Instrumentalisierung

Tribute für Putin

Wie Russlands Präsident die Olympischen Winterspiele für politische Zwecke missbraucht

Eine Gruppe Judoka hat zum Training geladen. Selbstbewusst geht die junge Russin in das Duell mit ihrem Gegner. Es dauerte nicht lange und der Mann liegt auf der Matte. Er schüttelt sich, packt sie, und nimmt mit einem deftigen Schulterwurf Revanche. Die Botschaft dieser Szene aus einer ZDF-Dokumentation: Wladimir Putin gewinnt immer.

Wenn es um Sport geht, hat Russlands Präsident stets Stärke demonstriert. Für Beobachter ist der 61-Jährige längst der einflussreichste Sportpolitiker der Welt. Fußball-, Schwimm- und Eishockeyweltmeisterschaften hat er seinem Land beschert. Die Idee von Olympischen Winterspielen für Mütterchen Russland kam ihm vor zehn Jahren während eines Aufenthalts in seiner Sommerresidenz in Sotschi. „Früher gab es hier nichts als Bienenzüchter. Dann habe ich mit dem Finger auf diesen Ort gezeigt“, sagt er in einer kürzlich vom russischen Staatsfernsehen ausgestrahlten Dokumentation. Und betont nicht ohne Stolz: „Es ist vor allem besonders schön zu sehen, was sich hier getan hat, weil ich persönlich die Areale für die Sportstätten ausgesucht habe.“

Dass aus seiner Vision nun die größte Propagandashow aller Zeiten wird, scheint den Kremlchef nicht zu stören. Putin denkt gern in ausufernden Dimensionen. Und so werden es mit einem Gesamtbudget von 37,5 Milliarden Euro nicht nur die teuersten Spiele aller Zeiten. Auch in den Bereichen Umweltsünden, Korruption und Menschenrechtsverletzung wurden wohl Rekorde aufgestellt. In der Bergregion Krasnaja Poljana ließ das Organisationskomitee zwei komplette Urlaubsorte in den Kaukasus fräsen, inklusive Anbindung via Eisenbahn und Autobahn. Dabei hatte Russland im Bewerberverfahren noch hoch und heilig versprochen, die Umwelt zu ehren. Stattdessen wurden etwa 2000 Familien umgesiedelt und unzählige Gastarbeiter um ihren Lohn betrogen. Die Tribute waren mitunter schmerzhaft fürs Volk.

Putin war es das aber wert, um Russland heute als moderne und facettenreiche Wirtschaftsmacht preisen zu können. Allein der Fackellauf über 65.000 Kilometer habe die Vielfalt und Möglichkeiten seines Landes eindrucksvoll dokumentiert, tönte er. Schlittenhunde schleppten die Fackel in die Arktis, ein Eisbrecher transportierte sie zum Nordpol, Kosmonauten nahmen sie per Rakete mit ins All. Größenwahn nach Putins Geschmack, wie die russischen Eishockey-Cracks aus der nordamerikanischen Profiliga NHL im Bruderkampf mit den USA. Oder Putins Liebling Jewgeni Pluschenko. Der Eiskunstlauf-Star taugt selbst nach 13 Operationen noch für eine Heldengeschichte.

Vermeintliche Nebenkriegsschauplätze wie die sich häufenden Berichte von unfertigen Hotels und anderem organisatorischem Chaos werden beiseite gewischt. Sotschi, sagt Putin, profitiere von der uneingeschränkten Unterstützung der olympischen Bewegung in Russland. Auch deshalb habe sein Land „keine Gegner gehabt. Der einzige Rivale ist das Land selbst“.

Obama hat angeblich keine Zeit

Aber auch Putin, von russischen Medien als „Herr der Ringe“ tituliert, können die Stimmen der Kritiker nicht entgangen sein. Zahlreiche Amtskollegen haben sich seinen Spielen elegant entsagt: US-Präsident Barack Obama hat angeblich keine Zeit, Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sowieso noch nie zu Olympischen Spielen gereist und Bundespräsident Joachim Gauck bleibt einfach zu Hause.

Deutlicher wurden 200 Schriftsteller aus aller Welt, darunter Literaturnobelpreisträger Günter Grass, die in einem Offenen Brief die Wahrung der Meinungsfreiheit in Russland anmahnten. Neben dem „Gesetz zur homosexuellen Propaganda“, das es verbietet, in Gegenwart von Kindern positiv über Homosexualität zu sprechen, erwähnten sie auch Regelungen der Regierung, die etwa „religiöse Beleidigung" verbieten. Zum verbalen Rundumschlag holte Putins Landsmann Garri Kasparow aus: „Ich verstehe es nicht, wenn IOC-Präsident Thomas Bach behauptet, dass Sport keine Politik sei“, teilte der frühere Schachweltmeister via Twitter mit: „Wenn man einer Diktatur solch eine riesige Plattform für Propaganda und Korruption bietet, ist das sehr wohl Politik.“

Tatsächlich verteidigt Bach die Spiele bei jeder Gelegenheit, kritisierte bei der Eröffnung der IOC-Session in Anwesenheit Putins aber deutlich, die Spiele sollten nicht politisch missbraucht werden. Im Interview mit der Berliner Morgenpost sagte er: „Sport hat mit Politik nichts zu tun. Zu entscheiden, welche Politik eines Landes gut ist oder welche schlecht, ist nicht unsere Aufgabe.“

Nicht nur für Bach, auch für den deutschen Sport ist Sotschi eine Bewährungsprobe. Nach dem ersten Platz der Nationenwertung in Turin 2006 (29 Medaillen) und dem zweiten 2010 in Vancouver (30) sind „das Ziel wieder mindestens 30 Medaillen plus 1. Wir wollen in der Nationenwertung auf dem Treppchen landen“, so Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Noch mehr steht das russische Team in der Bringschuld. In Vancouver enttäuschte es als Elfter im internationalen Vergleich mit nur 15 Medaillen. „Jeder in Russland will gewinnen. Deshalb wurde entschieden, dass die besten Geschäftsleute des Landes Führungsrollen in nationalen Verbänden übernehmen sollen“, gibt Biathlon-Funktionär Sergej Kuschtschenko zu. Diverse Oligarchen engagierten sich in den Verbänden und steckten Dutzende von Millionen in Personal und Trainingsbedingungen.

Putin hingegen hat seine erste Bewährungsprobe in Sotschi bereits gemeistert. Während der Vorstellung eines Programms zur Auswilderung von Leoparden verletzte ein aufgebrachtes Tier zwei Journalisten. Putin betrat den Käfig und beruhigte den sechsmonatigen Unruhestifter. Die Botschaft war auch hier wieder mehr als deutlich: Wladimir Putin gewinnt immer.