Laufbahn

„Alles was jetzt noch kommt, wäre wie Platin für mich“

Claudia Pechstein erlebt in Sotschi ihre sechsten Spiele, am Donnerstag zieht sie ins Athletendorf ein. Hier schreibt die Eisläuferin über ihre wichtigsten olympischen Momente

Albertville 1992

„Dabei sein ist alles“, lautet das Motto der Olympischen Spiele. Das galt auch für mich, als ich mich auf den letzten Drücker für Albertville qualifiziert hatte. Kein einziges Mal war mir zuvor bei einem Weltcuprennen über die 5000 Meter der Sprung auf das Treppchen gelungen. Und doch sollte gleich nach meinem ersten Olympiarennen überhaupt eine Medaille um meinen Hals baumeln. Ich war damals noch ein echtes Eisschnelllauf-Küken, fünf Tage vor meinem 20. Geburtstag machte ich mir mit Bronze selbst das schönste Geschenk.

Für mich war das alles nur schwer zu begreifen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte schweben vor Glück. Wenn da nicht unmittelbar vor der Siegerehrung dieses kleine Problem gewesen wäre: Ich hatte nicht das Richtige zum Anziehen dabei. Helmar Gröbel, damals unser Cheftrainer, stand in der Umkleidekabine vor mir und schüttelte den Kopf. „Ist das denn mit euch Frauen immer das Gleiche? Wir gehen doch nicht tanzen“, witzelte er. Leider hatte er nicht begriffen, wo mein Problem lag. Kurze Zeit später wurde es für jeden offensichtlich. Auf dem Siegerpodest standen drei Deutsche nebeneinander, und es fiel deutlich auf, dass eine von den Dreien anders aussah als die anderen beiden.

Gunda Niemann als Siegerin und die Zweitplatzierte Heike Warnicke strahlten in den goldfarbenen Jacken, die wir zu Beginn der Spiele bei der Einkleidung bekommen hatten, um bei den Siegerehrungen zusätzlich glänzen zu können. Als ich im olympischen Dorf vor dem Rennen meine Tasche gepackt hatte, war mir als Debütantin nicht eine Sekunde lang der Gedanke gekommen, dass ich meine Medaillengewinnerjacke nach den 5000 Metern brauchen könnte. Und so wurde nicht nur aus Goldjacken vom Siegerpodest gelacht und gewunken, sondern auch aus einer türkisfarbenen, die nur zu unserer Alltagskleidung gehörte. Doch das war mir völlig wurscht, als ich meine erste olympische Medaille anfassen und küssen konnte.

Lillehammer 1994

Wenn die Flamme brennt und die Flagge mit den Ringen gehisst ist, ticken meine Uhren anders. Das habe ich der Eisschnelllauf-Welt und mir selbst erstmals an meinem 22. Geburtstag, am 22. Februar 1994 bewiesen. Drei Tage vor meinem Start über 5000 Meter drückte mir Trainer, wie ich meinen langjährigen Erfolgscoach Joachim Franke bis heute noch kurz und prägnant nenne, einen Zettel in die Hand. „Wenn du 7:22,22 Minuten läufst, dann hast du die Chance auf eine großartige Platzierung“, hatte er darauf notiert. Die Zeit lag zwölf Sekunden unter meiner damaligen Bestzeit. Mein Vertrauen in Trainer und seine Arbeit war zwar schon damals riesengroß, da er mich vom Beginn unserer Zusammenarbeit im April 1991 innerhalb von nur zehn Monaten von einem abgeschriebenen Talent zur olympischen Bronzemedaillengewinnerin geformt hatte. Doch alles hat seine Grenzen.

Sicher: Ich konnte die 5000 locker angehen, ich hatte bereits über 3000 Meter erneut Bronze geholt. Doch die Zeit auf dem Zettel schien mir nicht von dieser Welt. Später hat Trainer dieses Motivationsspielchen mit dem Zettel noch ein ums andere Mal wiederholt. Oft mit Erfolg. Doch nie wieder lag er so deutlich daneben wie am 25. Februar 1994. 7:14,37! Ich konnte nicht glauben, was auf der Anzeigetafel stand.

