Sochi

Olympia im Höhenrausch

Winterspiele kosten mit 37,5 Milliarden Euro so viel wie nie zuvor und rufen heftige Kritik hervor

Am Sonntag brüstete sich Kremlchef Wladimir Putin im Staatsfernsehen damit, den Austragungsort für die ersten Winterspiele in Russland selbst ausgesucht zu haben. Vor mehr als zehn Jahren sei er mit einem Geländewagen in der Region Sotschi unterwegs gewesen und habe beschlossen, von dort ein neues Russland aufzubauen. „Es ist besonders schön zu sehen, was hier passiert, weil ich den Ort selbst gewählt habe“, sagte Putin. Auch IOC-Präsident Thomas Bach, 60, lobte am Montag bei seinem ersten Auftritt in Sotschi die Putin-Spiele als ausgezeichnet organisiertes Winter-Spektakel für die Athleten – und als Beleg dafür, dass das IOC mit seinem Hochglanzprodukt hilft, ein Land und dessen System besser zu machen.

Was aber ist mit den massiven Umweltsünden in der Bergregion Krasnaja Poljana, der Ausbeutung von Wanderarbeitern, die Menschenrechtsorganisationen als „Missbrauch“ bezeichnen? Dem harsch kritisierten Anti-Homosexuellen-Gesetz, der Terrorgefahr oder der immer wieder kolportierten Korruption? Bach tat sich mit überzeugenden Antworten schwer. Auch kurz vor dem Start der Snowboard-Wettbewerbe am Donnerstag, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung, reißt die Kritik am Austragungsort nicht ab. „Ich glaube, man muss umdenken, den Sport wieder in den Mittelpunkt stellen“, forderte Skifahrer Felix Neureuther. Der 29-Jährige stößt sich auch an den Luxushotels, in denen die IOC-Funktionäre wohnen. „Warum sollen die Herren vom IOC nicht genauso wohnen wie wir Sportler? Um wen geht es bei Olympia eigentlich? Ist das der Geist von Olympia?“ Die Größe der Athletenzimmer beträgt 15 Quadratmeter.

Imageschädigend wirkte besonders die Kostenexplosion. 2006 stand in der 473-seitigen Bewerbung Sotschis noch: „Durch ein Olympia-Gesetz der Regierung wird Preiskontrolle hergestellt. Es schafft günstige Marktbedingungen und es bietet Schutz für die olympische Bewegung. Zum Wohle der olympischen Bewegung und der Olympischen Winterspiele steht Russland in höchstem Maße zu seiner finanziellen Verantwortung.“ Die Wahrheit sah anders aus. Aus den zunächst veranschlagten 10,7 Milliarden Dollar, davon 1,52 Milliarden Dollar für die reinen Organisationskosten, sind 51 Milliarden Dollar (37,5 Milliarden Euro) geworden. Über Korruption wird hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Olympischer Höhenrausch mal anders.

In Sotschi jedoch soll allein die Straße, die den Küstenort mit der Wintersportregion Krasnaja Poljana im Kaukasus verbindet, 6,4 Milliarden Euro gekostet haben. Größtes Ärgernis waren jedoch die Skisprungschanzen mit einer zweijährigen Verspätung und einer Kosten-Explosion von 35 Millionen auf 230 Millionen Euro. Zu allem Überfluss kam auch noch heraus, dass der Hang abrutscht. Besonders viele Jahre dürften die Schanzen kaum überleben. „Ich sage immer scherzhaft: Die Schanzen werden in zehn Jahren nicht mehr oben am Berg stehen, sondern unten am Meer“, sagte der Schweizer Gianfranco Kasper, Chef des Ski-Weltverbandes FIS. Die Kosten seien „ein Wahnsinn. Wir wollen sicher gute, schöne Anlagen, aber die sollen nicht Milliarden kosten. Das macht den Sport kaputt“.