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Wie das Netz Stars macht

Athleten müssen nicht mehr unbedingt Medaillen gewinnen, um berühmt zu werden

Der erste Star von Sotschi war nicht etwa Snowboarder Sage Kotsenburg (USA), der zu Beginn die Goldmedaille im Slopestyle holte. Die erste Berühmtheit dieser Olympischen Spiele war das Hashtag #sochiproblems, mit dem Journalisten aus ihrer Sicht viele Kuriositäten aus dem Badeort am Schwarzen Meer in die Heimat twitterten. Der Spaß-Account @SochiProblems hat mittlerweile mit 343.000 Abonnenten fast 100.000 mehr Leser als das offizielle Profil @Sochi2014. Damit zeigt sich, dass sich die Wahrnehmung von sozialen Medien gewandelt hat. Wenn sich der Kurznachrichtendienst Twitter in London 2012 erstmals bei Olympia etablierte, dann ist Sotschi nun der Durchbruch des viralen Spiele-Konsums.

Kotsenburg hat sein erster Platz aber nicht geschadet. Ganz im Gegenteil. „Wow! Ich habe gerade bei Olympia gewonnen und bringe das erste Gold für die USA nach Hause! Danke für die Unterstützung, ihr seid eine Wucht!“, twitterte er seinen Anhängern zu. Deren Zahl stieg sprunghaft. Von knapp 10.000 auf über 64.000 in einer Woche. Der amerikanischen Zeitung „USA Today“ sagte er dazu: „Das ist der Wahnsinn. Es ist merkwürdig, dass nach so einem Ereignis so viele Menschen meinen Nachrichten folgen. Dabei habe ich doch nur einen guten Lauf gelandet. Davor habe ich das viele tausend Mal gemacht.“

Doch etwas ist anders dieses Mal bei Olympia. Das IOC ermunterte in seinen Regeln die Athleten ausdrücklich, während der Spiele zu twittern. Selbst die Herren der Spiele haben gemerkt, dass die sozialen Netzwerke die Art und Weise, wie der Sport konsumiert wird, völlig geändert haben. Das als Second Screen bezeichnete Smartphone oder Tablet ist bei Fernsehübertragungen oft angeschaltet, und über die Ereignisse in Sotschi wird wie an einem virtuellen Lagerfeuer getwittert. Für die Athleten lohnt es sich, dort ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Die entscheidende Frage lautet mittlerweile, ob die Präsentation in den sozialen Netzwerken wichtiger wird als der sportliche Erfolg. Ist es nicht sinnvoller, durch die virale Verbreitung bekannt zu werden als eine Medaille zu gewinnen?

Die Geschichten der Amerikaner Johnny Quinn und Kate Hansen lassen das vermuten. Der 30-jährige Quinn startet im Bob für die USA, war aber eigentlich nur Experten seiner Sportart bekannt. Doch als er im olympischen Dorf nicht aus seinem Bad kam, weil die Tür sich nicht mehr öffnete, ließ er die ganze Welt an seinem #sochiproblem teilhaben. Berühmt wurde er durch den rabiaten Türdurchbruch, der gleich mit dem Hashtag #sochisolution (Sotschi-Lösung) gekennzeichnet wurde. Ohne eine Medaille zu gewinnen, wurde Quinn in unzähligen Fernsehsendungen interviewt. Die Zahl seiner Follower steigerte er von 3197 vor Olympia auf fast 26.000.

Gleiches geschah mit der amerikanischen Rodlerin Kate Hansen. Keine Medaille, dafür aber über Nacht ein Internet-Star. Statt sich normal aufzuwärmen, wie es andere Sportler machen, tanzte sie. Zur Musik von Beyoncé, wie sie freimütig über Twitter bekannt gab. Ihre Followerzahl stieg von 88 auf über 11.000.

Sportler sind nicht allein wegen der Erfolge für ihr Land bei Olympischen Spielen. Gerade für die Athleten der Randsportarten ist es wichtig, ihr Profil zu schärfen und für Sponsoren attraktiv zu werden. Die Werber suchen aber Typen, die hervorstechen. Sei es durch sportliche Erfolge oder durch virale Web-Effekte.

Wie das perfekt geht, hat @sochiproblems vorgemacht. Hinter dem Account steckt der 20-jährige Kanadier Alexander Broad. Eigentlich will er Sportjournalist werden. Stattdessen hat er das aktuell viralste Twitterprofil erschaffen: „Ich habe zwei Tweets abgeschickt und nichts passierte. Ich dachte, wenn ich 15 Follower bekomme, wäre das cool. Als ich später nachgeschaut habe, hat mich die Zahl umgehauen.“