Natürlich konnte ich da noch nicht wissen, dass selbst die große Favoritin Gunda Niemann diese Zeit nicht mehr würde schlagen können. Doch auch ohne die Gewissheit, erstmals Olympiasiegerin geworden zu sein, war ich ob dieser Zeit total verdattert. Völlig entkräftet setzte ich mich vor Schreck auf den Hosenboden und rutschte hinter der Ziellinie auf meinem Allerwertesten über die Bahn und holte dabei auch noch Trainer von den Beinen. Als ich auf ihn zu fegte, konnte er nicht mehr ausweichen. Jetzt saßen wir uns beide auf dem Eisoval gegenüber, strahlten und lachten wie kleine Kinder um die Wette. Er packte mein Gesicht mit beiden Händen, drückte mir links und rechts ein Küsschen auf die Wange und gratulierte mir auf seine Art: „Entschuldigung, dass ich dich so unterschätzt habe.“

Nagano 1998

Es gibt Rennen, die sind für die Ewigkeit. Packend, dramatisch, einfach unvergesslich. In Nagano durfte ich Teil des wohl spektakulärsten und spannendsten 5000-Meter-Showdowns der Olympiahistorie sein. Gunda Niemann musste vorlegen, und erstmals blieb die Uhr unter der magischen Grenze von 7:00 Minuten stehen. 6:59,65! Wieder war Olympia – und wieder stand da eine Zeit, die fern meiner Vorstellungskraft lag. Diesmal auf der Anzeigetafel und nicht auf Trainers Zettel.

„Wir laufen jetzt auf Silber“, sagte Joachim Franke schnell noch vor dem Start. Trainers Notizbuch, das er während wichtiger Rennen mit sich trug, um die Zwischenzeiten der Führenden parat zu haben, wenn wir auf Sieg laufen wollten, hatte er längst zugeklappt. Doch einmal mehr kam alles anders: Der Start war perfekt, das Eis super, ich legte eine blitzsaubere erste Runde hin. Der Rhythmus stimmte, ich spürte förmlich, dass ich schnell unterwegs war. Sehr schnell sogar. „Du liegst auf Gundas Zeit“, rief mir Trainer aufgeregt zu, als ich nach meiner 2600-Meter-Zwischenzeit auf der so genannten Wechselgeraden an ihm vorbei lief. Am liebsten hätte er sein Buch wieder aufgeklappt, längst ging es um jede Hundertstel. 6:59,61, Gold und Weltrekord!

Um solch einen Moment zu beschreiben, müssten neue Begriffe erfunden werden. Für die Mischung aus totaler körperlicher Erschöpfung und purem Glück gibt es noch keine Wortschöpfung. Niemand sollte sich zu Hause vor dem Fernseher sitzend wundern, wenn er auch heutzutage nach großen sportlichen Erfolgen von den siegreichen Athleten immer wieder Folgendes zu hören bekommt: „Mir fehlen die Worte, dieses Gefühl ist einfach unbeschreiblich.“ So ist es eben. Und 1998 in Nagano war das nicht anders. Vier Hundertstel war ich am Ende schneller als Gunda. In Zentimeter ausgedrückt waren das 47. Und Trainer blieb nur die Erkenntnis: „Es gibt wohl weltweit keine zweite Athletin wie Claudia Pechstein, die an besonderen Tagen eine solch enorme Fähigkeit hat, sich zu steigern!“

Salt Lake City 2002

„Hier, nimm diesen Rucksack mal mit in die Halle“, bat ich unseren Physiotherapeuten Thorsten Strauss um einen Gefallen. „Es könnte sein, dass ich ihn brauche.“ Es sprach für ihn, dass er keine großen Fragen stellte. So musste ich ihm nicht erklären, dass da eine Perücke in unseren Landesfarben drin war, mit der ich meinen Sieg über 5000 Meter feiern wollte. Dass es dazu kommen würde, daran hatte ich so gut wie keinen Zweifel. Bereits über 3000 Meter hatte ich Gold gewonnen. Mit Weltrekord. Jetzt war mir auch vor dem goldenen Olympia-Hattrick über meine Spezialdistanz nicht bange. Im Gegenteil: An meinem 30. Geburtstag, einen Tag vor der 5000-Meter-Entscheidung, ließ ich mich sogar dazu hinreißen, während eines TV-Auftrittes anzukündigen, dass ich morgen zeigen werde, „wo der Hammer hängt“. Im Training lief es wie am Schnürchen. Ich fühlte mich topfit. Was also sollte schiefgehen?

Und richtig: Nichts. Wieder Gold. Wieder mit Weltrekord.

