Olympische Winterspiele

Heer der Ringe

100.000 Sicherheitskräfte schützen 2500 Olympiasportler in Sotschi. Trotzdem ist einigen mulmig

An Flughafen und Bahnhof hat Olympia für Sotschi längst begonnen. Acht Tage vor der Eröffnungsfeier am 7. Februar ist der Andrang hier jedenfalls bereits riesig, kein Schalter ohne längere Schlange. Bis die ersten deutschen Athleten mit ihrem quietschbunten Bogner-Outfit heute ihr olympisches Quartier beziehen, war das Bild bislang jedoch meist vom Olivgrün der Militäruniformen dominiert. Russland karrt nämlich die Beschützer der Spiele an, dass Heer der Ringe sozusagen. Die Zahl der Sicherheitskräfte ist für die Dauer der Winterspiele auf 100.000 Polizisten, Soldaten und Agenten zuletzt fast verdreifacht worden. Sotschi, daran lässt Präsident Wladimir Putin keine Zweifel, soll in den kommenden drei Wochen eine Festung sein.

Raketenwerfer in den Bergen

„Nach dem, was ich gesehen habe und weiß, kann ich sagen, dass Niveau und Umfang der Sicherheit so hoch sind wie nie zuvor bei Olympischen Spielen. Durch Kontrollen, die in den Bergen stationierten Flugabwehrraketen und die eingesetzte Informationstechnik haben die russischen Behörden das Olympia-Gebiet zu einer wahren Festung gemacht“, bestätigte der US-Sicherheitsexperte Michael McCaul der russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“. Auch werde mit den US-Behörden bestens kooperiert, gerade erst seien 20 Spezialagenten des FBI eingetroffen.

Bislang hatte die russische Regierung stets von 37.000 Sicherheitskräften gesprochen. Vor Monatsfrist allerdings hatten zwei Selbstmordattentate in Wolgograd mit über 30 Todesopfern und anschließende Drohungen islamistischer Terroristen die Organisatoren in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Trotz aller Anerkennung für die Bemühungen, gab das State Department eine Reisewarnung für US-Bürger heraus, die US-Athleten sollen sich außerhalb akkreditierter Bereiche nicht in auffälliger Teamkleidung zeigen. Auch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik passte seine Sicherheitshinweise zuletzt an. „Grundsätzlich sollten größere Menschenansammlungen gemieden werden“, heißt es. Wie das bei Olympischen Spielen gehen soll, ist fraglich.

Wohl auch deshalb blickt der deutsche Biathlet Arnd Peiffer mit einer Portion Fatalismus der Sotschi-Reise entgegen. „Ich glaube, wenn jemand wirklich plant, eine größere Gruppe, die nicht ganz blöd ist, etwas zu machen, dann wird es schwierig, das zu verhindern“, sagt der Sprint-Weltmeister von 2011. „Deswegen darf man nicht all zu sehr in Angst leben, weil man es eh nicht verhindern kann.“ Sein Staffel-Partner Erik Lesser gibt hingegen zu: „Ein mulmiges Gefühl bleibt trotzdem.“

Nicht ganz wohl ist auch Rodel-Weltmeisterin Natalie Geisenberger vor der Abreise. „Man denkt natürlich schon etwas nach“, gibt sie zu. „Im ersten Moment ist es für einen Sportler nicht schön zu wissen, dass man da hin muss.“ Weniger Sorgen macht sich Eisläuferin Claudia Pechstein. „Ich habe 2002 Olympia in Salt Lake City nach dem Anschlag in New York am 9. November 2001 erlebt“, vergleicht die fünfmalige Olympiasiegerin. Dort habe es Sicherheitsvorkehrungen wie nirgendwo zuvor gegeben. „Das wird auch in Russland nicht anders werden. Sotschi ist während Olympia der sicherste Ort der Welt“, erwartet die 41-Jährige.

„Nach den Anschlägen von Nine-Eleven waren die Sicherheitsbedenken größer“, meinte auch Biathletin Andrea Henkel, die Doppel-Olympiasiegerin von Salt Lake City, und fügt an: „Man kann vieles an Russland kritisieren, aber Terror ist kein geeignetes Mittel.“

Riesch bleibt im Athletendorf

Ebenso glaubt Maria Höfl-Riesch, nicht in Gefahr zu geraten. „Wir sind im olympischen Dorf untergebracht, da sollte es in Sachen Sicherheit keine Probleme geben“, sagte die Skirennläuferin, und Felix Neureuther sagte: „Es wäre eine Riesentragödie, wenn etwas passieren sollte. Aber ich bin mir absolut sicher, dass dort alles unternommen wird, um die Sicherheit zu gewährleisten.“ Ähnlich sehen es offenbar auch die deutschen Fans. Während die Olympia-Organisatoren zuletzt noch 30 Prozent der Tickets loszuwerden versuchten, war die 10.000 für Deutschland vorgesehenen Tickets längst ausverkauft. Viele deutsche Touristen nächtigen übrigens auf einem Krauzfahrtschiff im Hafen von Sotschi.

Alfons Hörmann, 53, seit Kurzem der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), betonte, er werde „unvoreingenommen, aber mit kritischem Blick“ nach Sotschi reisen. „Fakt ist, dass vieles, was in Sotschi stattfindet, aus westlicher Sicht schwer verständlich und einiges mit unseren Wertvorstellungen nicht vereinbar ist. Aber man muss jedem Gastgeber die faire Chance geben, die Sache erst einmal zu Ende zu bringen.“