Olympia

Was Sportler von Putin fordern

Sotschis Spiele werden politisch wie nie. Hier formulieren Athleten ihre Wünsche für Russland

Das ist doch mal ein hübsches Bild. Vielfach wird es dieser Tage bemüht von jenen, die an den Debatten um die Olympischen Winterspiele (ab 7.2.) auch etwas Positives finden: Sotschi als Bühne, ausgeleuchtet von den Scheinwerfern der Weltöffentlichkeit, beäugt von kritischem Publikum.

Neu ist das Bild nicht, doch ist ein Trend zu erkennen. Immer mehr Sportler mögen sich nicht länger auf eine Rolle als Statisten reduzieren lassen. Sie erheben ihre Stimme – auf und abseits der ausgeleuchteten Bühne. Als die Berliner Morgenpost sie fragte, ob sie ihren persönlichen Wunsch an Russlands Staatspräsidenten Wladimir Putin äußern mögen, haben viele deutsche Olympiateilnehmer spontan zugesagt. Es ist ihnen also alles andere als egal, wo der Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere stattfindet, und sie machen sich durchaus Gedanken darüber, unter welchen Umständen der Gastgeber das „Treffen der Jugend der Welt“ organisiert und ausrichtet. Diskriminierung von Homosexuellen, geschätzte 100.000 Sicherheitskräfte zum Schutz der Besucher, Umweltzerstörung zum Bau von Wettkampfstätten, autokratische Führung eines Volkes, Einschränkung der Pressefreiheit – die Liste der brisanten Themen ist dabei lang.

„Ein moderneres Demokratieverständnis“ von Putin wünscht sich beispielsweise Samuel Schwarz, 30. Der Berliner Eisschnellläufer rügt die Umweltverschmutzung vor Ort, mit der Russland ein „sehr negatives Spitzenniveau erreicht hat“. Felix Loch, 24, Rodel-Olympiasieger aus Berchtesgaden, sagt: „Ich wünsche mir von Herrn Putin, dass er sich ein Vorbild an uns Sportlern nimmt“ – was Freiheit, Toleranz und Respekt betrifft.

Untersagt ist Sportlern laut Regel 51 der olympischen Charta zwar „jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen olympischen Bereichen“. „Generell taugen die Olympischen Spiele nicht zur Austragung politischer Meinungsverschiedenheiten. Wenn sie Differenzen haben, sollten die Politiker mutig genug sein, diese direkt mit der Gegenseite auszutragen – und nicht zu versuchen, Botschaften symbolisch auf dem Rücken der Athleten zu transportieren“, betont denn auch IOC-Präsident Thomas Bach. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Sportler nicht beispielsweise auf dem Podium in Pressekonferenzen oder in Interviews ihre Meinung sagen dürfen.

Auch der deutsche Chef de Mission für Sotschi, Michael Vesper, 61, will (und kann) den 153 Olympiateilnehmern aus Deutschland den Mund nicht verbieten, wenn es um politische Einlassungen geht. „Unsere Athleten sind mündige Staatsbürger. Wenn sie ihre Meinung äußern wollen, können und sollen sie das selbstverständlich tun“, sagte Vesper. Er werde aber niemanden drängen, es zu tun, und schon gar nicht als Patriarch auftreten, „der vorgibt, ob und wie sie sich zu äußern haben“.

