Football

Spaziergang der Außenseiter

Die Seattle Seahawks demütigen im Finale der NFL favorisierte Denver Broncos um Star-Quarterback Peyton Manning

Letzte Woche, beim „Media Day“ vor dem großen Finale, hatten die Journalisten die herausragende Chance, an die Footballstars der Seattle Seahawks und Denver Broncos ihre besten Fragen zu stellen – aber es kamen auch solche heraus wie die: „Peyton, schaust Du im Fernsehen immer die ‚Real Housewives of New Jersey‘ an?“

Der Quarterback der Broncos schluckte. Aber Peyton Manning ist ein höflicher Mensch, und weil er weder den Frager noch die Hausfrauen von New Jersey beleidigen wollte, antwortete er: „Ich hatte leider noch keine Gelegenheit.“

Die könnte bald kommen. Denn Manning muss sich seit der Nacht zum Montag Kritik einstecken, wie er sie bisher weder kannte noch verdient hat. Aber so ist das: Jedes Fiasko schreit nach Schuldigen, und Superstars sind stets herzlich willkommen. Er gewinnt die großen Spiele nicht, heißt es nach Mannings zweiter Niederlage im dritten Super-Bowl-Finale. Er ist 37, sagen die einen. Im März wird er 38, sagen die anderen. Und so spielt er plötzlich auch, meckern die dritten.

Endspiel so einseitig wie noch nie

43:8. Wenn es für die Denver Broncos so ausgegangen wäre, für den besten Quarterback hinter der besten Offensive des American Football, hätte sich keiner gewundert. Aber für die Seattle Seahawks, deren Angriffswucht als eher durchschnittlich eingeschätzt worden war? Das 48. Finale im MetLife-Stadion in East Rutherford in New Jersey erwies sich als das einseitigste in der Geschichte der Super Bowl überhaupt. Der vermeintliche Giganten-Gipfel verkam vor 82.529 Zuschauern und Hunderten Millionen TV-Zuschauern weltweit zum Langweiler – und irgendwie passte dazu dann auch die nächtliche Meldung, dass während einer Super-Bowl-Party in Denver ein Mann mit lebensgefährlichen Schussverletzungen in die Klinik verbracht werden musste.

Der Sport hat manchmal eine Macke. Da spielt einer seine beste Saison, stellt Rekorde auf, wird zum fünften Mal in seiner Karriere zum „Most Valuable Player“ gewählt, zum besten Spieler der Liga, und steigt am alles entscheidenden Tag mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett. Mannings Würfe hatten eine solche Streuung, dass man Angst haben musste, der Ball könnte über die George-Washington-Brücke und den Hudson River nach Manhattan fliegen.

„Wir haben gegen ein großartiges Team gespielt. Und um zu gewinnen, hätten wir richtig gut sein müssen – aber das ist uns nicht mal ansatzweise gelungen“, meinte der 37-Jährige. Manning blieb es somit versagt, als erster Quarterback der NFL-Historie zwei Teams zum Titel zu führen.

Woran es lag? Die Kälte war es nicht. „Je kälter, desto besser“, hatte Seattles Trainer Pete Carroll vor dem Spiel gesagt – in der Hoffnung, dass Mannings mirakulöse Würfe erfrieren könnten, denn seine Kaltwetterbilanz bei Spielen um den Gefrierpunkt lag bei 4:7. Aber so kalt war es gar nicht. Der Frost hatte sich pünktlich verzogen. Kein Schneesturm, kein Eisregen. Und doch wurden Manning und Denver kalt erwischt, lagen zur Halbzeit bereits mit 0:22 zurück.

Kurz danach 0:36. Spontan dachte man als deutscher Beobachter zurück in den April 1978, als Borussia Dortmund gegen Gladbach 0:12 unterlag, und Manni Burgsmüller, einer der Pechvögel, später verriet: „Es stand 0:7, da wollte Otto Rehhagel den Sigi Held einwechseln. Der hat ihn angeschaut und gesagt: Soll ich dat Ding jetzt noch rumreißen?"

Auch Manning hat es nicht mehr geschafft. Wenigstens noch ein Touchdownpass gelang ihm, auf seinen Ballfänger DeMarjius Thomas – dessen Mutter und Oma werden sich vor dem Fernseher im Gefängnis ein bisschen getröstet haben. Sie sollen versucht haben, Kokain an den Mann zu bringen.

Trainer Carroll ist gerührt

Aber die Seattle Seahawks haben sich die Freude am Spiel und am Sieg durch den kleinen Störversuch nicht mehr nehmen lassen. „Wir haben daran geglaubt, dass wir es schaffen können. Wir hatten das Talent, die Trainer, die besten Fans der Liga“, jubelte Spielmacher Russell Wilson im Konfetti-Regen. Es ist ihr erster Super-Bowl-Titel, und Trainer Carroll war ziemlich begeistert: „So sind meine Jungs“, sagt er, „sie akzeptieren nichts anderes, als zu gewinnen.“

Hungrige Underdogs. Sie drehen auf, wenn es pressiert. Doug Baldwin zum Beispiel, der Ballfänger. Der letzte Touchdown war seiner, und es war ihm eine Genugtuung, dass ihm mit seiner Offensive gleich fünf davon gelungen war – denn wie oft hatte er sich ärgern müssen. Immer hieß es, die Defensive sei das ein und alles von Seattle. Baldwin: „Man kann es nicht mehr hören, wenn dauernd gesagt wird, dass wir Receiver vorne nur Durchschnitt sind, nur Spaziergänger. Nun haben wir Spaziergänger unsere Hintern bis hierher geschleppt, zur Super Bowl.“

Auch Quarterback Wilson wurde in der öffentlichen Wahrnehmung nie als der ganz große Knüller skizziert, weil man nie genau wusste, was dieser gedrungene Kerl nun eigentlich ist, Footballer oder Baseballer – denn Letzteres hat er vor nicht allzu langer Zeit bei den Texas Rangers noch gespielt. Jetzt weiß man es. Noch auf dem Platz, gleich in der Stunde des Sieges, hat Wilson unter dem Freundenorkan der 25.000 mitgereisten Fans aus Seattle dem erstbesten Mikrofon und der dazugehörigen Reporterin erzählt: „Wissen Sie, was wir uns immer gefragt haben: Warum nicht wir?“

Wilson und die Seahwaks aus Colorado sind jetzt die Meister. Nicht die Favoriten, nicht die Broncos. Die standen neben sich. „Die Saison so zu beenden“, sagt Peyton Manning, „ist enttäuschend.“ Zu wörtlich hatten er und seine Mannschaft die Red Hot Chili Peppers genommen, die bei der Halbzeitshow sangen: „Give it away“.

In Seattle hingegen stürmten Zehntausende Menschen trotz Minustemperaturen auf die Straßen und feierten euphorisch den ersten Titelgewinn ihrer Lieblinge. „Hawk Heaven“ (Falken im siebten Himmel), titelte die „Seattle Times“. Doch auch Manning wird in den kommenden Tagen die Schlagzeilen füllen, wenn Amerika diskutiert, was er denn nun wirklich sei: eine Legende oder ein legendärer Loser. Schon zur Halbzeitpause wurde via Twitter gespottet: „Manning in der MetLife-Krise!“