Fitness

Je oller, je doller

Der 40-jährige Biathlon-Olympiasieger Ole Einar Björndalen lebt es vor: Das Alter ist nur eine Zahl

Anthony Quinn, der unvergessene Hobbyboxer und Hollywoodstar („Alexis Sorbas“), hat die Menschen im fortgeschrittenen Alter einmal mit dem unbezahlbaren Satz getröstet: „Auch mit 60 kann man noch 40 sein – zumindest eine halbe Stunde am Tag.“ Aber wie lange kann man mit 40 noch 20 sein?

Dieser Tage bekommen wir auch darauf eine zündende Antwort: zumindest ein paar Minuten am Tag – und wer sich die gut einteilt, ist am Ende vielleicht sogar Olympiasieger.

Eigentlich wollte ja die Jugend der Welt in diesen Winterwochen die Medaillen holen, aber wenn sie nicht aufpasst, geht Sotschi als Veteranen-Olympia in die Geschichte ein – was nicht nur an Ole Einar Björndalen liegt, der soeben sein siebtes Gold gewonnen hat und auf dem besten Weg zum erfolgreichsten Wintersportler aller Zeiten ist.

Norweger ist so fit wie nie

Auch bei etlichen anderen stößt man, wenn man ihnen die Beine aufsägt und die Jahresringe zählt, auf ein immense Erfahrung: Der Russe Albert Demtschenko rodelt noch mit 42 vorn mit, sein italienischer Rivale Armin Zöggeler ist 40, der japanische Skispringer Noriaki Kasai 41. Im Eishockey hecheln der Finne Teemu Serlänne, 43, der Tscheche Jaromir Jagr, 42, und der Schwede Daniel Alfredsson, 41, ungebrochen hinter dem Puck her.

Bode Miller ist auch schon 36, und die alte US-Pistensau war am Sonntag sogar der heimliche Favorit auf das Abfahrtsgold. Warum dann nichts daraus wurde? Der ZDF-Kommentator mutmaßte: „Er hat den Druck des Alters gespürt.“ Aber womöglich ist auch genau das Gegenteil richtig – und Bode war für Sotschi einfach noch zu jung.

Die bewährte Veteranenphilosophie („Ich bin ein erfahrener Cowboy, mir pinkelt keiner in die Satteltasche“) erzielt ihre Wirkung bei diesen Winterspielen erst ab 40. Björndalen ist so fit wie nie. Als der Biathlon-König am Sonnabend Hof hielt, hat er ungefähr gesagt: Warum soll ich aufhören, solange ich besser bin als die Jungen – und wieso soll ich mit 40 den Pinsel weglegen, wenn Charlie Chaplin im hohen Alter noch Nachwuchs gezeugt und Michelangelo noch die Decke der Sixtinischen Kapelle bemalt hat?

„Ich fühle mich im Kopf wie ein Junger“, sagt der norwegische Dino, und darüber hinaus läuft er wie geschmiert und sieht die Scheibe am Schießstand nicht verschwommen – nach wie vor ist die einzige Brille, die er braucht, die Klobrille. Als er neulich 40 wurde, feierte Björndalen mit Sprudel. So spielt eiserne Disziplin gewinnbringend Doppelpass mit dem medizinischen Fortschritt. Die Menschen werden immer älter, also werden auch die Sportler älter. Früher haben sie mit 40 ihre Memoiren verfasst, vereinzelt sogar schon ihr Testament – heute zeigen sie den Jungen, wo der Hammer hängt.

Übrigens nicht nur im Wintersport. Kürzlich hat Martin Kind, der Präsident von Hannover 96, nach der Entlassung seines Trainers Mirko Slomka die Bewerberliste studiert und der staunenden Öffentlichkeit mitgeteilt: „Mein Highlight ist Giovanni Trapattoni.“ Statt die Tage totzuschlagen mit Seniorenkreuzfahrten durch die Südsee, dem Gassiführen seines Dackels, einem Auftritt im Dschungelcamp oder dem Einbau einer Rollstuhlrampe im Haus, ist dieser ewige Italiener noch mit 74 voller Tatendrang. Von wegen „Habe fertig! Flasche leer!“ Flasche voll!

Der Trend galoppiert durch alle Bereiche der Gesellschaft. Jeder sträubt sich gegen das Aufhören, getrieben vom ewigen Leistungsbiss, der Angst vor der Leere oder der ungebrochenen Wettkampflust. Jopi Heesters stand noch mit 108, gestützt von kräftigen Helfern, auf der Bühne. Phil Taylor ist über 50 und stöhnt: „Meine Groupies werden alt, haben keine Zähne mehr und gehen am Stock“ – trotzdem wirft er weiter seine Dartpfeile. Vor einer Woche, anlässlich der Super Bowl im American Football, hat der ehemalige Star-Quarterback John Elway von den Denver Broncos erzählt, wie heilfroh er ist, bis knapp 40 gespielt zu haben, denn erst am Ende hatte er seine größten Erfolge. „Wenn du aufhörst“, sagt Elway, „willst du auf deinem letzten Bein aufhören. Du lässt nichts auf dem Tisch. So verlässt ein Wettkämpfer das Spiel.“ Jeder Krumen vom Kuchen wird mitgenommen. Wie in Sotschi.

Auch Claudia Pechstein ist aus diesem ewigen Hartholz geschnitzt. Am Sonntag nahm sie Anlauf zu ihrer zehnten Medaille, was nicht ganz von Erfolg gekrönt war. Sie ist 41, aber immer noch angriffslustig, wie man das von einer Frau nicht mehr erlebt hat, seit vor Jahren die polnische Großmutter Krystyna Zbyszynska mit 84 mit dem Fallschirm absprang.

Twittern und Tablet statt Sport

Warum, fragt sich die Berlinerin, soll ich aufhören? Sie schimmelt nicht, sie riecht noch nicht ranzig und ist topfit – vermutlich steht sie jeden Morgen beim ersten Hahnenschrei auf und eröffnet den Tag mit zwei Dutzend Liegestützen auf einem Arm, 25 Kniebeugen sowie drei hartgekochten Eiern im Tomatensaft.

In einem Interview hat Claudia Pechstein neulich die nachrückende Generation mit den Worten bedacht: „Viele junge Leute interessieren sich gar nicht mehr für den Sport, weil sie lieber an ihrem Tablet, Computer, Smartphone oder ihrer Playstation spielen. Studien belegen, dass Kinder nicht mehr die Rolle vorwärts oder rückwärts schaffen. Die können ja meinetwegen alle auf Twitter oder Facebook unterwegs sein, aber das Problem ist, dass es überhand nimmt und für nichts anderes mehr Platz lässt.“

Ihr kann es recht sein. So hält sie womöglich sogar noch bis 2018 mit. „Das Alter ist nur eine Zahl“, sagt sie, „wichtig ist, wie man sich fühlt.“ Was bei diesen Winterspielen passiert, ist für die Älteren unter uns jedenfalls der größte Motivationsschub, seit unser Volksmusikbarde Heino anlässlich seines 70. Geburtstags mittels einer Balkenüberschrift bekanntgab, dass er seine Frau Hannelore nach wie vor mannhaft vernascht: „Dreimal Sex die Woche, ohne Viagra!“

Sotschi ist jetzt sozusagen der vorläufige Höhepunkt des Trends: Wer erst einmal über 40 ist, macht so schnell nicht mehr schlapp.