2. Bundesliga

Schon wieder Dynamo

Für Union geht es nach dem Exzess von Stockholm gegen Dresden um mehr als einen guten Start

Am Sonnabendnachmittag wird es wieder zu sehen sein. Dieses ominöse D, eingehüllt in ein Vereinswappen. Auf Plakaten, Jacken, ja sogar auf den Trikots von Spielern und Verantwortlichen des Gegners. Jenes D, welches für das Dynamo bei Dynamo Dresden steht. Ein völlig normaler Vorgang eben, wenn sich die Sachsen in der Zweiten Liga auf die Reise machen. So wie auch am Sonnabend, wenn es in Richtung Alte Försterei nach Köpenick geht.

Nichts Besonderes also, könnte man meinen. Das meinte man auch vor zwei Wochen, als Mannschaft und Fans des 1. FC Union sich nach Stockholm aufgemacht hatten, um ihre Farben im Testspiel bei Djurgardens IF zu vertreten. Was dann passierte, ist noch in schlechter Erinnerung. Platzsturm, Pyro-Irrsinn und Prügeleien, weil dieses Dynamo-D gezeigt wurde, zusammen mit dem Schriftzug des in einigen Teilen immer noch als Feindbild verwurzelten BFC Dynamo.

Muss man jetzt, anlässlich des Ostderbys zum Punktspielstart im Bundesliga-Unterhaus, Ähnliches befürchten wie in der schwedischen Hauptstadt? Oder vielleicht sogar noch Schlimmeres, weil die Alte Försterei mit 21.717 Zuschauern ausverkauft sein wird? Die klare Antwort lautet: nein, wenn...

Spiel mit erhöhtem Risiko

Natürlich ist das bevorstehende Duell Union gegen Dresden ein „Spiel mit erhöhtem Risiko“, wie es im Sprachgebrauch der Deutschen Fußball Liga (DFL) heißt. „Das ist aber kein wirklicher Unterschied zu den vergangenen Partien“, sagte Union-Sprecher Christian Arbeit. Allein schon durch die Tatsache, dass das Stadion ausverkauft ist, werden die Sicherheitsstandards ganz oben angesetzt. Normalität, erst recht bei einem Ostderby. Und doch hat das Gastspiel der Dresdner durch die Stockholm-Vorkommnisse dank einiger weniger Union-Chaoten einen anderen Geschmack bekommen.

Wie immer gab es regelmäßige Treffen zwischen den Vertretern beider Vereine, angeführt von den Fanbeauftragten, und der Polizei. Am vergangenen Dienstag wurden die Maßnahmen finalisiert. Der Großteil der Dresdner Fans wird per Sonderzug nach Berlin reisen, begleitet von eigenen Ordnungskräften, Union selbst ist mit 300 Ordnern im Stadion vertreten. „Das höchste Kontingent, das wir bislang im Einsatz hatten“, sagte Arbeit.

Die Bundespolizei Pirna hat eine Allgemeinverfügung in Kraft gesetzt, die auf den Zugverbindungen von Berlin nach Dresden und zurück „Glasflaschen, Getränkedosen und pyrotechnische Gegenstände“ verbietet. In einem Fanbrief appellierten die Polizei Berlin und die Bundespolizei, dass „ein sportlicher und fairer Umgang von allen erwartet werden kann“. Das Zünden von Pyrotechnik werde als „gefährliche Körperverletzung“ eingestuft, also als Straftat.

Maßnahmen, wie sie normal sind bei einem Ostderby, auf deren Einhaltung am Sonnabend ohne Zweifel jedoch noch strenger geachtet werden wird. Geschieht dies in beiden Fanlagern, steht einem Fußballfest nichts mehr im Wege. Auf Seiten der Union-Ultras scheint jedenfalls mehr und mehr die Einsicht zu reifen, dass es vor allem sie selbst sein müssen, von denen ein Signal ausgehen muss. Inklusive der klaren Distanzierung von Chaoten, wie sie in Stockholm zu sehen gewesen sind.

So will das Wuhlesyndikat, eine – wenn nicht die – führende Ultrabewegung bei den Köpenickern, seinen Einfluss auf die Fanszene offenbar verstärken. Dem Vernehmen nach entschuldigte sich das Wuhlesyndikat sogar in einem Brief an Union für die Vorfälle und will vorerst auf den Einsatz von Pyrotechnik verzichten. Ein Schritt, der in die richtige Richtung geht. Nur die Ungewissheit, ob sich auch tatsächlich alle in den kommenden Wochen, vor allem aber am Sonnabend gegen Dresden, daran halten, ist nach wie vor vorhanden.

