Eisschnelllauf

Pechstein weint bittere Tränen

Die Berlinerin verpasst über 3000 Meter ihre zehnte Olympia-Medaille nur knapp und wird Vierte. „Ich habe alles gegeben“

Er schrie, so laut er konnte. Mit jeder Runde, die seine Lebensgefährtin Claudia Pechstein im 3000-Meter-Rennen in der Adler-Arena drehte, wurde die Stimme von Matthias Große ein Stückchen heiserer. Der 46-Jährige fieberte so sehr mit der gebürtigen Berlinerin, dass andere Besucher irritierte Blicke in Richtung des hünenhaften Kahlkopfs warfen. Ihn störte das freilich nicht. Er brüllte so lange, bis seine Claudia über den Zielstrich gesaust war. Am Ende sollten ihre 4:05,26 Minuten die viertbeste Zeit des Tages bleiben.

Eine knappe halbe Stunde später war Große in einer anderen Rolle gefordert. Mit hängendem Kopf schlurfte Pechstein hinüber zu den wartenden Reportern. „Ich habe alles gegeben“, sagte sie leise: „Platz vier ist natürlich sch...“. Dann kamen ihr die Tränen. Große, der hemmungslose Einpeitscher von der Tribüne, verwandelte sich in einen besorgten Beschützer. „Gebt uns noch zwei Minuten“, sagte er.

Als Pechstein kurz darauf zurückkehrte, war sie gefasster. „Ich hoffe, dass es über die anderen Strecken wieder besser für mich läuft“, sagte sie mit Blick auf ihren geplanten Start über die 1500-Meter-Distanz am Sonntag: „Ich glaube, jeder hat gesehen, dass ich alles gegeben habe.“ Dann zog sie von dannen.

Claudia Pechstein hat in ihrer Karriere mehr Höhen und Tiefen erlebt als viele ihrer Konkurrentinnen zusammen. Mit neun Olympiamedaillen ist sie Deutschlands erfolgreichste Wintersportlerin, seit ihrer Sperre vor fünf Jahren auch die umstrittenste. Seit sie der Weltverband ISU 2009 wegen erhöhter Blutwerte für zwei Jahre ausgeschlossen hat, kämpft Pechstein um ihren Ruf. Sie fühlt sich ungerecht behandelt, eine vererbte Blutanomalie sei die Erklärung für ihre erhöhten Retikulozytenwerte. Dass Große, der Ex-Türsteher, offiziell als Betreuer für Olympia akkreditiert ist, hat die Debatte um den Pechstein-Start zusätzlich befeuert. Im Vorfeld hatte sie viel von ihrer „Mission Sotschi 2014“ gesprochen, sogar auf ihrem Auto prangte ein riesiger Aufkleber. Nach dem ersten von drei Wettkämpfen an der russischen Schwarzmeerküste steht die Erfüllung dieser Mission, der Gewinn ihrer zehnten Olympia-Medaille und damit eine Art Revanche gegen den Weltverband, weiter aus.

Den Grund dafür wollte Bundestrainer Markus Eicher unter anderem in dem Geläuf erkannt haben. „Das Eis war nicht so, wie es bei den Trainingseinheiten war“, sagte er mit Blick auf die vermeintlich nachlassende Gleitfähigkeit: „Vor allem hinten raus war es schwer.“ Im Gegensatz zur Olympiasiegerin Ireen Wüst (Niederlande), der Silbermedaillen-Gewinnerin Martina Sablikova (Tschechien) und erst recht der russischen Überraschungs-Dritten Olga Graf verlor Pechstein auf den letzten Runden viel Zeit. „Die drei haben das hervorragend gemacht“, sagte Markus Eicher: „Dass Sablikova und Wüst stark sein würden, war zu erwarten. Dass Olga Graf so schnell war, ist eine große Überraschung.“

Erster Podestplatz für Russland

Die Zuschauer nahmen sie nur zu gern hin und feierten die 30-Jährige fast noch lauter als die eigentliche Siegerin. Es war die erste Medaille für Russland bei dem großen Heimspiel, dazu auch noch mit der persönlichen Bestzeit von 4:03,47 Minuten. Vor Freude riss sie den Reißverschluss ihres Rennanzugs weit auf – beinahe zu weit: „Ich hatte kurzzeitig Angst, damit zum Youtube-Star zu werden“, sagte sie später lächelnd. Dieses Schicksal wird ihr erspart bleiben. Sie bemerkte den Fauxpas gerade noch rechtzeitig und zog den Verschluss wieder hoch.

„Olga Graf ist heute das Rennen ihres Lebens gelaufen“, analysierte auch Pechstein. „Nun will ich in zehn Tagen über 5000 Meter auch das Rennen meines Lebens versuchen.“ Auf der längeren Distanz könnte sie am 19. Februar doch noch als älteste Medaillengewinnerin bei Olympischen Winterspielen in einer Einzeldisziplin in die Historie eingehen.

Dass es noch nicht dazu reichte, sorgte selbst an höchster sportlicher Stelle für Mitgefühl. „Schade, dass es für sie mit der zehnten Medaille noch nicht geklappt hat. Wir hätten es ihr alle von Herzen gegönnt“, sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Vor allem auf den Geraden zeigte die Berlinerin einige Schwächen und verlor wertvolle Zeit. Pechstein hatte einen forschen Auftakt hingelegt, der ihr am Ende wohl auch zum Verhängnis wurde. Anschließend haderte sie mit sich selbst. „Ich bin nicht in meinen Rhythmus gekommen, von Anfang an bin ich nicht gut gelaufen. Ich fühle mich nicht so alt, wie ich bin. Aber auf der letzten Runde habe ich mich älter gefühlt“, gestand Pechstein, die am 22. Februar 42 Jahre alt wird.