Interview

„Im Volleyball herrscht Chaos“

Friedrichshafens Trainer Stelian Moculescu über selbstmörderische Terminpläne und das Duell mit Berlin

Stelian Moculescu, 63, ist eines der bekanntesten Gesichter der Volleyball-Bundesliga. Nicht immer freundlich, manchmal grummelig. Aber in jedem Fall ist er ein sehr erfolgreicher Trainer. Der gebürtige Rumäne hatte sich 1972 bei den Olympischen Spielen in München von seiner Mannschaft abgesetzt und war in Deutschland geblieben. Hier wurde er als Coach mit verschiedenen Klubs 17-mal Meister und 16-mal Pokalsieger. Seit 1997 ist er beim VfB Friedrichshafen beschäftigt, dem Gegner der BR Volleys an diesem Sonntag (16 Uhr, Schmeling-Halle). Über die Entwicklungen im deutschen Volleyball spricht der emotionale Moculescu, der auch viele Jahre Bundestrainer war, eigentlich ungern: Er möchte sich auf seine Arbeit am Bodensee konzentrieren. Dietmar Wenck hat es trotzdem versucht.

Berliner Morgenpost:

Herr Moculescu, freuen Sie sich auf Berlin?

Stelian Moculescu:

Natürlich – Berlin ist immer eine Reise wert.

Zuletzt haben Ihnen allerdings die BR Volleys zweimal den Meistertitel weggeschnappt und auch international den Rang abgelaufen. Ärgert Sie das?

Nein. Das Angenehmste ist es natürlich nicht, aber wir haben immer gesagt, wir brauchen Konkurrenz in der Liga. Jetzt ist sie da.

Was haben die BR Volleys besser gemacht als der VfB? Liegt es an der hohen Kontinuität in der Mannschaft?

Sie haben sich sehr gut verstärkt. Entscheidend war die Verpflichtung von Robert Komm, der hat sie um einiges nach vorn gebracht. Kontinuität? Ach, wissen Sie: Mal ist sie richtig, mal falsch. Wenn man verliert, muss man was ändern. Eigentlich auch, wenn man gewinnt.

Die vergangene Saison endete mit dem Titel für Berlin und einer gewissen Aufregung, da haben Sie sich schon geärgert. Sie hatten sich sehr heftig über einen Schiedsrichter beschwert und sind von der Liga dafür bestraft worden. Rechnen Sie jetzt damit, in Berlin vom Publikum deshalb ausgepfiffen zu werden?

Keine Ahnung, mal sehen. Ich habe mich ja nicht mit dem Berliner Publikum gestritten.

Konkurrenz belebt das Geschäft, sagen Sie. Hat es dem VfB sogar gut getan, dass die Berliner sich so positiv entwickelt haben? Ziehen Sie daraus neue Motivation?

Natürlich, man will ja seinen Titel zurückhaben, wieder Nummer eins werden. Da muss man sich sehr anstrengen. Ich sehe übrigens nicht nur einen Zwei-, sondern einen Dreikampf; auch Haching ist ein ernst zu nehmender Gegner.

Was sagen Sie denn zur Entwicklung der Deutschen Volleyball-Liga? Sie hat sich ja neu aufgestellt, verbessert mit der finanziellen Unterstützung der Vereine zunächst mal ihre Infrastruktur. Spüren Sie schon Fortschritte? Ist die Liga auf einem guten Weg?

Wenn ich ehrlich bin: Ich kann da so richtig noch nichts erkennen. Aber ich bin auch nicht mehr so in der Materie drin. Ich mache meine Arbeit in Friedrichshafen. Über die anderen Dinge sollen sich andere Gedanken machen. Die brauchen mich nicht.

Die Pleiten in Königs-Wusterhausen und Bottrop, die großen finanziellen Sorgen in Haching zeigen aber doch, dass der Weg sehr beschwerlich ist, oder?

Der Volleyball an sich steckt in großen Problemen. Die meisten Leute reden sich die Sachen schön. Ich sehe das ein bisschen anders. Aber ich habe da nichts zu sagen.

Was muss passieren, damit Volleyball es mit Handball oder Basketball aufnehmen kann? Dort wird bereits seit Jahren sehr professionell gearbeitet. Die Voraussetzungen im Volleyball sind nicht schlechter, es gibt ja zum Beispiel mehr Spieler als im Basketball.

(lacht) Das ist eine sehr gute Frage. Sehen Sie es mir nach, dass ich mich dazu nicht öffentlich äußere.

Welche Zukunft sehen Sie insgesamt für den Volleyball in Deutschland? Wollen Sie dazu vielleicht etwas sagen?

Dazu kann ich was sagen. Da bin ich nicht so optimistisch wie andere. Ich kann große strukturelle Veränderungen nicht erkennen. Mit meinen bescheidenen Kenntnissen über diese Sportart ...

Naja, bescheiden: Sie haben doch alles gewonnen, mit Friedrichshafen sogar die Champions League ...

