klubs sind aufgeschreckt. Schließlich ist der HSV einer der Leuchttürme in der Liga. „Bloß das nicht“, meinte Klaus Elwardt, Manager des THW Kiel, zum Schrecken-Szenario eines möglichen Rückzugs der Hamburger. Doch der Hamburger Klub wird nicht untergehen. „Wir werden diese Saison anständig zu Ende bringen. Und die Lizenz für die nächste Saison werden wir auch bekommen“, erklärte Rudolph. Er wird seinem Klub wie so oft aus der Klemme helfen.

„Wer so ein Defizit erwirtschaftet, hat klar über seine Verhältnisse gelebt. Das ist doch eine Milchmädchenrechnung“, sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann. Rudolphs Aussage in Sachen Lizenz wollte Bohmann nicht kommentieren. Noch habe der HSV keine Lizenzunterlagen eingereicht. „Da ist bis zum 1. März Zeit.“ Rudolph kündigte schon einmal an, dass der Etat für die kommende Spielzeit von neun Millionen auf 7,5 Millionen Euro reduziert werde.

Als erster Schritt wurde bereits Geschäftsführer Christoph Wendt entlassen, alle Finanzgeschäfte gehen nun über Rudolphs Schreibtisch. Die Kontrakte mit sechs Geschäftsstellenmitarbeitern wurden gekündigt. Das Team wird in der nächsten Saison ein anderes Gesicht haben: Domagoj Duvnjak wechselt nach Kiel. Die auslaufenden Verträge von Marcus Cleverly, Davor Dominikovic, Matthias Flohr, Torsten Jansen, Blazenko Lackovic und Zarko Markovic werden nicht verlängert.

Für die Füchse hat die ganze Geschichte einen besonders bitteren Geschmack. Sie generieren ihre Mittel am Markt, sie sind nicht von einem Mäzen abhängig, sie leben nicht über ihre Verhältnisse. Zur Erinnerung: Es war ausgerechnet der HSV Handball, an dem die Berliner im August 2013 in zwei Qualifikationsspielen zur Champions League scheiterten. 30:30 hieß es in Berlin, in Hamburg verloren die Füchse 26:27 – der HSV durfte in der europäischen Beletage spielen, Berlin musste mit dem EHF Cup vorliebnehmen.

Damals lieferten sich im Vorfeld Steffel und Matthias Rudolph ein verbales Scharmützel. Matthias, der Bruder von Andreas, bekleidete zu dieser Zeit das Präsidentenamt beim HSV. Es ging um Füchse-Keeper Silvio Heinevetter, den die Berliner halten wollten. Der HSV hatte ihm ebenfalls ein Angebot gemacht. Steffel schimpfte, der HSV wolle den Keeper mit astronomischen Summen ködern. Rudolph konterte: „Das Verhalten von Herrn Steffel ist ungebührlich und flegelhaft.“ Am Ende verlängerte Heinevetter in Berlin bis 2018.

Füchse-Chef Steffel übt Kritik

Jetzt darf sich Steffel bestätigt sehen: „Als ich den HSV bei den Vertragsverhandlungen mit Silvio kritisiert habe und auf das wirtschaftlich unseriöse Vorgehen und die Abhängigkeit von ihrem Mäzen hingewiesen habe, haben sie mich übel beschimpft.“ Für ihn steht fest: „Das ist Wettbewerbsverzerrung und muss endlich beendet werden.“

Eine weitere Ursache des Niedergangs, die nicht nur den HSV, sondern die ganze Liga betreffen würde, sei laut Andreas Rudolph die Erfolglosigkeit der deutschen Nationalmannschaft: „Der HSV ist 2013 mit sieben deutschen Spielern Champions-League-Sieger geworden. Und wenig später scheitert die Nationalmannschaft ohne einen HSV-Spieler in der EM-Qualifikation...“

Thorsten Storm, Manager der Rhein-Neckar Löwen, sieht das Problem weitreichender: „Der gesamte Handball befindet sich in Schieflage. Die wirtschaftliche Last, welche die Vereine tragen, ist zu groß.“ Schuld seien Verbände und Ligen in Europa. Diese vergraulen mit ihrer Terminplanung Fans und reduzieren dadurch die Einnahmen. Storm: „Oft haben wir vier Wochen kein Heimspiel. Dann fünf am Stück innerhalb von drei Wochen.“ mit dpa