Einer, der die Fanszene verfolgt, ist Christopher Quiring. Der Union-Profi beurteilte die Reaktion von Seiten der Ultras als „positiv“, auch der Fan-Brief sei „positiv aufgenommen“ worden. Er hofft auf das, auf was alle hoffen. „Ein Derby zum Anfang – da gehen wir gleich in die Vollen“, sagte der Mittelfeldspieler, der sich nach guten Trainingswochen berechtigte Hoffnungen auf einen Einsatz von Beginn an machen kann.

Union scheint sportlich gerüstet für die restlichen 15 Saisonspiele. Die Vorbereitung verlief so reibungslos wie nie. Und doch wieder – Ungewissheit. Zumindest beim Trainer. „Auch beim 14. Mal ist es mir beim 1. FC Union nicht gelungen, diese Ungewissheit abzulegen“, sagte Uwe Neuhaus. In fast sieben Dienstjahren beim Köpenicker Klub und damit jährlich zwei Vorbereitungsphasen sollte es allerdings gerade der Trainer sein, der seine Mannschaft genau einzuschätzen weiß.

Doch Neuhaus ist eben Neuhaus. Trotz vier nicht verlorener Testspiele gegen den SC Freiburg (5:0), Steaua Bukarest (1:1), Djurgardens IF Stockholm (beim Stand von 1:1 abgebrochen) und Arminia Bielefeld (1:0) „gibt es keine Statistik, die Bestand hat“ und einen Auftaktsieg garantiert, erklärte Neuhaus. Und sein Bauchgefühl? Neuhaus muss schmunzeln: „Die Siege in der Vorbereitung helfen, mit einem besseren Gefühl in die restliche Saison zu gehen.“ Mehr aber auch nicht.

So gut dürfte das Gefühl jedenfalls schon lange nicht mehr gewesen sein. In den gut vier Wochen Vorbereitung inklusive des einwöchigen Trainingslagers im spanischen Chiclana de la Frontera blieb die Mannschaft weitgehend fit.

Sorgen nur um Schönheim

Kleine Blessuren wie die Rückenprobleme bei Ersatztorwart Jan Glinker oder Mittelfeldspieler Martin Dausch gehören fast schon dazu. Einzig Fabian Schönheim wird wohl gegen Dresden ausfallen. Schon seit Tagen konnte er wegen muskulärer Probleme im rechten Oberschenkel nur eingeschränkt trainieren. In den vergangenen beiden Einheiten „konnte man sehen, dass er aus dem Rhythmus ist“, erklärte Trainer Neuhaus. Der Innenverteidiger habe in den Zweikämpfen „einige falsche Entscheidungen getroffen“. Roberto Puncec dürfte ihn ersetzen.

Gegen Dresden sollten die Entscheidungen allerdings passen, nicht nur außerhalb des Spielfeldes. „Dresden steht sehr hoch, wird hinten trotzdem auf Sicherheit bedacht sein“, sagte Neuhaus in einer Kurzanalyse des Gegners.

Es wird interessant sein zu beobachten, ob und wie die Spieler des Tabellenvorletzten das Erdbeben in der Chefetage weggesteckt haben. Zu Beginn der Woche wurde Dynamos Geschäftsführer Christian Müller ebenso beurlaubt wie Sportdirektor Steffen Menze, den das Dresdner Idol Ralf Minge beerbte. Ruhe im Kampf um den Klassenerhalt sieht anders aus.

Bei den Berlinern geht der Blick klar nach oben, allein schon wegen der beiden Siege in der Rückrunde, die noch im vergangenen Jahr beim VfL Bochum (4:0) und gegen Bielefeld (4:2) eingefahren wurden. Als Tabellenfünfter liegen sie punktgleich mit dem Ligadritten Kaiserslautern in Reichweite der Aufstiegsplätze.

Also preschte der Trainer auch in für ihn ungewohnter Manier nach vorn: „Wir wollen die Rückrunden-Tabellenführung nicht abgeben.“ Ruft Union nun plötzlich doch noch den Aufstieg als Saisonziel aus? Mitnichten, wie Neuhaus sogleich zu relativieren wusste: „Das gilt zunächst einmal für das Spiel gegen Dresden.“ Dass er nichts dagegen hätte, wenn dies auch die restlichen Partien Gültigkeit hätte, versteht sich von selbst, wäre dann doch zumindest der Relegationsplatz so gut wie sicher.

So wird das Ostderby gegen Dynamo Dresden gleich zum ersten richtigen Prüfstein, zum Wegweiser für den 1. FC Union. Das gilt für das Sportliche ebenso wie für das Erscheinungsbild des Klubs. Der Sonnabend wird zum D-Day für die Köpenicker Kicker, zu einem Tag mit Symbolcharakter für die kommenden Zweitliga-Wochen. Im wahrsten Sinne des Wortes.