Spielervertrag

Millionenpoker um Ramos

Stürmer dementiert Einigung mit Dortmund. Hertha muss aber über Schmerzgrenze nachdenken

Als Letzter trabte Adrian Ramos am Donnerstagnachmittag aus Herthas Kabine hinaus zum Training auf den Schenckendorffplatz und grüßte freundlich. Dass der Kolumbianer überhaupt anwesend war, war schon eine positive Nachricht für die Berliner. Nicht, weil er sich bereits auf dem Weg nach Dortmund hätte befinden können, wie es zahlreiche Anrufer den ganzen Tag über auf Herthas Geschäftsstelle befürchteten. Da nämlich mussten die Verantwortlichen im Minutentakt die Frage beantworten, ob der Stürmer noch in dieser Transferperiode, die heute endet, zum Champions-League-Finalisten verschachert werde. Nein. Beruhigend für den Bundesliga-Siebten war Ramos’ Anwesenheit, weil er zuletzt ein paar Tage wegen einer Fleischwunde gefehlt hatte, und sein Einsatz gegen Nürnberg am Sonntag (15.30 Uhr, Olympiastadion) nun nicht mehr in Gefahr ist.

Das aber rückte an diesem Tag ins Lager der Nebensächlichkeiten. Am Donnerstag hatten mehrere Medien berichtet, dass Borussia Dortmund seine Bemühungen um Herthas Angreifer intensiviert hat. Das Team von Trainer Jürgen Klopp sucht einen Nachfolger für den abtrünnigen Topstürmer Robert Lewandowski, der seinen Weggang zum FC Bayern im Sommer bereits verkündet hat. Gar bereits einig sei sich Ramos mit dem BVB, hieß es.

„Nein“, widersprach Ramos am Donnerstag. Er wisse von einer Einigung nichts, und „mehr gibt es dazu jetzt nicht zu sagen“. Sein Trainer Jos Luhukay reagierte gereizt auf das Thema: „Das ist alles spekulativ, und deshalb gehe ich nicht darauf ein“, sagte der Niederländer der Morgenpost. Doch so sehr sie bei Hertha jetzt darum bemüht sind, das Feuer unter dem Kessel in der Gerüchteküche auszutreten, das Thema steht unwiderruflich im Raum.

Aus Dortmund war zu hören, dass Klopp sehr angetan von Ramos ist. Auf der Suche nach einem Lewandowski-Ersatz hatte sich der BVB zuletzt eine Absage von Atlético Madrids Diego Costa geholt – der nicht einmal für die stattliche Ablöse von 40 Millionen Euro für die Borussen zu haben wäre. Nun wurde entschieden, das Erbe Lewandowskis auf die Schultern zweier Angreifer zu verteilen, die auch bezahlbar sind: Dong-Won Ji ist bereits vom FC Sunderland verpflichtet und kommt im Sommer. Der zweite soll Adrian Ramos werden. Dessen geschätztes Gehalt bei Hertha (1,5 Millionen Euro) könnte der BVB problemlos mehr als verdoppeln.

Ramos’ Vertrag bei Hertha läuft noch bis 2015, und offiziell ist der BVB gar nicht dazu berechtigt, überhaupt mit dem Stürmer in Kontakt zu treten, ohne Hertha darüber zu informieren (das dürfte er frühestens ein halbes Jahr vor Ablauf des Kontrakts). Bei Hertha hat sich bisher aber niemand gemeldet. Doch dort wissen sie, dass derlei Verbote im Fußballgeschäft bisweilen auch elegant umschifft werden.

Ramos-Berater Helmuth Wennin sagte auf Morgenpost-Anfrage: „Es gibt zahlreiche Teams, die an Adrian interessiert sind. Nichtsdestotrotz wollen wir, dass er sich nur auf Hertha konzentriert – im Moment.“ Neben zwei englischen Teams zeigt vor allem der AS Monaco konkrete Absichten. Der neureiche Klub aus der französischen Ligue 1 hat Ramos in dieser Saison bereits mehrfach beobachtet. Das Rennen um Herthas besten Torjäger ist also eröffnet, und es wird die Berliner auch in den kommenden Woche und Monaten beschäftigen.

Herthas Wunschszenario sieht so aus: Der Vertrag mit Ramos soll verlängert werden. Lässt sich dies nicht verwirklichen, wären die Berliner bereit, ihn bei einem entsprechenden Angebot ziehen zu lassen. Ramos’ Markwert wird beim Portal Transfermarkt.de auf vier Millionen Euro geschätzt. Bei einer Summe in dieser Größenordnung wird Hertha Ramos allerdings nicht gehen lassen. In diesem Fall wäre auch denkbar, Ramos bis 2015 zu behalten. Danach wäre er ablösefrei. So hatte es bekanntlich auch der BVB mit Lewandowski gehandhabt. Ins Nachdenken gerät Hertha erst bei einer Summe um zehn Millionen Euro. Macht der BVB ernst, wird Hertha (37 Millionen Euro Verbindlichkeiten) wohl nachgeben müssen.

An jedem zweiten Tor beteiligt

Welchen Wert der Stürmer für die Blau-Weißen hat, zeigt eine Statistik: Seit Ramos 2009 für insgesamt 2,4 Millionen Euro vom kolumbianischen Klub América de Cali an die Spree kam, war er durchschnittlich mehr als an jedem dritten Tor der Berliner direkt beteiligt (53 Tore und 32 Vorlagen bei insgesamt 233 Hertha-Treffern). Kein Spieler hat Hertha in den zurückliegenden fünfeinhalb Jahren stärker geprägt. In dieser Saison war er mit elf Treffern und vier Vorlagen sogar an jedem zweiten Tor (27) direkt beteiligt. Der Aufsteiger spielt derzeit auch deshalb so groß auf, weil Ramos in Topform ist. Zudem hat Luhukay die Spielweise seines Teams auf ihn zugeschnitten – schnelles Umschalten, Kombinationen bis ins Sturmzentrum sowie eine Defensivstrategie, die bei Ramos beginnt, weil er viel nach hinten arbeitet.

Deshalb hatte sich Luhukay für Ramos und gegen Pierre-Michel Lasogga als Stammstürmer entschieden. Lasogga wurde zum HSV verliehen und würde zur neuen Saison gern zurückkommen – aber nur als Angreifer Nummer eins. Geht Ramos also nach dieser Spielzeit, wird eine Rückkehr Lasoggas wahrscheinlicher.

Das Wechselgerangel um Ramos aber weckt auch böse Erinnerungen: In der Vergangenheit rutschte Ramos immer dann ins Formtief, wenn im Kopf Abwanderungsgedanken spukten, wie zuletzt 2012 beim Interesse von Mainz 05. Bei Hertha sind sie jedoch sicher, dass es diesmal anders ist.