„Jetzt brauche ich ihn tatsächlich, kannst du ihn mir bitte holen?“ Unser Physio nickte, flitzte kurz in die Kabine und drückte mir den Rucksack in die Hand. Kurz darauf war ich bereit zur Jubelrunde im Deutschland-Look. Mit nun vier Goldmedaillen war ich zu Deutschlands erfolgreichster Winterolympionikin aufgestiegen. Und als solche feierte ich meinen Triumph mit einer schwarz-rot-goldenen Perücke. Diesen Plan hatte mein Manager Ralf Grengel gemeinsam mit meinem Friseur Oliver Strehl im Vorfeld der Spiele ausgeheckt. Ich war anfangs nicht begeistert, hatte die Haarpracht sogar absichtlich zu Hause „vergessen“. Ich hielt es für ein schlechtes Omen, schon aufs Feiern vorbereitet zu sein, ohne auch nur einen Meter bei Olympia gelaufen zu sein.

Nach dem ersten Gold beichtete ich dies. Ralf schickte sie per Kurier hinterher und ich drehte tatsächlich noch meine Ehrenrunde damit. Die Fotomotive von mir und der haarigen Dreifarbenkreation waren wohl die meistgedruckten Bilder von Olympia. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass diese Kunsthaarpracht schon bald den Weg ins „Haus der deutschen Geschichte“ finden und mir kurz darauf nebenbei einen meiner lukrativsten Werbeverträge bescheren würde.

Turin 2006

„Claudia, wir müssen auf einige Trainingseinheiten in der Eishalle verzichten oder sie verkürzen.“Dass ich eine solche Aussage von meinem Trainer einmal während Olympia zu hören bekommen würde, lag fern meiner Vorstellungskraft. „Stattdessen musst du dein Pensum auf dem Ergometer erhöhen“, fügte er an. Das war zwar nicht optimal, aber wohl die einzig vernünftige Entscheidung, nachdem sich Teile meines Körpers während des 3000-Meter-Rennens unnormal verfärbt hatten. Nichts hatte im Vorfeld dagegen gesprochen, meine olympische Medaillenjagd fortzusetzen. Zumindest, bis die Handwerker in der Olympiahalle vor dem Beginn der Wettkämpfe noch einmal Hand anlegten. Es sollte eine reine Verschönerungsarbeit werden, als sie den 1,50 Meter breiten Betonstreifen zwischen Eisbahn und Innenraum mit einem blauen Teppich verdeckten und dabei verklebten.

Mit einem Klebstoff, der sich als pures Gift für meine anfälligen Bronchien erwies. Die Chemikalie bahnte sich während des ersten Rennens beißend ihren Weg in meine Atemwege. Im Training hatte ich zwar schon einen Reizhusten verspürt, aber ich konnte nicht ahnen, dass die Wirkung des stinkenden Klebstoffs umso stärker würde, desto härter meine körperliche Anstrengung wurde. Der Lauf war eine einzige Qual. Mich überkam das Gefühl, husten zu müssen, die Sauerstoffzufuhr war völlig unzureichend, meine Beine und Hände liefen bläulich an. Deshalb war Trainers Anordnung, die Halle wann immer möglich zu meiden, das einzig Sinnvolle.

Zudem lief ich ab sofort bei den wenigen Eiszeiten im Training mit einem Schal vor dem Mund, um mich zu schützen. Ich reduzierte dazu nicht nur meine Trainingszeiten in der Halle, sondern auch mein Wettkampfpensum. Die 1500 Meter und das Auftaktrennen im erstmals bei Olympia ausgetragenen Team-Wettbewerb wurden gestrichen. Der Plan ging auf. Durch die Schonung der Atemwege konnte ich mich in den verbliebenen Wettkämpfen durchbeißen. Mit Gold im Team und Silber über 5000 Meter dominierten am Ende der Spiele doch noch andere Farben als blau.

Vancouver 2010

Als das olympische Feuer am 12. Februar 2010 entzündet wurde, saße ich zu Hause vor dem Fernseher. Enttäuschung, Wut und körperlicher Schmerz beherrschten mich bei dem Gedanken, dass ich jetzt eigentlich in Vancouver durchs Stadion marschieren und nicht in Diensdorf vor der Glotze hocken müsste. In meiner Verzweiflung, meine sechsten Spiele durch eine Unrechtssperre verpasst zu haben, griff ich nach dem letzten Strohhalm. Da Spezialisten der Hämatologie bei mir eine von meinem Vater vererbte Blutanomalie als Grund für meine schwankenden Retikulozytenwerte entdeckt haben, ließ ich durch meinen Anwalt Christian Krähe vor Ort einen Eilantrag an das Ad-hoc-Gericht des CAS stellen. Moralisch gestützt durch eine Umfrage, nach der mich mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung gern am Start sehen würden. Um erst gar nicht in die Verlegenheit zu kommen, die neuen Beweise würdigen zu müssen, wurde mein Antrag ohne Anhörung abgeschmettert.

