Revision

DFB gibt Fehlentscheidung zu

„Die Bewertung ist nicht richtig“, sagt der Verband. Hertha hadert nach falschem Pfiff des Schiedsrichters gegen Nürnberg

Thomas Kraft hatte am Tag nach dem 1:3 gegen Nürnberg nicht viele Worte übrig: „Ich sage nichts, sonst rede ich mich noch um Kopf und Kragen.“ Dazu zeigte der Torhüter eine Geste, die unter Autofahrern als „Scheibenwischer“ bekannt ist und verschwand Richtung Mannschaftskabine. Mit Bedacht hatte Trainer Jos Luhukay die Analyse des Spiels auf Mittwoch gelegt. Seine Spieler sollten die Ereignisse der Partie zunächst einmal sacken lassen.

Besonders eine Szene beschäftigte Hertha auch noch einen Tag später. In der 88. Minute entschied Schiedsrichter Michael Weiner nach einem Handspiel von Nürnbergs Ondrej Petrak auf der Torlinie auf Rot und Elfmeter für die Berliner. Erst nach Einwänden seines Assistenten Norbert Grudzinski korrigierte sich der Referee und gab Freistoß für Nürnberg. Adrian Ramos, der passiv im Abseits stand, soll durch eine als Zweikampf bewertete Berührung von Nürnbergs Torhüter Raphael Schäfer aktiv geworden sein.

Die Entscheidung war komplex, wie auch Hertha-Kapitän Fabian Lustenberger zugab: „Die Begründung für die Entscheidung verstehe ich der Regel nach schon. Aber ich halte sie für falsch. Auch wenn man über die Abseitsstellung diskutieren kann.“ Allerdings benötigte auch der Schweizer Fernsehbilder, um sich völlige Klarheit über die Situation zu verschaffen.

Luhukay bleibt gelassen

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) selbst ging offen mit der Entscheidung von Schiedsrichter Weiner um: „Diese Bewertung ist nicht richtig. Hier findet kein Zweikampf um den Ball statt. Kein Spieler hat die Möglichkeit, in die Spielsituation einzugreifen. Auch der Kontakt zwischen Torwart Raphael Schäfer und Adrian Ramos stellt keinen Zweikampf um den Ball dar, weil sie in die Spielsituation nicht eingreifen können, und ein Foulspiel von Ramos liegt auch nicht vor.“ Ein Novum, dass der Verband Hertha im Nachhinein für eine falsch getroffene Entscheidung Recht gibt.

Verteidiger Sebastian Langkamp versuchte, noch direkt nach dem Spiel mit Weiner zu sprechen. „Ich verstehe, dass die Schiedsrichter mehr als Team auftreten sollen. Aber ich habe ihm gesagt, dass ich das extrem unglücklich fand, dass sich ausgerechnet in dem Spiel der Assistent so eingebracht hat.“ Doch der Referee zeigte sich von Langkamp wenig beeindruckt. „Ich verstehe das. In dem Moment laufen zwanzig Leute auf ihn zu. Als er ein paar ironische Sätze sagte, wusste ich, dass es keinen Zweck hat“, meinte der Abwehrspieler.

Während seine Profis noch an dem Pfiff zu knabbern hatten, der sie womöglich um Punkte brachte, wollte sich Trainer Jos Luhukay nicht lange mit dem Aufregerthema des Spieltages befassen. Auch wenn Hertha nun schon das zweite Mal in Folge mit einer Fehlentscheidung zu kämpfen hatte. Beim 0:1 in Frankfurt am Wochenende zuvor wurde den Berliner ein Elfmeter verweigert, als Ramos im Strafraum geschlagen wurde. „Diese Häufung ist Zufall“, sagte der Niederländer. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Schiedsrichter plötzlich gegen uns sind. Zwei unglückliche Pfiffe passieren jeder Mannschaft einmal in der Saison.“

Der Trainer ist kein Freund der Alibi-Suche. Auch einen Tag später war ihm die um sich greifende Abseitsdiskussion sichtlich unangenehm: „Wir müssen das Thema intern abschließen, denn durch diese Entscheidung haben wir nicht verloren.“ Nichts ist dem 50-Jährigen mehr verhasst, als wenn der Fokus nicht auf die Arbeit gerichtet ist.

Fakt ist, dass der Rückrundenstart mit Niederlagen gegen zwei Teams aus den unteren Tabellenregionen misslungen ist. Und zwar gleich doppelt. Nicht nur machte Hertha keine Punkte, der Aufsteiger stärkte mit Nürnberg und Frankfurt auch Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt. „Das war ein schlechter Auftakt“, beurteilte auch Verteidiger Langkamp die Ergebnisse. „Die engen Momente im Spiel entscheiden wir gerade nicht für uns“, versuchte er das Problem der Mannschaft zu beschreiben.

Ronny mit großer Laufleistung

Jos Luhukay ist bei der Fehlersuche deutlich direkter: „Ich merke das selbst im Training, dass wir noch nicht dort sind, wo wir in der Hinrunde waren. Uns fehlt noch die Leichtigkeit.“ Das viele Lob, das Hertha als Aufsteiger nach Beendigung der ersten Halbserie erhalten hat, kann die Mannschaft noch nicht vollständig bestätigen. Vor allem im Spiel nach vorn fehlt es an der schnellen, kompromisslosen Spielweise, die Hertha noch vor wenigen Wochen auszeichnete.

Doch Luhukay sieht auch positive Akzente. Die Berliner haben sich vor allem in der ersten Halbzeit gegen Nürnberg eine Vielzahl an Chancen erarbeitet. Daran krankte das Spiel noch eine Woche zuvor. Was haften bleibt, ist die mangelhafte Verwertung der zahlreichen Möglichkeiten. „Normal führen wir mit 3:1 zur Halbzeit“, sagte der Niederländer.

Ein Grund für die Belebung des Offensivspiels war Ronny. Der seit Sommer vor allem wegen seines schlechten Fitnesszustandes viel gescholtene Brasilianer zeigte sich enorm lauffreudig und inszenierte mit seinen Pässen gefährliche Angriffe. „Er hat für seine Verhältnisse ein sehr laufintensives Spiel gemacht“, lobte Luhukay. 10,4 Kilometer legte der Brasilianer zurück. Obwohl er zum Ende des Spiels sichtbare abbaute, ließ ihn Luhukay auf dem Platz. Er setzte auf den Funken Genialität von Ronny, der Herthas Spiel noch in die richtige Richtung lenken sollte.

Etwas Druck lastet vor der Partie beim Hamburger SV am Sonnabend (18.30 Uhr) auf den Schultern der Berliner. Für Lustenberger ändert sich damit nichts: „Der Druck ist in Berlin doch immer gleich groß. Nach der Niederlage gegen Frankfurt hat man doch schon wieder das Gefühl gehabt, wir würden mitten im Abstiegskampf stecken. Wir können damit umgehen.“