Hertha BSC

Willkommen in der Realität

Die Niederlage gegen Wolfsburg zeigt, dass es Hertha BSC noch an Qualität fehlt, um von mehr zu träumen als vom Klassenerhalt

Thomas Kraft stand am Montagmorgen neben dem Schenckendorffplatz und war trotz der Pleite gegen den VfL Wolfsburg am Vorabend (1:2) ganz gut gelaunt. Das ist erstaunlich, weil besonders der Torwart der Berliner nach Niederlagen eigentlich immer ziemlich angefressen ist. Also muss knapp 15 Stunden zuvor gegen die Niedersachsen doch einiges zur Zufriedenheit des 25-Jährigen gelaufen sein. „Wir haben wieder einmal gesehen, dass wir gegen ein Topteam der Liga mithalten können“, sagte Kraft und ließ eine Pause folgen. „Aber wir haben eben auch gesehen, dass es am Ende wieder einmal nicht gereicht hat, ein Topteam zu schlagen.“

Nun könnte man sagen: Das Besiegen einer Topmannschaft stand ohnehin nie auf der Agenda der Blau-Weißen. Nichts anderes als den Erhalt der Spielklasse hatten die Verantwortlichen als Saisonziel ausgegeben. Doch zu den Gesetzmäßigkeiten des Fußballs gehört eben auch, dass die Erwartungen stets unbeirrt mit dem Punktepolster mitwachsen. Und so stand über dem Duell des Tabellensiebten gegen den Tabellensechsten (VfL) die Frage: Kann Hertha schon im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg sogar vom internationalen Fußball träumen?

Die Antwort nach dem Spiel muss lauten: nein. Und sie muss mit dem Beisatz an alle Anhänger versehen werden: Willkommen in der Realität. Nach der sensationellen Hinrunde hat der Hauptstadtklub drei von vier Partien in der Rückrunde verloren. Zugegeben: Hertha ist ein Aufsteiger, der einen ziemlich aufsteigeruntypischen Angriffsfußball spielen kann und in allen vier Duellen stets die bessere Mannschaft war. Aber um von mehr als vom frühzeitigen Erreichen des Klassenerhalts zu träumen, fehlt es dem Team eben auch noch an bestimmten Qualitäten: eine bessere Chancenverwertung, eine Stressresistenz bei gegnerischen Standards und eine größere Ausgeglichenheit im Kader. „Der Unterschied zwischen uns und dem VfL war die Effektivität“, analysierte Cheftrainer Jos Luhukay am Montagmorgen. Während die Wolfsburger im zweiten Durchgang aus anderthalb Chancen zwei Tore erzielten, ließ Hertha wie so oft in dieser Saison zahlreiche gute Gelegenheiten ungenutzt. Stellvertretend dafür stand Adrian Ramos, der allein vier Einschussmöglichkeiten vergab. „Wenn Adrian nicht trifft, haben wir ein Problem“, sagte Luhukay und unterstrich damit die Abhängigkeit vom Kolumbianer, der zuvor 14 Mal getroffen hatte.

Ein zweiter Schwachpunkt der Berliner ist die Anfälligkeit bei ruhenden Bällen: Der Ausgleich fiel durch einen Kopfballtreffer von Robin Knoche nach einem Eckball. Es war bereits das zwölfte Standardgegentor (vier nach Ecken, vier nach Freistößen und vier nach Strafstößen) der Herthaner in dieser Saison. Damit fällt fast jeder zweite Gegentreffer durch oder nach einer Standardsituation – fünf davon per Kopf. „Wir haben nicht die nötige Lufthöhe, aber das lässt sich im Moment nicht ändern“, analysierte Luhukay. „Wir müssen unbedingt daran arbeiten“, sagte auch Kraft. Die Größe sei nicht allein das Problem, so der Schlussmann, sondern die Konzentration in den entscheidenden Momenten. „Das sind nur Kleinigkeiten, aber die machen eben den Unterschied.“

Kader soll aufgestockt werden

In Hamburg, Bremen und Stuttgart hätten sie gerade gern Herthas Probleme. Dennoch werden die Verantwortlichen der Berliner ihre Rückschlüsse für die Planung der kommenden Spielzeit ziehen. Die Abhängigkeit von Ramos wird sich schnell erledigt haben, denn der umworbene Stürmer ist nicht zu halten. „Da geht es gar nicht um mehr Geld“, gab Luhukay zu, „sondern auch um die sportliche Perspektive. Hertha kann ihm eben noch nicht Champions League bieten.“ Luhukay und Manager Michael Preetz werden versuchen, ihren besten Angreifer nicht eins zu eins zu ersetzen, sondern sein Erbe auf mehrere Schultern zu verteilen.

Das bedeutet aber, dass nicht nur im Sturm, sondern in nahezu allen Mannschaftsteilen nachgerüstet wird. Dabei dürfte auch die Erhöhung der Kopfballstärke berücksichtigt werden. Neben Ramos steht derzeit nur noch Sebastian Langkamp als kopfballstarker Spieler in der ersten Elf. Damit würde die bisher noch fehlende Ausgeglichenheit des Kaders behoben, die nötig ist, um den Angriff auf die Europapokal-Plätze zu wagen. „Irgendwann wollen wir ein Team wie Wolfsburg schlagen“, gab Kraft einen Ausblick. „Wenn nicht jetzt, dann spätestens in der nächsten Saison.“