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Olympias Exoten verlieren ihre Unschuld

Bobs aus Jamaika oder Skifahrer aus Afrika machen Freude. Nur hat der Kommerz nun auch die liebenswerten Außenseiter erfasst

Peter Adam Crook hat in seiner Heimat noch nie Schnee gesehen. Kühler als 30 Grad ist es auf den Britischen Jungferninseln in der Karibik ja auch selten. Trotzdem fasste er kurz nach seinem neunten Geburtstag den Entschluss, eines Tages an den Olympischen Winterspielen teilzunehmen. „Alles begann im Urlaub mit meinen Eltern“, erzählt Crook: „Wir waren in Amerika und haben alle zusammen Skiunterricht genommen. Das hat mich nicht mehr losgelassen.“

Elf Jahre später darf der Freestyle-Skifahrer bei der Eröffnungsfeier die Nationalfahne tragen. Crook ist nämlich nicht nur der einzige Starter von den Britischen Jungferninseln, sondern auch der erste seit 20 Jahren. „Es wird eine große Ehre für mich“, sagt der Mann, der zum Schneetraining stets in ein Skigebiet nach Colorado fährt, ansonsten aber in seiner Heimat lebt: „Ich habe immer von Olympia geträumt. Jetzt dabei zu sein, fühlt sich beinahe surreal an.“ Peter Adam Crook ist so etwas wie der Prototyp eines Olympia-Exoten. Und er ist einer der letzten seiner Art.

Begründet hat den Mythos Michael Edwards. Der Brite war 1988 als „Eddie the Eagle“ von der Skisprungschanze mehr geplumpst als gesprungen, sehr zum Amüsement von Publikum und Presse. Seither gehören liebenswerte Außenseiter zum festen Bestandteil bei sportlichen Großereignissen.

Freistilschwimmer Eric Moussambani aus Äquatorialguinea, der Minuten nach den Konkurrenten am Beckenrand anschlug, schenkte den Zuschauern 2000 in Sydney ebenso ans Herz gehende Momente wie 1998 der kenianische Skilangläufer Philip Boit, als er im Ziel völlig entkräftet vom großen Norweger Björn Dählie aufgefangen wurde.

Wie kein anderes Sportereignis bieten die Olympischen Spiele eine Bühne für Athleten, die mit den Medaillenentscheidungen so viel zu tun haben wie die Seychellen mit Schneewehen. Das gilt natürlich ebenso für die nahende Ausgabe in Sotschi. Neu ist, dass noch nie vor Olympia so heftig über die kommerziellen Interessen diskutiert worden ist, die diese Veranstaltung bis in den letzten Winkel durchdrungen haben. Nicht einmal mehr die Exoten sind davor gefeit.

Bruno Banani ist so ein Beispiel. Der 26-Jährige stellt den Nationalkader der Rennrodler Tongas dar. Auf den ersten Blick sieht seine Geschichte aus wie die charmante Variation der jamaikanischen Bobhelden aus dem Kinofilm „Cool Runnings“: Angefangen hat er beim Sandrodeln auf den Hängen seiner Heimatinsel. Später nahmen ihn deutsche Experten unter ihre Fittiche, stellten ihm einen anständigen Untersatz zur Verfügung und übten so lange mit ihm, bis er die Norm für Sotschi geschafft hatte. Olympiaherz, was willst du mehr? Doch hinter der märchenhaften Reise von der Sonneninsel im Südpazifik hinein in den Eiskanal im Kaukasus steckt ein ausgeklügeltes Marketingkonzept einer Chemnitzer Unterwäschefirma.

Bach nennt es eine „perverse Idee"

Um deren PR-Interessen umsetzen zu können, bestand die verantwortliche Werbeagentur darauf, dass Fuahea Semi, der Sohn eines Farmers, seinen Namen ändert. Seither heißt der Mann mit der leisen Stimme, der als erster tongaischer Olympiastarter in die Geschichte eingehen wird, genauso wie die Unterwäschefirma, die ihm den Weg nach Russland ebnete. „Ich halte das für eine perverse Marketingidee“, sagte IOC-Präsident Thomas Bach der ARD dazu.

