HSV-Krise

Gewagtes Spiel

Vor der Pokalpartie gegen Bayern verschärft sich beim HSV der Machtkampf um Felix Magath

Die Ansage ist unmissverständlich. „Die Mailbox ist voll und kann leider keine weiteren Nachrichten entgegennehmen“, sagt eine Dame freundlich, aber bestimmt. Es scheinen also einige Anrufe eingegangen zu sein auf dem Handy von Felix Magath. Und es darf vermutet werden, dass es sich bei den Anfragen um das Thema Hamburger SV gedreht hat. Denn zwischen Magath und dem HSV wurde in den vergangenen Tagen eine alte Beziehung wiederbelebt: Der heute 60-Jährige spielte von 1976 bis 1986 in Hamburg, war danach Manager und trainierte den Klub später auch noch zwei Jahre lang. Nun soll er den Traditionsverein retten. Oder auch nicht.

Denn so einfach ist es beim HSV natürlich nicht. Im Schatten der Raute wird bekanntlich mehr geklüngelt als in jedem Dritte-Welt-Parlament. Der elfköpfige Aufsichtsrat bildet die Keimzelle in diesem Wollknäuel. Das höchste Vereinsgremium soll den Verein eigentlich mit fester Hand aus dem Hintergrund lenken. Doch das ist nur Wunschdenken.

Querelen im Aufsichtsrat

Am Sonntagnachmittag zum Beispiel versammelte sich das Gremium im noblen Hotel „Grand Elysée“, um endlich „Butter bei die Fische zu tun“, wie der Hamburger gemeinhin sagt. Doch Butter war aus beim HSV, dafür stank der Fisch mal wieder gewaltig – vom Kopf her. Nach acht Stunden Beratung verdrückten sich die Aufsichtsräte durch die Tiefgarage und schickten Klubsprecher Jörn Wolf vor, der verkündete, dass es nichts zu verkünden gebe. Das ist nach einer so langen Verhandlung natürlich etwas dünn.

Worum ging es hinter verschlossenen Türen? Kurz gesagt: um Felix Magath. Der war zwar nicht vor Ort, aber zwischenzeitlich telefonisch zugeschaltet. Magath, so hatten Teile des Aufsichtsrats ersonnen, sei der Einzige, der den Klub nach sechs Niederlagen am Stück (Negativrekord für den Klub) und dem Absturz auf den 17. Tabellenplatz noch retten könne. Dem aktuellen Trainer Bert van Marwijk wird dieses Kunststück nicht mehr zugetraut – eine Einschätzung, die nach 15 Punkten aus 15 Spielen durchaus ihre Berechtigung hat.

Nun wäre es ein Leichtes, van Marwijk zu entlassen und Magath einzustellen – theoretisch jedenfalls. Praktisch aber ist es nahezu unmöglich. Denn zum einen will Magath nicht als Trainer nach Hamburg kommen. Er würde sich zwar, so heißt es, bis zum Saisonende auf die Bank setzen. Aber spätestens dann will er Vorstandsvorsitzender des Vereins werden. Dieser Posten ist bislang von Carl-Edgar Jarchow besetzt. Und von Manager Oliver Kreuzer will Magath sich wohl auch nicht in die Transferpolitik reinreden lassen.

Deshalb – und damit kommen wir zum zweiten Punkt – hat sich der Aufsichtsrat wieder einmal in den Haaren. Um nämlich Magath die geforderte Machtfülle ermöglichen zu können, müsste das Kontrollgremium den bestehenden Vorstand entlassen. Jarchow und Kreuzer besetzen nämlich nicht nur Posten, die Magath haben möchte, sie haben sich auch in Nibelungen-Treue an van Marwijk gekettet, dem sie eine Schonfrist bis zum Spiel gegen den Tabellenletzten aus Braunschweig am kommenden Sonnabendnachmittag gewähren. Im Pokalspiel gegen den FC Bayern heute (20.30 Uhr, ARD) darf also passieren, was will.