...ja, aber die Meinung dieser Leute ist nicht so gefragt.

Ich frage Sie doch!

Die Presse ist nicht das Medium, da etwas zu machen... (kurze Stille) ... Also ich sehe die Entwicklung nicht so rosig. Ich hoffe, dass ich mich täusche. Sehen Sie nur, wie die Basketball-Bundesliga sich von den 90er- Jahren bis heute entwickelt hat. Das ist doch eine andere Welt jetzt. Beim Volleyball ist letzten Endes nichts passiert. Wir haben Gott sei Dank international sehr gute Spieler, auch eine Nationalmannschaft, die seit zehn Jahren gut funktioniert. Aber weiß das noch jemand, dass die deutschen Mädchen im vergangenen Jahr EM-Silber gewonnen haben?

Ja, in Berlin schon. Alle waren erstaunt, dass die Schmeling-Halle beim Frauenvolleyball an zwei Tagen hintereinander ausverkauft war.

Das ist möglich, natürlich ist das möglich. Wenn das in einem Land möglich ist, dann in Deutschland. Der Boden für den Volleyballsport ist schon da.

Sportarten werden in der öffentlichen Wahrnehmung befruchtet von Rivalitäten. Wie Bayern gegen Dortmund im Fußball, Alba gegen Bamberg und Bayern im Basketball. Kann so etwas entstehen zwischen BR Volleys und dem VfB Friedrichshafen?

Das funktioniert ja schon: Berlin hat die meisten Zuschauer, wenn wir kommen, nicht gegen Kasan oder sonst jemand. Es liegt also an Friedrichshafen ...

Wollen Sie nicht öfter kommen?

(lacht) Ich hätte da kein Problem mit. Solche Spiele machen jedenfalls mehr Freude, als wenn ich zum Beispiel nach Bottrop fahre.

Beim Pokalfinale in Halle werden Sie am 2. März ja schon wieder auf Berlin treffen. Dort werden 10.000 Zuschauer dabei sein. Ist es Utopie zu glauben, dass solche Zahlen vielleicht einmal in der Bundesliga zustande kommen?

Ein schöner Traum. Aber ich sehe es wirklich nicht.

Und Sie wollen mir partout nicht verraten, an welchen Schrauben man drehen müsste?

Ich werde mich hüten. Ich habe da keine Ambitionen mehr. Aber man muss auch international schauen, was da passiert. Wenn Sie eine Sportart haben, deren Saison bei den guten Vereinen im Mai endet und erst im Oktober wieder beginnt – bei den schlechteren Teams ist sie ja sogar schon im März vorbei – da vergessen die Leute doch, dass es diese Sportart überhaupt gibt! Der ganze Kalender im Volleyball ist Selbstmord. So lange das so weitergeht, wird sich da nichts ändern.

Was ist zu tun?

Man muss kein Einstein sein, um auf eine Idee zu kommen. Man muss nur das machen, was die Fußballer machen. Das heißt, nicht allein mit mehr Mannschaften spielen, der Spielplan muss auch gescheiter sein. Im Fußball gibt es nicht tausend Qualifikationen für dies und das. Die Fußballer haben im Sommer vier Wochen Pause. Ansonsten ist elf Monate Verein und Nationalmannschaft. Deren Plan wiederholt sich, Jahr für Jahr, jeden Morgen grüßt das Murmeltier. Im Volleyball dagegen ist nur Chaos.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel: Da wird im Sommer mal eben beschlossen, dass im September noch schnell eine WM stattfinden soll (Junioren-WM 2013 in Brasilien, d. Red.). Also habe ich einen Spieler, der erst die EM voll durchspielt und direkt im Anschluss auch noch eine WM. Oder Nationalspieler müssen kurz vor Weihnachten zur WM-Qualifikation, kommen am 6. Januar zurück, und am 8. Januar müssen wir schon in Rottenburg spielen, an einem Mittwoch. In Italien hatten sie wenigstens den Anstand, diese Spiele am Wochenende stattfinden zu lassen. Aber unsere Liga sagt: Nein, wir müssen Mittwoch spielen! Das sind so Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann. Letztlich hat das auch zur Folge, dass die Nationalspieler zwölf Monate im Jahr unterwegs sind, der Rest hat sechs Monate Pause. Wie sollen die jemals gut werden?

Also ist es nicht nur ein nationales Problem, das es zu lösen gilt?

Das hängt zusammen. Solange der internationale Verband nur darauf aus ist, Geld zu verdienen, mit Qualifikationen und noch mehr Qualifikationen – die mögen zwar reich sein, aber helfen tut es uns gar nichts. Schauen Sie die meisten Champions-League-Spiele an: Wie viele Leute sehen denn da zu? Vielleicht 2000. Das ist die traurige Wahrheit.

Noch mal zum Sport: Wer wird Deutscher Meister, Herr Moculescu?

Woher soll ich das wissen? Ich hoffe: wir, die Berliner hoffen: sie, die Hachinger hoffen: sie. Fragen Sie mich das im Mai noch mal.