Biathlon

Gold für den schwer kranken Trainer

Die Biathletin Darja Domratschewa hofft, dass ihre Siege gegen den Krebs helfen

An emotionale Momente wie diese könnten sich Darja Domratschewa und Klaus Siebert gewöhnen. Die Weißrussin hatte gerade ihr zweites Biathlon-Gold in Krasnaja Poljana gewonnen, ihr Trainer nahm die herzlichen Glückwünsche der Konkurrenz entgegen. Domratschewa setzte sich nach 15 Kilometern gegen die Schweizerin Selina Gasparin durch. Bronze ging an Nadeschda Skardino, ebenfalls Sieberts Schützling. Für die deutschen Biathletinnen setzte es dagegen die nächste Enttäuschung. Beste des Quartetts war die 20 Jahre alte Olympia-Debütantin Laura Dahlmeier auf Rang 13. Evi Sachenbacher-Stehle wurde 20., Franziska Hildebrand 38., Franziska Preuß gab nach fünf Fehlschüssen sogar auf.

Doch im Fokus stand die Siegerin. Beziehungsweise sie und ihr Trainer, zu dem sie eine besondere Beziehung hat. „Ich habe ihm viel zu verdanken, so, so sehr.“ Schon am Dienstag hatte die 27-Jährige das Verfolgungsrennen für sich entschieden. Da hatte der deutsche Coach in sich gekehrt, mit tränenfeuchten Augen die Gratulationen zum ersten Olympiasieg „seiner Dascha“ entgegengenommen. Die Ungewissheit über seine bevorstehende erneute Krebsoperation war für den Moment weit weg. „Das Gold war einer der glücklichsten Momente meiner Trainerlaufbahn“, sagte der Mann aus Altenberg.

Seit gut drei Jahren kämpft Siebert, 58, gegen den Krebs. Am Tag vor Heiligabend 2010 wurde ihm ein Stück vom Darm entfernt. Zwei Monate später folgten drei Viertel der Leber. Chemotherapien und unzählige weitere Behandlungen musste Siebert über sich ergehen lassen, ehe er im darauffolgenden Dezember beim Weltcup in Östersund wieder am Fernglas stand und die weißrussischen Skijägerinnen betreute. „Es ist nur eine Momentaufnahme, aber die ist sehr positiv. Ich bin meiner Familie und allen Ärzten und Krankenschwestern unsagbar dankbar, dass ich hier sein kann. Ich hatte viel Glück“, kommentierte er seine Rückkehr damals. Auch für Domratschewa war die Zeit schwer. „Seine positive Energie fehlte mir jeden Tag“, sagte sie.

Bei einer der Kontroll-Untersuchungen fanden die Ärzte Anfang des Olympia-Winters wieder etwas Verdächtiges in der Leber und rieten zur erneuten Operation. „Ich hoffe, dass meine Goldmedaillen ihm helfen, richtig gesund zu werden. Klaus ist ein starker Mann mit viel Kraft“, sagte Domratschewa. Für sie ist Siebert „wie ein zweiter Vater“. Ihren eigenen Vater hatte sie früh verloren. Dazu sei er „einer der weltbesten Spezialisten fürs Biathlon-Schießen. Wenn es mal nicht läuft, rät er mir, nach vorn zu schauen. Also vergesse ich beim nächsten Start, was passiert war und denke an das nächste Rennen.“ Die Komplimente gibt Siebert zurück: „Darja hat die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen und wird jedes Mal, wenn sie einen Rückschlag erlebt, danach noch stärker.“

Er ist seit acht Jahren in Weißrussland engagiert. Ob die Spiele von Sotschi wie geplant seine letzte berufliche Station auf internationalem Parkett werden, scheint nach Domratschewas Siegen wieder offen. Der Vertrag des Biathlon-Weltenbummlers läuft zwar aus. Man darf aber davon ausgehen, dass die Weißrussen viel investieren werden, um mit ihm zu verlängern. Noch sagt Siebert: „Ich höre auf.“ Aber er sagt auch: „Die Arbeit lenkt mich ab.“ Vielleicht wäre sie das, was er jetzt so sehr braucht wie „seine Dascha“ in einer schlechten Phase: nach vorn schauen zu können.