Rodeln

Felix Deutschland

Rodler Loch beschert dem deutschen Team wie vor vier Jahren in Vancouver auch in Sotschi das erste Gold. Der Erfolg soll für eine Initialzündung sorgen

Übermütig betrachtet, legt das erste deutsche Siegergesicht dieser Olympischen Spiele eine lustige Vermutung nahe: Hätte Felix Loch keine Ohren, er würde wohl um das ganze Gesicht herum grinsen. Das Feixen jedenfalls wollte Felix, dem Glücklichen, gar nicht mehr aus dem Gesicht weichen, nachdem er sich im Eiskanal von Krasnaja Poljana für vier Jahre akribische Arbeit belohnt hatte. Olympiasieger im Einzel, zum zweiten Mal nach 2010 – das ist außer dem kernigen Bayern so jung noch keinem Rodler der Welt gelungen.

Dass es in der ersten Analyse ad hoc zu nicht mehr als Gestammel langte, ist dem Premieren-Goldmedaillengewinner zu verzeihen: „Wahnsinn! Perfekte zwei Tage. Einfach unglaublich.“ Etwas ruhiger sagte er: „Das ist überwältigend, einfach nur geil. Das ist die Krönung einer perfekten Saison.“ Erwartet worden war zwar vorher von aller Welt ein Zweikampf mit Albert Demtschenko, allenfalls bereichert durch die Konkurrenz von Armin Zöggeler. Dass Loch am Ende aber den mit Heimvorteil ins Rennen gegangenen Russen um 0,476 Sekunden und den nimmermüden Italiener um 1,271 Sekunden distanzieren würde, das war so nicht abzusehen gewesen.

„Felix hat es schön ’runtergezogen und tolle Läufe gehabt. Glückwunsch, es freut mich für ihn!“, gratulierte der als Viertplatzierter zweitbeste Deutsche, Andi Langenhan. Im Gegensatz zu David Möller (14.) hatte Langenhan bis zum Schluss noch leise Hoffnungen auf einen Platz auf dem Podest hegen dürfen.

Auch Beckenbauer schaut zu

Die Stimmung an der Eisrinne war Sonntagabend im Gegensatz zum Vortag ausgelassen. Als Anfeuerer hatte sich auch Lochs bajuwarischer Landsmann Franz Beckenbauer unter die Zuschauer gemischt. Angesichts der Euphorie, die das erste Gold für Deutschland am zweiten Wettkampftag lostrat, mag man dem Fußball-Idol eine charmante Flunkerei durchgehen lassen. Herr Beckenbauer, sind Sie Rodel-Fan? „Immer schon!“ Das erste Gold soll zur Initialzündung für die deutsche Mannschaft werden.

Davon abgesehen dominiert mit 24 Jahren nun ein Athlet moderner Prägung seine Sportart, wie es nur ganz wenige Athleten zu schaffen imstande sind. Als Gesamtweltcupsieger steht das 1,91 Meter große, 92 Kilo schwere Ausnahmetalent vom RC Berchtesgaden ohnehin schon fest. Von den vergangenen fünf WM-Titeln in seiner Disziplin gewann er vier. Mit Demtschenko lieferte er sich über zwei Tage ein Duell auf höchstem Niveau, zwei Bahnrekorde inklusive – und das auf einer Bahn, die kaum einen Fehler verzeiht.

Ein besonderer Dank ging deshalb an Georg Hackl, 47, Technik-Trainer, Mentor und väterlicher Freund in einem. „Der Schorsch und ich sind den ganzen Sommer über in der Werkstatt gestanden und haben am Schlitten gefeilt. Jetzt haben wir gesehen, was dabei rausgekommen ist“, sagte Loch, als er zu Atem gekommen war. Wie Hackl gehört auch Loch zu jenen Rodlern, die stundenlang über technische Fragen brüten können. Eines hat Loch seinem Vorbild aber nun voraus: Mit 24 Jahren ist er als Doppel-Olympiasieger sogar noch jünger, als es Hackl (25) und Zöggeler (28) zum Zeitpunkt des Gewinns ihrer ersten Olympiaplaketten waren. Kein anderer Rodler als diese drei hat je mehr als eine Goldmedaille mit dem Einsitzer gewonnen.

Man muss kein Prophet sein, um seriös vorauszusagen, dass Loch seinen Sport in Zukunft dominieren kann, wenn er weiter so passioniert arbeitet wie bisher. „Ich bin jung, aber ich bin ein sehr schneller Starter“, sagt er über sich und probiert auszugleichen, was Spitzenleute wie Demtschenko, 42, und Zöggeler, 40, ihm voraus haben: Erfahrung. „Sie sind sehr gute Fahrer, sie lenken sehr präzise. Ich kann davon noch lernen.“

Dass er eine Bahn perfekt zu lesen imstande ist, hat Loch im Sanki Sliding Centre abermals nachgewiesen. Vor allem die Passage an der fünften Kurve ist knifflig, vielen Konkurrenten passierten dort Fehler. Und auch der Sieger war in diesem zweitägigen Wettkampf zeitweise missmutig gestimmt. „Nach dem ersten Lauf war ich kurz sauer auf mich selbst“, kommentierte Loch seinen 0,015-Sekunden-Rückstand auf Demtschenko zu Beginn. „Da waren zwei, drei kleine Fehler, und die waren unnötig. Aber ich habe dann im zweiten Lauf angegriffen.“ So drehte er den Spieß um, plötzlich war Demtschenko mit 0,294 Sekunden in Rückstand. Fast schien es deshalb, als habe Loch der Treffer seines Lieblingsklubs Bayern München zum 2:0 gegen Nürnberg („Den habe ich oben an der Bahn noch mitgekriegt“) mehr elektrisiert als der eigene Wettkampf. Nee, winkte Loch ab und grinste breit: „Aber g’freit hoab i’ mi’ trotzdem drüber.“

Dienstag bereits finden die Rodel-Wettbewerbe ihre Fortsetzung. Im Einsitzer-Wettbewerb der Frauen sind – wenig überraschend – Deutsche die Favoritinnen: Allen voran Natalie Geisenberger. Die Gesamtweltcupgewinnerin wird sich vor allem gegen Tatjana Hüfner und Anke Wischnewski durchsetzen müssen.

4, 3, 5, 5, 4, 5 – so lautet die Anzahl Medaillen, die deutsche Rodler seit 1992 von Olympischen Spielen heimbrachten. Fünf bis sechs Medaillen sind in Sotschi 2014 der offizielle „Zielkorridor“. Doch wer wie in Vancouver vor vier Jahren 55 Prozent aller Medaillen einheimst, der muss sich ja nicht wundern, wenn hohe Ansprüche an ihn gestellt werden.

Felix Loch zog es nun zum Feiern ins „Kufenstüberl“, eine bayerische Feier-Depandance knapp zehn Autominuten vom Sliding Centre entfernt. Einem Weißbier ist der fröhliche Hüne nicht abgeneigt. Nur übertreiben wollte er die Party nicht – Donnerstag wartet noch die Team-Staffel. Und dort, sagte Loch, „ist die Chance, ein zweites Gold zu gewinnen, sehr, sehr groß“.