Zumal sich manch ein Athlet ganz und gar auf seine sportlichen Ziele konzentrieren möchte und politischen Fragen ausweichen wird. Gunter Gebauer, 70, kann das nachvollziehen. Der Berliner Sportphilosoph sagt: „Von den deutschen Sportlern sollte nicht verlangt werden, dass sie als politische Aktivisten auftreten im Vorfeld von oder dann in Sotschi. Das würde sie glatt überfordern. Von einigen Ausnahmen abgesehen gibt es ja keine politischen Köpfe, die demnächst als Bundestagsabgeordnete antreten würden.“

Er glaube nicht, „dass Athleten zwangsläufig politisiert werden“, sagt Gebauer: „Die meisten, jedenfalls unserer Athleten, sind normale Staatsbürger. Sie begreifen zwar etwas von der politischen Brisanz dieser Spiele, ohne aber die ganze Tiefe zu erfassen. Das würde sie auch ablenken von ihrer Wettkampfaufgabe.“

Thomas Alkemeyer, 58, der Oldenburger Sportsoziologe, finde dagegen: „Auch Sportlern ist es zuzumuten, sich über die politischen Implikationen sportlicher Großereignisse Gedanken zu machen und womöglich auch einmal klar Stellung zu beziehen.“ Vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) fordert Alkemeyer, Flagge zu zeigen, „anstatt Missstände herunterzuspielen. Es dürfte Sportlerinnen und Sportler, die die Öffentlichkeit der Spiele nutzen möchten, um auf Probleme aufmerksam zu machen und diese zu kritisieren, nicht als Störenfriede behandeln oder ihnen sogar mit Sanktionen drohen“. Das sei das Mindeste.

Vonseiten des IOC gebe es hingegen „derzeit keine klaren kritischen Stellungnahmen in Bezug auf die menschenverachtende Gesetzgebung in Russland. Ihm scheint die groteske Einrichtung von Protestzonen für Demonstranten in Sotschi auszureichen“.

Dass Olympische Spiele generell politisch neutral sind, betont das IOC zwar immer wieder. Doch wird diese Argumentation just am Beispiel von Putins gut 40 Milliarden Euro teuren Pomp-Spielen in Sotschi ad absurdum geführt. Philosophie-Professor Gebauer allerdings sagt: „Wir müssen hier unterscheiden: Dass ein alpiner Abfahrtslauf oder eine Eislaufkür nicht zur politischen Demonstration genutzt werden sollen, finde ich absolut richtig. Wettkämpfe an sich sind unpolitisch. Das Ereignis Olympia selbst aber hat eine solche Dimension, es verlangt permanente Unterstützung, auch durch die Politik, bis hin zur Steuerbefreiung. Wie könnte es da unpolitisch sein?“

Nicht einmal ein Großteil der Athleten glaubt ja daran. Wie sagte jüngst Lara Gut, 22, die Schweizer Skirennläuferin, der „Sonntagszeitung“ erbost? „Es gibt auf der Welt genügend Orte, die gute Pisten, Sicherheit und sportlich interessierte Zuschauer bieten – und dann gehen sie an einen Ort, an dem es überhaupt nicht um Sport geht.“

Imke Duplitzer, die ehemalige deutsche Degenfechterin, ist einer breiten Öffentlichkeit 2008 bekannt geworden, als sie sich während der Sommerspiele in Peking vehement gegen Menschenrechtsverletzungen durch China aussprach. Heute kandidiert die 38-Jährige für die Grünen für das Europa-Parlament. Auf einer Veranstaltung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Berlin prangerte Duplitzer Mitte der Woche eine „Instrumentalisierung des Sports“ durch Putin an. Er verspreche die „tollsten und friedlichsten Spiele“, missbrauche aber die „tolle Geschichte der olympischen Idee“: „Denn wenn wir hinter die Kulissen blicken, ist es eben nicht so.“

Immerhin überlässt ein Politiker das Argumentieren vor Ort nicht allein den Athleten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière plädierte kurz vor seiner Abreise nach Sotschi dafür, die Kritik wegen der Vergabe der Spiele nach Russland zu mäßigen. „Es ist ziemlich leicht, eine Vergabe zu kritisieren und als Oberlehrer der Welt aufzutreten. Besser ist es, sich zunächst einmal an die eigene Nase zu fassen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“: „Wir können und sollten als Politiker vom IOC nicht mehr verlangen, als wir selber in unseren bilateralen Beziehungen zu tun bereit sind.“