Protest

Drag Queens und das Desinteresse am Schwarzen Meer

In den Schwulen-Klubs und Cafés von Sotschi gibt es wenig Aufbegehren gegen Putin und die Olympischen Spiele

Das Nachtprogramm im Majak beginnt mit einer patriotischen Einlage der etwas anderen Art. Ein Video wird abgespielt, in dem die russische Nationalhymne von Lesben, Schwulen und Kindern gesungen wird, so wunderbar und melancholisch, wie sie nur sein kann. Die Gäste in Sotschis bekanntestem Schwulen-Klub unterbrechen ihre Gespräche. Es ist eine ergreifende Antwort auf Russlands umstrittenes Gesetz, das „homosexuelle Propaganda“ bestraft, vermeintlich zum Kinderschutz.

Alexej hat sich an der Bar einen Wodka mit Apfelsaft geholt. Er ist aus Moskau und alleine hier. Nach Sotschi ist er mit einem Freund gekommen, aber dem hat er nicht gesagt, wo er hingeht, denn sein Kumpel ist natürlich. „Natural“, sagt Alexej. Er selbst hingegen ist schwul. Seine Familie weiß das nicht. Nur sein Freund weiß es, der in Moskau geblieben ist. Zusammen geht das Paar nicht in die Öffentlichkeit.

Doch bevor es im Majak allzu ernst werden kann, betritt Zaza Napoli die Bühne, eine Drag Queen mit riesigem Dekolleté. In ihrer politisch maximal unkorrekten Kabaretteinlage geht es vor allem um „Schwänze“ und „Titten“ und ein bisschen auch um Putin, wie Alexej verrät: „Versaut, aber elegant“ findet er ihren Humor. Es ist wohl ein gutes Zeichen, dass das Thema im Majak nicht totgeschwiegen wird. Das Thema, das große Teile der Weltöffentlichkeit gegen Russland aufgebracht hat, das zwischenzeitlich zu Boykottaufrufen führte und bei der Eröffnungsfeier beispielsweise zu einer Toleranzaufforderung von IOC-Chef Thomas Bach an die Politik.

Olympia im Majak: An der Bar küssen sich Männer, die Tanzfläche belegen Frauen, die ziemlich heterosexuell wirken, und auf der Bühne tritt jetzt Waranda auf, der nächste Transvestit. Sie hat nicht nur riesige Kunstbrüste umgeschnallt, sondern trägt auch eine Retro-Trainingsjacke aus Sowjetzeiten.

In etwa das gleiche Freiheitsgefühl, das heimliche Homosexuelle im Majak empfinden müssen, befällt den Reporter, wenn er für ein paar Stunden das olympische Sicherheitsgetto verlässt. Es geht entspannt und gemächlich zu im Zentrum von Sotschi. An der Hafenpromenade mit ihren Kreuzfahrtschiffen und Jachten reihen sich Luxusgeschäfte aneinander – umgeben von künstlichen Kirschblüten. Als die Sonne im Schwarzen Meer versinkt, sind die Geschäfte voller als die Olympia-Fanzone mit ihren Riesenbildschirmen.

Die Kurstadt begleitet das erste Wochenende ihrer Spiele mit höflichem, aber überschaubarem Interesse. Das liegt wohl auch daran, dass Russland im Allgemeinen und die Bewohner seiner wärmsten Stadt im Besonderen mit Schneesport nicht allzu viel anfangen können. Die Bars am Ufer schalten ihre Fernseher erst ein, als am Abend die Eiskunstlaufwettbewerbe beginnen. Und wo die Einheimischen essen gehen, ein paar Kilometer weiter südöstlich vom Hafen, vorbei an Parks, Springbrunnen und der Datsche von Stalins Geliebter, gibt es erst gar keine Fernseher.

„Sotschi war eine viel schönere Stadt, bevor Olympia kam. Alles war grün, Natur, Bäume“: Diese Meinung hat Natascha im Café Derevnya nicht exklusiv. Sie trägt enge Leggins mit Leopardenoberteil und gehört zu einer Geburtstagsfeier, bei der sich alle Mädchen sehr viel Mühe mit ihrer Kleidung gegeben haben, derweil die Männer ihre Ressourcen eher aufs Trinken konzentrieren. Es ist, für Sotschi typisch, eine multikulturelle russische Abendgesellschaft, viele haben Wurzeln in den nahen Ex-Sowjetrepubliken Georgien und Armenien. Und womöglich liegt es auch daran, dass es eine sehr offene Abendgesellschaft ist.

Natascha sagt, dass Olympia in der Stadt trotz allem eine tolle Sache sei, und auch mit dieser Ansicht trifft sie wohl die allgemeine Befindlichkeit. Warum es gegen die negativen Aspekte dieser Olympischen Spiele nicht das geringste öffentliche Aufbegehren gibt, hat aber trotzdem ganz andere Gründe.

Demonstrationszone ist leer

Die Demonstrationszone liegt im Stadtteil Hosta, auf halbem Weg zwischen dem Zentrum und dem Olympiagelände in Adler. Nur hier, im 50-Jahre-Sieg-im-Vaterländischen-Kriegs-Park, dürfen sich Kritiker während dieses Treffens der Weltjugend versammeln, und wenn sie es tun, dürfen ihre Bekundungen nichts mit den Olympischen Spielen zu tun haben. Anders gesagt, man lässt es einfach gleich bleiben: Nur ein paar Mütter mit ihren Kindern. Sonst ist der patriotische Park menschenleer.

Auch Alexej will nicht in die Demonstrationszone. Er ist wegen des Sports nach Sotschi gekommen. Am meisten freut er sich auf Frauen-Eishockey.