Ross Rebagliati

„Snowboardfahren und Marihuana gehörten für mich zusammen“

Wie der Kanadier Ross Rebagliati durch eine Posse fast sein Olympiagold verlor

Wer Ross Rebagliati, 42, eine E-Mail schreibt, bekommt schnell Antwort. In der Signatur des Kanadiers stehen nur vier Wörter: Ross Rebagliati, Olympic Champion. 1998 sorgte der Snowboarder für den größten Skandal der Winterspiele in Nagano. Nach dem Sieg im Riesenslalom wurden in seinem Blut Spuren von Marihuana gefunden. Es begann eine 24 Stunden dauernde Posse, in der er sein Gold erst verlor und dann behalten durfte. Im Interview mit Simon Pausch erinnert sich der erste Snowboard-Olympiasieger der Geschichte an diesen 8. Februar 1998 und offenbart seine neue, pikante Geldquelle.

Berliner Morgenpost:

Mister Rebagliati, wie oft denken Sie noch an diesen Tag zurück?

Ross Rebagliati:

Oft, und ich habe ihn immer wieder genau vor Augen, obwohl es mittlerweile schon so lange her ist.

Empfinden Sie keine Wut mehr?

Nein, rückblickend bin ich stolz darauf, der Mann gewesen zu sein, wegen dem in ganz Kanada über Snowboardfahren gesprochen wurde. Vorher war unser Sport doch nur Insidern ein Begriff. Wir waren die größten Exoten, doch plötzlich war ich ein berühmter Mann.

Ihre Berühmtheit verdanken Sie weniger Ihrer Fahrt zum Olympiasieg als vielmehr den Stunden danach. Wie groß war Ihre Sorge, die Goldmedaille zu verlieren?

Ich habe sie die ganze Zeit über bei mir getragen, wollte sie auf keinen Fall abgeben. Technisch gesehen war ich für einige Stunden kein Olympiasieger mehr. Trotzdem hatte ich die Medaille in meiner Tasche. Versetzen Sie sich mal in meine Position: Wir hatten in der Nacht nach meinem Lauf gut gefeiert. Ich war gerade Olympiasieger geworden – diese Gefühle sind kaum zu beschreiben. Umso größer war der Schock, als es am nächsten Morgen an meiner Tür klopfte. Carol-Anne Letheren (damals Kanadas Teamchefin, d. Red.) sagte zu mir: Ross, setz dich. Ich muss dir was sagen.

Ihre Dopingprobe war positiv.

Ich ahnte sofort, dass es was mit der Dopingprobe sein musste. Es gibt ja nichts, um das sich Athleten bei Olympischen Spielen mehr Sorgen machen. Außerdem schaute Carol-Anne so, dass es nur die Dopingprobe sein konnte. Dann klärte sie mich auf, dass in meinem Blut etwas gefunden worden wäre.

Es waren Spuren von Marihuana.

Es konnte nur Marihuana gewesen sein, weil ich etwas anderes nie genommen hatte. Allerdings hatte ich mit dem Konsum im April 1997 aufgehört, das war zehn Monate vor meinem Rennen in Nagano. Schauen Sie: Marihuana und der Lifestyle, für den das Snowboardfahren steht, gehörten für mich damals zusammen. Im April habe ich mir dann gesagt, dass ich aufhören und mich voll auf Olympia konzentrieren muss, wenn ich nach Nagano fahren will.

Was geschah dann?

Ich war in den Bergen untergebracht und musste zwei Stunden lang mit dem Bus zur Anhörung hinunter nach Nagano fahren. Überall standen Kamerateams und Fotografen. Die Paparazzi sind mir nicht von der Seite gewichen. Ich musste sogar das Hotel wechseln, weil der Andrang zu groß wurde. Ich habe mich durch die Hintertür hinausschleichen müssen wie ein Schwerverbrecher.

Irgendwann stellte sich dann heraus, dass es im Fall von Marihuana keine klare Anti-Doping-Regelung gab. Im sogenannten Medical-Code des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hieß es damals, dass Marihuana-Konsum bestraft werden kann, aber nicht zwingend bestraft werden muss.

Genau, trotzdem saß ich in einem japanischen Gefängnis, mein Zimmer wurde durchsucht. Zum Glück hat der Cas (internationaler Sportgerichtshof, d. Red.) das Urteil relativ schnell wieder rückgängig gemacht und erklärt, dass mir die Goldmedaille zusteht. Damit wir uns nicht falsch verstehen: So unangenehm diese Zeit damals war – heute bin ich sehr dankbar dafür. Es hat mich berühmt gemacht. Ich wurde nach meiner Rückkehr zu Talkshows eingeladen, das war vorher für einen Snowboarder unvorstellbar. Und, davon bin ich überzeugt: Es hat auch den Sport nach vorn gebracht. Durch meinen Fall hat sich plötzlich die ganze Welt für Snowboardfahren interessiert. Später habe ich erfahren, dass einige Schulen in meiner Heimatstadt Vancouver sogar den Unterricht haben ausfallen lassen, damit die Kinder im Fernsehen verfolgen konnten, wie meine Geschichte ausgeht. (lacht)

Rauchen Sie immer noch Marihuana?

Ich habe nach dem Trubel vor 16 Jahren mal für eine Weile aufgehört. Aber seit einiger Zeit rauche ich ab und zu mal wieder, ja. Marihuana hat einen beeindruckenden Imagewechsel durchgemacht. Immer mehr US-Bundesstaaten legalisieren den Konsum für medizinische Zwecke, in Kanada ist die Gesetzgebung diesbezüglich gerade im Wandel, dazu kommen einige europäische Länder wie die Schweiz. Deswegen habe ich im vergangenen Jahr mein Geschäft „Ross Gold“ gegründet. Wir handeln mit therapeutischem Marihuana, ganz legal und um den Kranken zu helfen.