Extremsport

Olympia an der Schmerzgrenze

Heftige Trainingsstürze selbst von Snowboard-Star Shaun White entfachen Streit um Sotschis Pisten

Die Olympischen Winterspiele in Sotschi haben noch gar nicht begonnen, da entwickelt sich schon der erste Streit über eine der Wettkampfstätten in den Bergen von Krasnaja Poljana. Es sind ausgerechnet die Snowboarder, die Brettartisten mit dem ausgeprägten Hang zum Risiko, die heftig diskutieren. „Furchteinflößend“ nennt Shaun White, der eine Favorit des Slopestyle-Wettbewerbs, die Piste in Rosa Chutor, „definitiv nicht gefährlich“, kontert lässig ein anderer Gold-Kandidat, der Kanadier Mark McMorris. Fest steht immerhin, dass sich einer ihrer Kontrahenten schon am Montag aus dem Medaillenrennen verabschiedet hat. Der Norweger Torstein Horgmo stürzte im ersten Training so schwer, dass er sich einen Schlüsselbeinbruch zuzog und nicht mehr an den Start gehen kann.

Die Frage nach der Sicherheit verschärfte sich am Dienstag noch, als die finnische Snowboarderin Merika Enne den letzten Übungssprung nicht stehen konnte und hart mit dem Kopf auf dem vereisten Parcours aufgeschlagen war. Die Schwere ihrer Verletzung war zunächst nicht bekannt. Die 21-Jährige beendete nach dem Unfall zwar ihren Lauf, musste danach aber mit einer Trage abtransportiert werden.

Start trotz gebrochener Rippe

Die Reaktionen hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können. Vielleicht lag es daran, dass auch Superstar White, Goldmedaillengewinner in Turin 2006 und Vancouver 2010, einen Sturz fabrizierte und sich leicht am Handgelenk verletzte. Zwar war die Piste im Vergleich zum Vortag durch den Weltverband Fis schon entschärft worden. Aber der rothaarige Kalifornier hatte dennoch Respekt – mehr, als man gerade von ihm erwartet hätte. „Jedes Mal, wenn man einen Kurs betritt, nimmt man einen gewissen Grad an Gefahr und Risiko in Kauf“, sagte der 27-Jährige, „dieser Kurs hat davon vielleicht ein bisschen mehr als andere.“

Das sahen zwei Kanadier vor der Qualifikation am Donnerstag (7 Uhr MEZ) grundsätzlich anders. Maxence Perrot erklärte: „Ich habe die Strecke auch gestern gemocht“, bevor die Veränderungen vorgenommen worden waren, „klar, es ist jetzt besser. Aber ich bin kein Typ, der sich über den Kurs beschwert. Ich fahre überall und sehe es als Herausforderung.“ Perrot zählt ebenfalls zu den Medaillenkandidaten. Noch süffisanter reagierte sein Landsmann McMorris: „Es ist nicht gefährlich, es ist einfach eine andere Strecke.“ Der 20-Jährige hatte sich erst vor zwei Wochen bei den X-Games in Aspen/USA bei einem Sturz eine Rippe gebrochen. Doch in Rosa Chutor kommentierte er ungerührt: „Snowboarden ist gefährlich. Aber über die Straße zu gehen, ist auch gefährlich.“

Normalerweise gehört auch Shaun White gewiss nicht zu den ängstlichen Athleten. Horgmos Ausscheiden hatte ihm allerdings offenbar etwas zugesetzt. Obwohl der sich im oberen Streckenteil verletzt hatte, fernab der von vielen Fahrern respektvoll als „gigantisch“ und „enorm“ bezeichneten Kickern, den Sprungschanzen, von denen sie ihre halsbrecherischen Sprünge riskieren. „Es ist immer enttäuschend, wenn Kontrahenten stürzen und ausfallen“, sagte White, „und es ist definitiv beängstigend, wenn man den gleichen Kurs direkt danach fährt.“

Im Anschluss an Horgmos schweren Sturz hatten sich Sportler, Betreuer und Offizielle auf Änderungen im Kurs geeinigt – ein üblicher Vorgang im Slopestyle. „Häufig denken die Leute, es ist unsicher. Aber das ist nur Teil davon, wie man eine Weltklasse-Slopestyle-Piste macht“, sagte Whites Teamkollege Charles Guldemond. „Es gibt Veränderungen. Heute war es ganz anders als gestern.“

Sprünge passen nicht zusammen

Wie massiv die Änderungen sind, scheint aber ebenso eine Wahrnehmungsfrage zu sein wie die nach der Gefährlichkeit des Parcours. Viele Sportler lobten den Kurs und berichteten von spürbaren Anpassungen. Andere, wie Halfpipe-Olympiasiegerin Torah Bright aus Australien, bemerkten nur „kleine Anpassungen. Es ist nicht unsicher. Aber ich habe das Gefühl, die Sprünge passen nicht so recht zusammen.“

Doch das Fremdeln mit einer unbekannten Piste ist für die Skiakrobaten andererseits nicht Ungewöhnliches. So gab auch White zu: „Du musst dich immer gewöhnen an die Geschwindigkeit, die Abstände zwischen den Sprüngen und die Geländer.“ Dazu werden Horgmo und die 21-jährige Finnin Enne wohl vorerst nicht mehr kommen. „Sie hat eine Verletzung am Kopf erlitten“, sagte ihr Trainer Mats Lindfors am Dienstag. Ein Start in der Qualifikation schien da bereits sehr unwahrscheinlich.

Die Devise, schloss White, sei nach den Unfällen klar: „Wir versuchen, sicher durch den Kurs zu kommen und großartige Spiele zu erleben.“ So wie immer bei Olympia.