Zufrieden

Erste Bilanzen in Sotschi sind unerwartet positiv

Verbände, TV-Sender und Organisatoren zufrieden

Johnny Weir fühlt sich wohl in Sotschi. „Ich habe keine Angst“, sagt der US-Amerikaner, der hier gemeinsam mit Olympiasiegerin Tara Lipinski für den Sender NBC die Eiskunstlaufwettbewerbe kommentiert. Der 30-Jährige, der bei den Olympischen Spielen in Turin Fünfter und vier Jahre darauf in Vancouver Sechster geworden war, bekennt sich offen zu seiner Homosexualität und ist auch mit einem Mann verheiratet. Gefragt wurde er nach seiner Befindlichkeit, weil Kritiker vermutet hatten, im als homophob geltenden Russland könnten Schwule Schwierigkeiten bekommen. Sein Kommentar dazu: „Ich trage meine Ketten und Klamotten, und keiner sagt etwas, die Leute gucken nicht einmal komisch. Es gibt Ecken in Manhattan, wo ich mich unsicherer fühle.“

Sein Eindruck passt ins Gesamtbild, das aktuell von der Veranstaltung am Schwarzen Meer gezeichnet wird – aller Skepsis im Vorfeld zum Trotz. „Wir sind bislang glücklich. In den vielen Gesprächen mit den Athleten haben wir ein positives Feedback erhalten“, sagte Gilbert Felli am Freitagvormittag. Der IOC-Exekutiv-Direktor betonte, dass Unterkünfte, Verpflegung und kurze Wege die Athleten zufriedenstellen würden. Die Stimmung sei nach anfänglichen Schwierigkeiten besser geworden. Das Publikum erweise sich als fair, die Russen würden auch für Athleten aus anderen Nationen klatschen, so Felli.

Top-Quote beim Rodeln

Wie OK-Chef Dmitry Tschernyschenko mitteilte, seien mehr als eine Million Tickets verkauft worden. Die internationalen TV-Quoten sind ebenfalls positiv. Bislang seien 1,3 Millionen Personen ohne Probleme transportiert worden. Die Stimmung werde besser, am Donnerstag hätten 106.000 Besucher den Weg in den Olympia-Park gefunden. „Wir sind zufrieden. Es ist schade, dass bald Halbzeit ist“, sagte Tschernyschenko.

Sehr zufrieden äußerten sich am Freitag auch die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF über die Resonanz ihrer Übertragungen. In den ersten sechs Übertragungstagen haben sich mehr als 35 Millionen Zuschauer mindestens eine der Sendungen angesehen. „Die Faszination Olympia lebt auch in Sotschi“, sagte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. „Der deutsche Fernsehzuschauer und die User der Online-Angebote des ZDF zeigen ein großes Interesse an der Berichterstattung über die Spiele in Russland, das wir so nicht erwartet haben.“

Top-Event nach Zuschauerzahl war das Rodeln im Einsitzer der Männer am Sonntag mit 9,21 Millionen Zuschauern. Der ARD-Teamchef in Sotschi Werner Rabe hatte schon am Mittwoch erklärt: „Olympia schlägt derzeit alles.“ So erreichte am Montag das Verfolgungsrennen der Biathleten 41,0 Prozent Marktanteil. Die Eröffnungsfeier kam auf 39,4 Prozent. Das Verfolgungsrennen der Biathletinnen erreichte 38,2 Prozent.

Grund für die guten Quoten sind natürlich nicht zuletzt die deutschen Erfolge. Und sie sorgen zugleich für riesiges Selbstvertrauen im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Dessen Präsident Alfons Hörmann hat seiner Mannschaft ein gutes Zwischenzeugnis ausgestellt. „Sieben Goldene, insgesamt zehn Medaillen – das passt. Vor allem die Quote der Olympiasiege freut mich. Das ist eine tolle Zwischenbilanz“, sagte Hörmann.

Jenny Wolf vermisst das Flair

Er blickt dementsprechend optimistisch auf den weiteren Verlauf. „Mit einer kleinen Portion Glück können wir die Goldquote von Vancouver auf jeden Fall erfüllen. Das ist nach wie vor ein durchaus realistisches Ziel“, sagte Hörmann: „Der Weg ist in den kommenden Tagen aber noch weit.“ Vor vier Jahren in Vancouver hatten die deutschen Athleten 10 Gold-, 13 Silber- und 7 Bronzemedaillen (insgesamt 30) gewonnen und damit Platz zwei im Medaillenspiegel hinter Gastgeber Kanada belegt.

Aber so wie es vor den Spielen übertrieben war, alles schlecht zu machen, wäre es nun genauso falsch zu sagen, dass alle sich wohl fühlen. So kritisiert Eissprinterin Jenny Wolf das Flair am Schwarzen Meer. „Wenn man das olympische Dorf verlässt, bekommt man von der besonderen Stimmung nichts mehr mit“, sagte die 35-jährige Berlinerin. „Im Vergleich zu Salt Lake City, Turin oder Vancouver ist hier in der Stadt nicht viel los“, sagte Wolf. Die sportliche Bilanz der früheren Weltrekordlerin und fünfmaligen Weltmeisterin fiel allerdings auch recht bescheiden aus. Über 500 Meter belegte sie Platz sechs, über 1000 Meter kam sie auf den 25. Rang. Ein echter Stimmungstöter.