Eisschnelllauf

Der fliegende Holländer

Sven Kramer will über 10.000 Meter seine Karriere und den Triumph der Niederlande vollenden

Zum Training kommt Sven Kramer mit dem Rad. Wie Irene Wüst und Michel Mulder, Jorien Ter Mors und Stefan Groothuis. Olympiasieger von Sotschi allesamt. Und wie die anderen sieben Medaillengewinner aus Holland. Selbst für ihre Verhältnisse dominieren die Niederlande in der Eisschnelllaufhalle bisher nach Belieben, und wenig symbolisiert ihr Hausrecht so wunderbar wie der Fahrradständer am Eingang. Dass es ihn überhaupt gibt; und dass fast alle dort geparkten Fahrräder orange sind.

So wie die Fortbewegung auf zwei Rädern in Russland ansonsten als exotisch zu gelten hat, so wenig teilen andere Länder auch Hollands tiefe Passion für den Sport auf zwei Schlittschuhen. Nirgendwo sonst auf der Welt besitzt Eisschnelllauf einen solchen Stellenwert wie in den Niederlanden. Nirgendwo sonst gelten insbesondere die für normale Fans eher spektakelfreien 10.000 Meter als Königsdisziplin der Spiele. Heute ist es so weit. Kramer ist der große Favorit, praktisch unschlagbar. Wenn nicht etwas völlig Unvorhergesehenes passiert, aber was soll das schon sein.

Ja, was schon. Ein desorientierter Trainer zum Beispiel, der ihm bei haushohem Vorsprung die falsche Bahn zum Wechseln anzeigt. Absurd? Ist so passiert in Vancouver vor vier Jahren. Kramer wurde disqualifiziert und verlor die Goldmedaille. Es war ein Skandal, eine Peinlichkeit ersten Ranges, dass so etwas ausgerechnet einem Trainer und einem Läufer aus dem Mutterland dieses Sports passiert.

Albtraum in Vancouver 2010

Als Kramer ins Ziel kam, schnaubte er nur: „Kemkers“. Der Name seines Trainers. „Verdammt noch mal, was für ein Arschloch“, entfuhr es ihm später. Wie jeder holländische Langstreckenläufer hatte Kramer die Goldmedaille über 10.000 Meter ersehnt, er ist das größte Talent seit Jahrzehnten, eine technische Ausnahmebegabung, und jetzt war er vor aller Welt zum Idioten geworden. „Der schlimmste Albtraum eines Eisschnellläufers“, urteilte damals Landsmann Bob de Jong, doch letztlich hat sich Kramer von diesem Schock nicht unterkriegen lassen. Mit seiner Titelverteidigung über 5000 Meter am ersten Tag der Spiele von Sotschi versöhnte er sich schon mal wieder mit Olympia. Jetzt muss er nur noch sein Rennen laufen, um sich vier Jahre später endlich zu erlösen. Denn, wie er selbst sagt: „Es ist immer noch da.“

An der Bahn wird wieder Gerard Kemkers stehen, er muss ein sehr guter Trainer sein, denn er durfte seinen Job behalten. Neben Kramer coacht er weiterhin auch Ireen Wüst, die in Sotschi bereits die 3000 Meter gewann und über 1000 und 1500 Meter jeweils den zweiten Platz belegte. „Trainer von uns beiden zu sein, ist eine Aufgabe für sich“, sagt sie, und nennt ihn „vor allem auch einen guten Manager“. Es gibt leichtere Jobs, als Eisschnelllauftrainer in Holland zu sein. Man muss mit dem Ehrgeiz der Stars genauso klar kommen wie mit dem hohem Konkurrenzdruck. Die niederländischen Spitzenläufer sind in kleineren Profiteams organisiert; selbst die beiden Mulder-Zwillinge Michel und Ronald, Gold- und Bronzemedaillengewinner im Sprint, sind normalerweise Rivalen.

Insbesondere in Friesland, dem nordwestlichen Teil des Landes, kommt irgendwann jedes Kind mit dem Sport in Kontakt. Wenn es kalt genug war, erledigte man früher schon mal einen Verwandtenbesuch auf Schlittschuhen, erinnert sich Irene Postma, die einst auf dieselbe Schule ging wie 1000-Meter-Olympiasieger Groothuis und seit über 20 Jahren als Eisschnelllauf-Journalistin so ziemlich jeden Weltcup bereist. „Ist die Pyramide unten breiter, kann sie weiter nach oben wachsen“, sagt sie zu den holländischen Erfolgen. Das ist die naheliegendste Begründung.

Das erklärt aber nicht alles, denn es gab auch Zeiten, da gewannen die Niederlande in ihrem Volkssport so gut wie gar nichts. Eric Heiden, der fünffache Goldmedaillengewinner von 1980, ist zum Beispiel US-Amerikaner. 1984 blieb Holland gar komplett ohne Podestplatz. Insbesondere die Frauen schwächelten häufig. Postma sagt, die Wende kam, als man sich bei der DDR abschaute, die Frauen mit den Männer trainieren zu lassen. Und als Yvonne van Gennip 1988 aus einer Verletzungspause kam und überraschend dreimal Olympiagold gewann. Das habe gezeigt, dass es eine Balance aus Training und Erholung brauche.

Bei Hollands 5000-Meter-Favoritin Carien Kleibeuker schaut es ähnlich aus, sie trat nach den Spielen von Turin 2006 zurück, fing einen Job an, bekam ein Kind – und kehrte erst 2013 wieder auf die Bahn zurück. Neben ihr rechnet sich am Mittwoch auch Wüst wieder etwas aus. Über 1500 Meter waren am Sonntag gleich vier Niederländerinnen vorn, das haben selbst die Männer noch nicht geschafft, die über 500 und 5000 Meter geschlossen das Podium besetzten.

Jubel-Arien in der Heimat

Geschlagen wurde Holland bisher nur in den Frauensprints über 500 und 1000 Meter sowie über 1500 Meter der Männer, als Koen Verweij in der bislang herzzerreißendsten Entscheidung dieser Spiele bei der Nachmessung um drei Tausendstelsekunden gegen den prinzipiell zeitgleichen Polen Zbigniew Brodka verlor. Holt Kramer das erwartete Gold, können die Frauen die Tschechin Martina Sablikova besiegen, und läuft auch in den Teamwettbewerben alles nach Plan, stünden die Niederlande am Ende mit neun Goldmedaillen da. Das könnte bei diesen ausgeglichenen Spielen sogar zum Gewinn des Medaillenspiegels reichen. Zählt man bloß die Anzahl der Plaketten zusammen, führen sie mit je fünfmal Gold und Silber sowie siebenmal Bronze schon jetzt.

Dank der Eisschnellläufer feiern die Niederlande schon längst ausgelassen die besten Olympischen Winterspiele aller Zeiten. „Oranje übermächtig ... Ein Februar, den man nie mehr vergessen wird. Hollands Glorie – ein Triumphzug in Sotschi“, jubelte die Tageszeitung „De Telegraaf“ und führte martialisch aus: „Neben Tulpen, Tomaten, Deichen und alten Meistern geht es jetzt um Frauen und Männer mit Muskeln aus Stahl.“ Die Zeitung „AD“ kündigt an: „17 Medaillen: Und wir sind noch nicht fertig in Sotschi.“

Dabei sind die drei populärsten Disziplinen des niederländischen Eisschnelllaufs nicht mal olympisch. Der Mehrkampf wird nur als WM ausgetragen, und dann gibt es noch die Sprints auf den Grachten sowie den Marathon: 100 bis 150 Runden. Dagegen sind 10.000 Meter nun wirklich harmlos.