Fünf der elf Aufsichtsräte sind wild entschlossen, Magath den Weg freizuräumen. Drei Räte, die der mächtigen Mitgliederorganisation „Supporters“ zugeordnet werden können, sind strikt dagegen. Acht Stimmen sind für eine Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat nötig. Die drei benötigten Stimmen waren von den drei unentschlossenen Kontrollmitgliedern am Sonntag nicht zu bekommen, obwohl die Pro-Magath-Fraktion offenbar fest davon ausgegangen war. Immerhin soll sich am Donnerstag zuvor eine Abordnung des Gremiums mit dem Auserwählten getroffen haben, um seine Bereitschaft zu erfragen.

So also trennten sich die höchsten Funktionäre am späten Sonntagabend ebenso ergebnis- wie ratlos. Sie befinden sich jetzt in einer Zwickmühle. Kommen sie auf keinen gemeinsamen Nenner, wird van Marwijk am Samstag gegen Braunschweig auf der Bank sitzen. Dann aber wird Magath nicht kommen, der dem Aufsichtsrat eine Frist bis zu eben jenem Spiel gesetzt haben soll. Verliert der HSV beim Tabellenletzten, stehen die hohen Herren also ziemlich blank da. In diesem Fall schnell den arbeitssuchenden Mirko Slomka zu engagieren, gilt in Hamburg nur als Notlösung, da sich so mittelfristig an den maroden Strukturen nichts ändern wird.

Durch die Posse vom Sonntag ist im HSV ohnehin schon mehr zu Bruch gegangen, als der Verein verkraften kann. Van Marwijk ist endgültig in die Kritik geraten, woran das DFB-Pokalspiel gegen den wohl übermächtigen FC Bayern kaum etwas ändern wird. Jarchow und Kreuzer wissen, dass sie im Aufsichtsrat ebenfalls keinen Rückhalt mehr besitzen. Insbesondere Jarchow ist so zur „lame duck“ degradiert worden. Zur lahmen Ente beim brüchigen HSV.

Der Vorstandsboss hat zwar noch einen Vertrag bis 2015, seine Absetzung im kommenden Sommer gilt aber als sicher. Dass er bis dahin noch die überlebenswichtige Ausgliederung der Profiabteilung organisieren muss, ist eine weitere Farce im Hamburger Trauerspiel. Und auch Magath wird – wenn er denn kommt – mit dem Makel antreten müssen, dass der Aufsichtsrat nicht geschlossen hinter ihm steht. Es gibt also nur Verlierer in Hamburg. Auf und neben dem Feld. Doch damit nicht genug: Milliardär und HSV-Mäzen Klaus-Michael Kühne hat laut „Hamburger Abendblatt“ Magath in einer persönlichen Mail aufgefordert, Verantwortung beim HSV zu übernehmen. „Geben Sie sich einen Ruck. Werden Sie Sportdirektor und Trainer beim HSV – dann wird alles gut!“, schrieb der Unternehmer.

Brief von Milliardär Kühne

Zugleich appellierte der Investor, der sich nach der für diesen Sommer geplanten Strukturreform mit mehreren Millionen Euro am HSV beteiligen will, an Magath, rasch beim HSV einzusteigen. „Sie müssen am Samstag auf der Trainerbank sitzen; sonst gehen weitere drei Punkte verloren und die Situation wird noch hoffnungsloser.“

Bereits am Donnerstag soll sich Kühne mit Marketingvorstand Joachim Hilke, HSVPlus-Initiator Otto Rieckhoff und Aufsichtsratschef Jens Meier getroffen haben, um über die Personalie Felix Magath zu debattieren. Weil aber nichts passiert ist, hat Kühne nun selbst die Initiative ergriffen: „Ich stehe hundertprozentig hinter Ihnen und hoffe, dass Aufsichtsrat und Vorstand endlich geschlossen handeln – sonst sind diese Leute ,Manager des kollektiven Untergangs'!“, heißt es im Brief. Unterschrieben ist er so: „Mit besten Grüßen für alle HSV- und Magath-Fans. Klaus-Michael Kühne.“