Eisschnelllauf

Der letzte Traum bleibt unerfüllt

Eisschnellläuferin Jenny Wolf wollte sich gut verabschieden bei Olympia, doch für die Berlinerin springt nur Rang sechs heraus

Es muss manchmal schon ordentlich zur Sache gegangen sein, in den 18 Jahren, die Eisschnellläuferin Jenny Wolf und ihr Trainer Thomas Schubert zusammengearbeitet haben. Nach dem olympischen Finale über 500 Meter schienen jedenfalls grundsätzlich unterschiedliche Sichtweisen zu bestehen über die Diskrepanz zwischen einem mäßigen ersten und einem guten zweiten Lauf. Damit plage man sich bei wichtigen Wettkämpfen seit Jahr und Tag herum, sagte Schubert, „aber was soll man schon machen bei einer Frau über 30, die selbst der Meinung ist, dass sie mental nichts tun muss“. Da sei ihr Trainer mal wieder besonders diplomatisch gewesen, entgegnete später Wolf, die sich den Unterschied folgendermaßen erklärte: „Innen-/Außenbahn. Das ist bei mir immer die Tendenz, dass ich außen (als Startbahn, d. Red.) besser klar komme.“

Uneins mit Trainer Schubert

Wolf ist studierte Geisteswissenschaftlerin, man kann davon ausgehen, dass sie an solchen Debatten durchaus ihre Freude hat. Und dass sie einiges einstecken kann, denn hinter ihrer manchmal vielleicht etwas herben Fassade besitzt sie Charme und Selbstironie. Vor allem dann, wenn sie zufrieden ist oder erleichtert, oder beides, so wie gestern in der Adler Arena von Sotschi, auch wenn es dort nur zu einem sechsten Platz reichte: „Ich bin alt genug, um zu akzeptieren, wenn andere schneller waren.“

Angesichts der aktuellen Vorgänge im deutschen Eisschnelllauf mochten böse Zungen da vielleicht einen kleinen Seitenhieb gegen Claudia Pechstein hineindeuten, die ja mit 41 immer noch so ihre Probleme hat mit dem Verlieren und manchmal auch mit dem Respekt für andere. Aber das war nicht Wolfs Punkt, mit dem Thema wollte sie sich bei aller Diskussionsfreude gewiss nicht herumschlagen. Sie war einfach mit sich im Reinen. Und ein bisschen froh, dass es jetzt vorbei ist mit ihr und Olympia.

18 Jahre Leistungssport: Zum Saisonende wird die 35-Jährige aus Berlin ihre Karriere beenden. Fast hätte sie vor zwei Jahren schon aufgehört. Aber nach langer Reflexion kam sie zum Schluss, dass ihre Olympiakarriere nicht mit dieser Niederlage aufhören sollte – dieser epochalen Enttäuschung von Vancouver, wo sie nach jahrelanger Dominanz über ihre Strecke das Olympiagold verpasste, weil just dort der Stern der Koreanerin Sang-Hwa Lee aufging.

Das mit der Revanche in Sotschi allerdings war von vornherein eine schwierige Sache. Weil Lee mittlerweile in eine eigene Sphäre gelaufen ist und nun ihren Titel folgerichtig mit neuem olympischen Rekord von 74,70 Sekunden (37,42 und 37,28) souverän verteidigte. Und weil die Sprintszene insgesamt breiter geworden ist, so dass in der Chinesin Beixing Wang eine weitere alte Konstante leer ausging. Silber gewann die Russin Olga Fatkulina (75,06), Bronze die Niederländerin Margot Boer (75,48); Hollands achte Medaille beim vierten Rennen durch das Eisoval.

Im – stilistisch gewagten – malvenschwarzen Anzug des deutschen Teams verpasste Wolf, aus welchen Gründen letztlich auch immer, tatsächlich schon im ersten Umlauf (37,93) die Medaillenchance. Der um zwei Zehntel bessere zweite Durchgang versöhnte sie jedoch mit ihrem Olympiaabschied, sie reckte den Arm nach oben und winkte ins Publikum. Später versicherte sie glaubhaft, ihre Entscheidung von vor zwei Jahren nie bereut zu haben. „Es war noch mal eine super Zeit, denn es ging darum, mir noch mal zu beweisen, so trainieren zu können, wie ich möchte.“

Während der deutsche Eisschnelllauf-Verband seinen nächsten bitteren Tag erlebte – Judith Hesse wurde wegen zwei Frühstarts im ersten Lauf disqualifiziert, Denise Roth landete auf Rang 21., Gabriele Hirschbichler lediglich auf dem 34. und damit letzten Platz –, verlässt eine Athletin (nach dem Rennen über 1000 Meter dann) die große Bühne, wie es sie so bald in ihrer Heimat wohl nicht mehr geben wird.

61 Weltcupsiege, fünf WM-Titel, in all den Jahren kaum einen Rennen verpasst. Sie wolle zum Abschluss noch ihren 50. Weltcup über 500 Meter gewinnen und habe ansonsten schon ein paar Ideen, wie es jetzt in ihrem Leben weiter gehen könne. Mit einer Promotion, zum Beispiel. Nur eine Forstsetzung der Karriere, die steht ganz bestimmt nicht zur Auswahl, sagte Jenny Wolf: „Man sieht ja, ich werde nicht schneller.“

Es droht die ganz große Pleite

Der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) droht nun in Sotschi ein Desaster. Sollte heute nicht Samuel Schwarz (siehe Artikel unten) als Außenseiter aufs Treppchen über die 1000 Meter springen, und trifft in Claudia Pechstein über 5000 Meter am 19. Februar die letzte Medaillen-Patrone nicht ins Schwarze, würde erstmals seit 50 Jahren kein deutscher Eisschnellläufer auf dem Podium bei Winterspielen stehen.