Vorbereitungen

Ballett auf dem Eis

Berlins Kunstläufer Peter Liebers übte in der Oper, um in Sotschi erfolgreich zu sein

Bis vor wenigen Tagen sah es so aus, als gebühre einem Berliner die Ehre, die XXII. Olympischen Winterspiele aus deutscher Sicht zu eröffnen. Nur die Nachnominierung von Freestyler Benedikt Mayr verhinderte, dass Eiskunstläufer Peter Liebers als erster Deutscher in Sotschi an den Start geht. Der 25-Jährige greift bereits am Donnerstag in die Wettkämpfe ein, einen Tag vor der Eröffnungsfeier. Liebers’ erster Auftritt ist der Teamwettbewerb, der in Sotschi Premiere feiert. Es ist die Generalprobe für den Einzelwettbewerb eine Woche darauf, bei dem er versuchen wird, sein Ergebnis von der EM im Januar zu wiederholen. In Budapest hatte Liebers zu den Klängen von Star-Geiger David Garrett mit neuer Bestleistung von 225,67 Punkten Platz sechs belegt und damit für das beste Abschneiden eines deutschen Läufers seit neun Jahren gesorgt.

In Budapest war ihm erstmals im Wettkampf ein vierfacher Toe-Loop geglückt. Bei den Deutschen Meisterschaften im Dezember in Berlin war er bei diesem schwierigen Element noch gestürzt. Auf den Vierfachsprung wird es auch in Sotschi ankommen, mittlerweile springen so viele Athleten einen oder mehrere Vierfache wie nie zuvor. Nur wer ihn beherrscht, schafft es ganz nach vorn. Bei der WM 2013 war Liebers als bester Läufer ohne Vierfachelement Elfter geworden. Nun peilt er einen Platz unter den besten Zehn an.

Mit dem Springen hatte der Schützling von Trainerin Viola Striegler eigentlich nie Probleme. Es wurde ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater Mario Liebers war der erste Deutsche, der im Training einen dreifachen Axel stand. Probleme bereitete Peter Liebers jedoch der Ausdruck. Nachdem er die Qualifikation zu den Spielen in Vancouver knapp verpasst hatte, flog er deshalb im Sommer 2010 nach Toronto, um dort mit renommierten Choreographen zusammenzuarbeiten: mit Lori Nichol, verantwortlich fürs Kurzprogramm, und dem Japaner Shin Amano, der sich um die Kür kümmerte.

„Mein Eislaufen hat sich seitdem stark verändert“, sagt Liebers. Im ersten Wettkampf nach der Rückkehr aus Kanada konnte er seine Bestleistung auf Anhieb um 20 Punkte verbessern, 15 davon allein im künstlerischen Bereich.

Zwei Beinbrüche in fünf Jahren

Nicht immer hatte der fünfmalige Deutsche Meister solche Erfolgserlebnisse. Zu oft wurde er von Verletzungen gebremst, die ihn Jahre seines Sportlerlebens kosteten. Im Juli 2005 verletzte er sich während eines Lehrgangs am Sprunggelenk, im Oktober 2006 brach sich Liebers das Wadenbein, im Sommer 2011 folgte Beinbruch Nummer zwei.

Doch der Berliner gab nicht auf und arbeitete konsequent an seinen Schwächen. Im Sommer 2013 startete er einen weiteren Versuch, sich im künstlerischen Bereich zu verbessern. Über den Leiter des Olympiastützpunkts in Berlin, Harry Bähr, der die stellvertretende Intendantin kannte, knüpfte Liebers Kontakte zum Staatsballett. „Ich wollte mit absoluten Experten in Sachen Ausdruckstanz zusammenarbeiten“, sagt er. „Die professionellen Tänzer haben eine ganz andere Qualität in ihren Bewegungen.“ Wochenlang absolvierte er in der Deutschen Oper das reguläre Training des Ensembles, trug häufiger Ballett- als Schlittschuhe. Später feilte er mit Ballettmeister Tomas Karlborg, einem Schweden, der seit vielen Jahren in Berlin lebt, an seiner eigenen Choreographie – zunächst im Ballettraum, dann auf dem Eis, jede Woche zwei Stunden lang. In Sotschi will er die Früchte dieser Arbeit ernten.

Im Vorfeld der Winterspiele flog Liebers noch einmal nach Toronto. Dort holte sich der Mann vom SC Berlin vier Tage lang den Feinschliff für Olympia. Zu seinen Trainingspartnern dort gehörte Javier Fernandez aus Spanien, Europameister und einer der heißesten Medaillenkandidaten für Sotschi. Neue Elemente hat Liebers aber nicht mehr geübt. Das sei zu kurzfristig. Es gehe um die Minimierung von Fehlern beim bestehenden Programm, erklärt er: „Was bringt es mir, wenn ich zwar fünf Vierfachsprünge springe, aber bei allen auf dem Hosenboden lande?“