Motorsport

„Das halbe Feld kommt in Australien nicht ins Ziel“

Formel-1-Weltmeister Vettel bestaunt bei den ersten Tests nicht nur die neuen Autonasen

Es ist die Zeit des Tarnens und Täuschens in der Formel 1. Im Winter 2014 besonders, weil sich die Königsklasse eine Reihe einschneidender neuer Regeln verpasst hat. Neben dem Wechsel von Achtzylinder-Saugmotoren hin zu sechs Zylindern und Turbo-Unterstützung beschäftigen sich die Techniker vor allem mit der Aerodynamik ihrer Autos. Mit zum Teil kurios wirkenden Ergebnissen an der Frontpartie. Was bei den ersten Testfahrten in Jerez (Spanien) sowohl Red-Bull-Konstrukteur Adrian Newey als auch Weltmeister Sebastian Vettel zum Spötteln brachte. „Manche Autos sehen aus wie Staubsauger“, sagte der 26-Jährige. Viel intensiver als die Optik der Boliden beschäftigt Newey, 55, jedoch eine veritable Gefahrenquelle.

Mit dem Start in die WM-Saison am 14. März in Melbourne darf sich die Wagenspitze laut Regelwerk nicht höher als 18,5 Zentimeter über dem Boden befinden. Bislang waren 55 Zentimeter erlaubt. Beabsichtigter Effekt der neuen Vorschrift: Es soll vermieden werden, dass Autos bei Auffahrunfällen abheben oder sich bei seitlichen Einschlägen übereinanderschieben und die Fahrer im offenen Cockpit verletzt werden. Adrian Newey befürchtet künftig einen gegenteiligen Effekt: Dass sich bei Unfällen die Autos gefährlich untereinander schieben könnten. „Ich denke, das ist ein viel schlimmeres Szenario“, mahnte der britische Aerodynamik-Spezialist. Das ist ernst zu nehmen, obwohl kein derzeit in Spanien getestetes Auto in der momentanen Konfiguration so dann auch in Australien in die Startaufstellung fahren wird. Allan Green, Technikchef bei Force India, kündigte bereits an, dass man eine „Präsentationsnase“ herzeige. „Später werden wir eine erneuerte Frontpartie zur Verfügung haben, die sich deutlich unterscheiden kann.“

Anders verhält es sich mit der künftig erlaubten Maximalgröße der Tanks. Statt 150 Kilogramm (die Formel 1 rechnet nicht in Litern) sind nur noch deren 100 erlaubt, was sich in veränderten Rennstrategien niederschlagen wird. Der kleinere Kraftstoffbehälter ist aber leichter in ein Auto zu integrieren als eine aerodynamisch diffizile Frontpartie. Die Aufgabenstellung in beiden Bereichen lautet jedoch: Maximale Effizienz. Und davon ist auch Red Bull noch weit entfernt.

Saß Sebastian Vettel am ersten Jerez-Testtag gerade mal für 14 Runden im Cockpit, war der zweite Arbeitstag am Mittwoch aus Fahrersicht sogar schon nach acht Minuten beendet. Dann stoppte ein Problem mit dem neues Energierückgewinnungssystem (aktiviert bis zu 160 PS Zusatzleistung für 33,3 Sekunden pro Runde) am Renault-Turbo den Vorwärtsdrang des Hessen. Die Erkenntnisse aus insgesamt 48,708 Testkilometern in Jerez ist gleich null. 2013 beendete er die Auftakttestfahrten nach 200 Runden.

Wie fragil die Formel 1 momentan daherkommt, ist an der Beteiligung an den Jerez-Erprobungen abzulesen. Zehn der elf eingeschriebenen Teams hatten sich angekündigt, sechs hatten sich am ersten Tag eingefunden – Red Bull, Force India, Sauber, Toro Rosso, Ferrari, und Mercedes. Nicht zuletzt eine Frage der Budgets. Die finanzschwachen Rennställe (mindestens fünf) werden Mühe haben, den künftig geltenden, empfindlich kostspieligen technischen Gegebenheiten gerecht zu werden. Da sind Testfahrten purer Luxus.

Deswegen sieht Sebastian Vettel für die anstehende WM-Saison ein weiteres Auseinanderdriften der kleinen und der großen Teams voraus. Dem Online-Anbieter Speedweek sagte er: „Ich erwarte, dass die Abstände zwischen den einzelnen Autos deutlich größer werden. Wenn ich das als Weltmeister der letzten vier Jahre sage, dann klingt das natürlich ein wenig seltsam. Aber die besten Autos waren in dieser Zeit wirklich auf ähnlicher Höhe, die Rennen waren teilweise unglaublich spannend. Das kann jetzt anders werden. Das beginnt schon bei der Zuverlässigkeitsquote. Ich gehe mal davon aus, dass in Australien das halbe Feld nicht ins Ziel kommt.“