Ich hatte zwar nichts anderes erwartet, dennoch fühlte ich mich leer und ausgebrannt, als ich Gewissheit hatte. Von mir selbst überrascht, so masochistisch veranlagt zu sein, schaute ich mir fast täglich die Liveübertragungen an. Ich freute mich über das Doppelgold von Maria Riesch und Magdalena Neuner. Ich staunte über Neuners Staffelverzicht, der sie womöglich ihr drittes Gold gekostet hat. Olympiasiege sind für uns Wintersportler das Größte. Ich bin mir sicher, dass Neuner diese Entscheidung später einmal bereuen wird.

Während der Eisschnelllauf-Entscheidungen litt ich vor allem mit Daniela Anschütz. Über 3000 und 5000 Meter schrammte „Schützi“ zweimal knapp an Bronze vorbei. Als es im Team für sie zum zweiten Gold nach 2006 reichte, konnte ich mich von Herzen für sie mitfreuen. „Hallo Schützi!“, begann ich meine Glückwunschmail, die ich ihr noch in der Nacht nach Vancouver sendete. „Gratu, endlich hast Du Dir die Medaille von Vancouver geholt! Nachdem es leider immer sehr knapp zum Podium war, hast Du jetzt deine zweite olympische Goldmedaille! Genieße es und Feier schön! Viele Grüße von Claudi, die sehr gern dabei gewesen wäre.“ Als ich diese Zeilen tippte, wurde mir endgültig klar, dass ich so nicht abtreten kann. Ich werde mir die gestohlenen Spiele von Vancouver vier Jahre später zurückholen!

Sotschi 2014

Seit ich 1992 das erste Mal an Olympischen Spielen teilgenommen habe, denke ich in einer eigenen Zeitrechnung. Und zwar in Olympiaden. Sprich in jenen Zeiträumen, die zwischen zwei Olympischen Spielen liegen. Die mit der Eröffnungsfeier in Sotschi endende Olympiade war die extremste meines Lebens. Das Ende meiner Ehe mit Markus Bucklitsch. Bestätigung des CAS-Urteils durch das Schweizer Bundesgericht. Neues Liebesglück mit Matthias Große. Medizinische Diagnose meiner vom Vater vererbten Blutanomalie. Sportliches Comeback in Erfurt. Die Angst vor dem Scheitern. Die glanzvolle Rückkehr auf die Eisbahnen. Sechs EM- und WM-Medaillen zwischen 2011 und 2013. Die Schadensersatzklage gegen die Verbände ISU und DESG wegen der Unrechtssperre. Der Fokus auf die Olympiaqualifikation. Und nun der Traum von der zehnten olympischen Medaille in Sotschi.

Das ist im Zeitraffer das Wichtigste, was ich in den vergangenen vier Jahren erlebt habe. Dazu kommt der ganze normale Wahnsinn, den jeder aus seinem Alltagsleben kennt. Manchmal staune ich selbst, was ich in dieser Olympiade alles untergebracht habe. Fast scheint es mir so, als wäre sie aufregender gewesen als alle anderen zusammen.

Jetzt heißt es aber, die Gedanken an diese nervenaufreibende Zeit zu verdrängen und sich ganz auf Sotschi zu konzentrieren. An sich ist es schon ein Traum, dass ich es tatsächlich geschafft habe, mir die gestohlenen Spiele von Vancouver zurückzuholen. Aber ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich jetzt auch gerne mit etwas zurückkommen möchte, was um meinen Hals baumelt. Ich habe alle Farben im Schrank. Alles was jetzt noch kommt, wäre Zugabe und wie Platin für mich.

Ich habe mich gewissenhafter vorbereitet denn je. Erstmals habe ich nicht nur an meiner bestmöglichen körperlichen Verfassung, sondern auch intensiv an meinem Schlittschuhmaterial gearbeitet. Dank meines Partners F&F Lasertechnik werden meine Kufen nun nicht mehr per Hand geschliffen. Das Holsteiner Unternehmen hat nach unzähligen Tests auf dem Eis eine Maschine gebaut, die die Kufen perfekt präpariert, inklusive Laserpolitur. Eine solche Gleitfähigkeit habe ich nie zuvor auf dem Eis verspürt. Sie kann am Ende den Unterschied ausmachen zwischen Edelmetall und Blech. Vorausgesetzt, ich bin in der Lage, meine Bestleistung abzurufen. Denn auch die besten Kufen können nicht alleine laufen.

Einige Passagen dieses Textes hat Pechstein ihrem Buch „Von Gold und Blut“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf) entnommen. Handsigniert bestellbar unter www.claudia-pechstein.de