Turnierstart

Stunde der Patrioten

Owetschkin und Co. wollen den Eishockey-Mythos aus Sowjet-Zeiten endlich wiederbeleben

Da sitzt sie also, die ganze Riege, 25 Mannsbilder, hinter ihnen die Flaggen Russlands, Olympias und Sotschis. Und mittendrin ihr Chef, der keinen Zweifel daran lässt, dass er der Chef ist. Wladislaw Tretjak, 61, höchstpersönlich ist gekommen, um den wichtigsten Wettbewerb dieser Spiele einzuläuten. „Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren, wir freuen uns, Sie hier zu sehen. Ich habe viermal bei Olympia gespielt und ich war zweimal als Trainer dabei. Aber so ein Interesse an Eishockey habe ich noch nie gesehen.“

Das mag erst mal nicht verwunderlich erscheinen, denn Tretjak, die lebende Legende, der beste Torhüter der Geschichte, hat ja zu Sowjetzeiten gespielt: und da gehörte das Schweigen zum Programm, da gab es so etwas nicht, Pressekonferenzen. Auch die Russen des Jahres 2014 hätten es gern so gehalten, noch bei der Ankunft der ersten Spieler in Sotschi ließen sie die Reporter grußlos am Flughafen stehen. Aber dann hat ihnen offenbar jemand gesagt, dass das so nicht funktionieren wird, nicht für das IOC, aber auch nicht für ihre Landsleute, die den nationalen Stolz in der Bolschoi-Eishalle verhandelt sehen werden, sobald ihre Mannschaft am Donnerstag gegen Slowenien (13.30 Uhr) auf das Eis geht. Deshalb sitzen sie jetzt hier.

Wie Fußball-WM in Brasilien

Eishockey-Olympia in Russland, das muss man sich so vorstellen wie eine Fußball-WM in Brasilien. Auch die Brasilianer haben das Spiel nicht erfunden, das waren die Engländer. Aber sie haben es verfeinert und auf eine neue ästhetische Ebene gehoben. So wie die Sowjets das in Kanada entstandene „Hockey“. Bei der ersten WM-Teilnahme 1954 gewannen sie den Titel, bei der ersten Olympiateilnahme 1956 die Goldmedaille, und während es mit dem Kommunismus bald zu Ende gehen sollte, erreichte die „Sbornaja“ in den 1980er-Jahren ihre volle Blüte. Fetissow, Kassatonow, Makarow, Larionow, Krutow: der brillanteste Block der Eishockey-Geschichte. Wo sonst würde eine Eishockeyhalle so genannt wie ein berühmtes Balletthaus?

„Big Red Machine“ hießen die großen Sowjetteams in Kanada und den USA. „Ich will, dass unsere Jungs wieder an die ‚Big Red Machine’ erinnern“, hat Tretjak dieser Tage gesagt, auch deshalb zeigt er in Sotschi so viel Präsenz. Um ein Zeichen zu setzen. Eine Traditionslinie zu markieren. Den Spielern zu veranschaulichen, dass sie hier für einen Mythos spielen. Vielleicht um die letzte Chance, den Mythos zu wahren.

Russland fehlt es nicht an herausragenden Spielern. Ihre aktuellen vier Granden sind die Angreifer Pawel Datsyuk, Jewgeni Malkin, Ilja Kowaltschuk und zuvorderst Alexander „Zar“ Owetschkin, der in Sotschi von so ziemlich jeder zweiten Litfaßsäule grüßt. Aber wo die Sowjetunion nur zweimal den Olympiasieg verpasste – 1960 und 1980 – und sogar die in der Auslösung begriffene GUS noch 1992 die Tradition wahrte, hat Russland als eigenständiges Land noch kein Gold gewonnen. Zuletzt in Vancouver setzte es im Viertelfinale gegen Erzrivale Kanada ein 3:7. „Das war eine Katastrophe“, sagt Boris Michailow, Stürmerstar und Kapitän der 1970er-Jahre. „Ein paar haben tapfer gekämpft, aber andere haben gar nichts hinbekommen, um es milde auszudrücken.“

Zu seiner Zeit lebten die Spieler das ganze Jahr über zusammen in Baracken beim Armeesportklub ZSKA. Michailow sagt, er kannte die Kollegen seiner Sturmreihe so gut, dass er schon vor ihnen wusste, was sie als nächstes tun würden. So wie Kassatonow, in Sotschi als Teammanager der „Sbornaja“, mal sagte: „Unsere Reihe hatte nur eine Regel: Wenn ein Gegner einen von uns berührte, war er eines jeden Feind“.

Niemand von ihnen will den Drill verklären, der dahinter stand. Aber ihre Bemerkungen zielen ins Herz des Misstrauens, dem sich die heutigen Stars auch bei den Fans gegenüber sehen: Sie würden vor allem an ihre Karrieren in Amerikas Profiliga NHL denken und darüber die traditionelle Verbundenheit opfern. Aber wie soll die auch überleben? Es gibt eben keinen Kampf der Systeme mehr, im Gegenteil: In ihrem Prestigesport sind die Russen inzwischen so amerikanisiert wie in keinem anderen.

Von den 25 Akteuren im Kader des Nationaltrainers Sinetula Biljaletdinow – Olympiasieger 1984 – spielen 16 in Nordamerika und neun daheim in der KHL. Darunter allerdings auch Kowaltschuk, der voriges Jahr nach 816 Scorerpunkten in 816 NHL-Spielen den New Jersey Devils den Rücken kehrte, obwohl er dort noch einen Vertrag über zwölf Jahre und 77 Millionen Dollar Gehalt besaß. Kowaltschuk, 30, führte vor allem familiäre Gründe an, aber natürlich war es irgendwo auch ein Statement.

Natürlich steht das Team vor dem Turnierstart heute mit dem Spiel Tschechien gegen Schweden unter Druck, vor allem auch deshalb, weil die Kanadier es vor vier Jahren bei den Spielen in Vancouver vormachten und daheim Gold gewannen im Nationalsport. „Druck? Ich mag Druck!“, so Owetschkin.

Kapitän Datsyuk sagte gegen Ende der Pressekonferenz auf die Frage, ob sich die Spieler während Olympia diesmal wie Brüder fühlen: „Wir haben noch mehr Brüder: Das ganze Land.“ Wenn es gut läuft in den nächsten zehn Tagen, wird man den Satz bestimmt noch oft hören, aber der Interviewtermin wird nach gerade mal 20 Minuten für 25 Leute beendet. Ein bisschen leben sie dann eben doch noch, die alten Zeiten.