Auch die jüngste, rührende Story der jamaikanischen Bobfahrer Winston Watts und Marvin Dixon verliert auf den zweiten Blick viel von ihrem Charme. Nachdem ihnen nach erfolgreicher Sotschi-Qualifikation das Geld ausgegangen war, stand kurzerhand der olympische Großsponsor Samsung als Gönner parat – und spannte das exotische Duo für seine Interessen ein. „Die Athleten aus der Karibik sind außerdem in der digitalen Videokampagne ‚Keep on Pushing‘ präsent, mit der Samsung die Ideale der Olympischen Winterspiele fördern will“, heißt es in einer Pressemitteilung. Wen wundert es, dass die Jamaikaner mit Tablets und dem offiziellen Smartphone der Winterspiele ausgestattet werden? Alles aus dem Hause Samsung.

Als Vanessa Mae kürzlich die erforderliche Zahl von Teilnahmen an Rennen des Skiweltverbandes Fis erreicht hatte, gerieten mit einem Mal alle Weltcup-Resultate der Topathleten zur Nebensache. Medien aus aller Welt berichteten über die zierliche Frau mit den thailändischen Vorfahren, die in den 90er-Jahren Millionen CDs verkauft hat. In Russland wird die einstige Stargeigerin unter ihrem Geburtsnamen Vanessa Vanakorn als Skirennläuferin im Slalom antreten – ohne Aussichten auf eine Medaille zwar, aber immerhin mitten im Rampenlicht.

In den vergangenen Monaten hatte die 35-Jährige ihre musikalische Karriere der alpinen Laufbahn untergeordnet und in Zermatt (Schweiz) trainiert. Sie profitiert genau wie der liechtensteinisch-mexikanische Jetset-Adlige Hubertus von Hohenlohe von einer Ausnahmeregelung. Weil weder Skifahrer aus Thailand noch aus Mexiko unter den Top 500 der Weltrangliste stehen, dürfen Mae und von Hohenlohe auch ohne Platzierungen im Weltcup starten.

Teures Förderprogramm des IOC

Während es den beiden Gutverdienern darum geht, ihr Hobby der Weltöffentlichkeit vorführen zu können, unterstützt das Internationale Olympische Komitee (IOC) all jene finanziell, die sich Ausrüstung, Training und Reise zu den Spielen im Leben nicht leisten könnten. „Olympic Solidarity“ heißt das Förderprogramm, das es 1981 ins Leben rief. Mit seiner Hilfe erst sind viele Nationale Komitees imstande, den Aufwand für eine ambitioniertere Sportentwicklung zu stemmen. Die Ausbildung von Trainern ist nur ein Beispiel.

Für die Olympiade im Zeitraum 2013 bis 2016 zweigt das IOC nach eigenen Angaben 438 Millionen US-Dollar (325 Mio. Euro) für „Olympic Solidarity“ ab. Das Geld, 40 Prozent mehr als im Zeitraum 2009 bis 2012, stammt vornehmlich aus den Fernseheinnahmen. Das passt. Denn sind es nicht die amüsanten Geschichten der Olympia-Exoten, die alle zwei Jahre (Winter wie Sommer) das Publikum abseits des „Höher, schneller, weiter“ besonders anrühren?

Was als Wintersportler unverdächtige Idealisten wie Bruno Banani aus ihrem kurzen Ruhm machen, liegt in ihrer Hand – oder in der von PR-Strategen. Sportlich gilt für die meisten jenes Motto, das der für Peru startende, aber in München geborene Skirennläufer Manfred Oettl Reyes vor vier Jahren in Vancouver angab: „Durchkimma!“