Unerwartet

Küken auf Kufen

Die 15-jährige Anna Seidel ist die Zweitjüngste im deutschen Team. Heute startet sie im Shorttrack

Am Nachmittag steht eine Mathe-Klausur an. Viel gelernt hat sie dafür nicht. Wenige Tage vor ihrer Abreise nach Sotschi hat Anna Seidel anderes im Kopf als Variablen und Gleichungen. Als Entschuldigung sei angemerkt: Damit konnte sie nicht rechnen.

Seit dem 14. November 2013 steht die Welt der Schülerin aus Dresden Kopf. Beim Shorttrack-Weltcup in Kolomna/Russland erreicht sie das Finale über 1500 Meter. In ihrer ersten internationalen Saison überhaupt. „Vor mir sind drei Läuferinnen gestürzt, und ich konnte einfach ins Ziel fahren“, erinnert sich Seidel. Das reicht für die Olympia-Qualifikation. Vier Nächte kann sie vor Aufregung kaum schlafen. Das Handy klingelt pausenlos.

Denn die Sensation ist perfekt. Als zweitjüngste deutsche Athletin geht die 15-Jährige bei den Winterspielen an den Start. Neulich war sogar die „Bravo“ da, fünf Stunden dauerte das Fotoshooting. „Das ist alles schon ganz schön krass“, sagt Seidel, während über der Eissporthalle in Dresden langsam die Sonne aufgeht. Durch die Katakomben huschen junge Sportler mit Schlittschuhen über der Schulter. Frühmorgens und nachmittags trainiert Seidel hier täglich in der Vorbereitung auf Sotschi. Außer sonntags. Dazwischen: Schule, Interviews und begreifen, was da eigentlich auf sie zukommt. „Natürlich bin ich aufgeregt, auch weil ich nicht weiß, was mich erwartet“, sagt Seidel, die schnell spricht. Viele Sätze beginnt sie mit einem „okay“. Als müsse sie sich bremsen. Ihr Helm wirkt auf dem 1,65 Meter großen und 43 Kilogramm schweren Körper ein bisschen zu groß.

Es ist aber auch alles sehr aufregend. Eine 15-jährige Deutsche bei Olympischen Spielen gab es zuletzt vor 30 Jahren. Nur die Skispringerin Gianina Ernst ist im aktuellen Team jünger, neun Monate. Beide tragen noch Zahnspange. Als eines von zwei Küken im Team ist Seidel ohne Druck an die russische Schwarzmeerküste gefahren. „Wir haben nicht über Ziele gesprochen“, sagt ihr bulgarischer Trainer Miroslaw Bojadschiew, dessen Name kaum jemand aussprechen kann und den alle nur „Trainer“ nennen. „Sie muss keinen Respekt haben. Wenn sie abruft, was sie drauf hat, bin ich zufrieden.“

Seidels Geschichte erfreut „Trainer“ und die gesamte Szene. Auch wenn die eine oder andere Teamkollegin natürlich neidisch ist: Ohne ihre etwas glückliche Qualifikation hätte der Verband über den Quotenplatz sicher eine stärkere Läuferin zu den Spielen geschickt. Stattdessen ist neben Seidel nur ihr Dresdner Mannschaftskollege Robert Seifert dabei, der am Montag über 1500 Meter bereits in der Qualifikation ausschied und kommenden Dienstag noch über 500 Meter antritt.

Zwei deutsche Shorttracker bei Winterspielen – so dürftig vertreten war die Disziplin, seit 1992 olympisch, schon lange nicht mehr. Die kuriose Story von Anna Seidel kommt da ganz recht. Shorttrack ist eine Randsport am Rande, das Interesse in Deutschland im Gegensatz zu Nationen wie Südkorea und den Niederlanden überschaubar. „Mich macht das manchmal traurig“, sagt Seidel, die ihren Sport so liebt, weil man „sich richtig in die Kufen hauen und ein bisschen verrückt sein muss“. Anders als beim Eisschnelllauf, wo nur eins gegen eins gefahren wird und am Ende derjenige mit der besten Zeit gewinnt, ist Shorttrack ein Wettrennen. Vier bis acht Fahrer kämpfen im 111-Meter-Eisoval um die beste Position. Nicht selten gibt es Stürze. Seidel betrieb früher Leichtathletik, bis ihre Mutter fragte, ob sie nicht mal zum Shorttrack wolle. Weil sie doch so „huschelig“ sei, also klein und wendig. „Bei ihrer Größe liegt der Körperschwerpunkt nahe am Eis. Das ist ein Vorteil“, sagt Trainer Bojadschiew.

Anfänge in der Leichtathletik

Trotzdem wäre heute alles andere als ein frühes Ausscheiden über 1500 Meter eine Überraschung. „Ich habe in Sotschi nichts zu verlieren“, sagt Seidel, die vor allem die Atmosphäre genießen, Wettkämpfe besuchen, andere Sportler kennenlernen möchte. Und viele Fotos schießen, neben Shorttrack ihr liebstes Hobby. Wie bei einer Wahnsinns-Klassenfahrt wird es werden. Das vielleicht Beste daran: Dank der Spiele haben Seidels Winterferien zwei Wochen früher begonnen als für ihre Klassenkameraden. Und Mathe-Klausuren stehen in Sotschi auch nicht auf dem Programm.