Reinigungsprozess

„Wir haben in Stockholm versagt“

Union-Boss Zingler erwartet 60 Stadionverbote nach Chaos-Spiel. 24 Personen bereits identifiziert

Stockholm. Der Name der schwedischen Hauptstadt steht seit Sonnabendnachmittag für die dunkelste Stunde, die der 1. FC Union in seiner jüngeren Klubgeschichte erlebt hat. Der Platzsturm, der Pyro-Irrsinn und die Ausschreitungen im Rahmen des Testspiels des Berliner Fußball-Zweitligisten bei Djurgardens IF haben sichtlich Spuren hinterlassen bei den Köpenickern.

Erst recht bei Klubchef Dirk Zingler, der am Dienstag unumwunden zugab: „In Stockholm haben wir versagt.“ Alles, wofür Union in der Vergangenheit stand, wurde durch jene rund 100 Chaoten in Frage gestellt, die in Stockholm randalierten. „Wir mussten feststellen, dass unsere eigenen Regeln offensichtlich nicht ausreichen, uns ohne Polizei und Zäune zu bewegen“, sagte Zingler: „Wir haben uns vielleicht von der Vorfreude auf das Spiel ein bisschen berauschen lassen. Dieser Fehler wird uns nicht noch einmal passieren.“

Zugleich kündigte er an: „Es wird einen Reinigungsprozess geben müssen. Insbesondere, wenn wir auswärts spielen, werden wir uns neue Regeln überlegen müssen.“ Dabei will – und muss – der Klub eng mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zusammenarbeiten.

Der DFB-Kontrollausschuss hat längst seine Ermittlungen aufgenommen, Union wird mit einer Strafe rechnen müssen, Spiele ohne Zuschauer sind nicht ausgeschlossen. „Der Kontrollausschuss wartet auf Unterlagen und Material vom schwedischen Verband“, sagte Michael Morsch aus der DFB-Medienabteilung. Da es sich um ein Freundschaftsspiel handelte, sind die nationalen Verbände für die Aufarbeitung zuständig.

Zugleich haben die ersten Auswertungen des Videomaterials bereits 24 Personen identifiziert, die im Zusammenhang mit der Chaos-Partie stehen sollen. Zingler selbst rechnet mit „50 bis 60 Stadionverboten“. Das darf als echte Hausnummer angesehen werden, hat Union doch bislang insgesamt erst 62 solcher Verbote erteilt.

Stärkere Abgrenzung gefordert

An der Alten Försterei wird ein Umdenken stattfinden. Die Frage wird sein, ob der pure Fußball, den Union stets so gern propagiert, ohne Zäune und mit wenig Polizei, in dieser Form aufrecht erhalten werden kann. Das weiß auch Zingler. Union müsse sich noch stärker abgrenzen von Gewalttätern. „Mich interessiert es nicht, ob Provokationen stattgefunden haben. Wenn wir nicht geeignet sind, damit umzugehen, dann sind wir nicht geeignet, in Zukunft Auswärtsspiele machen zu können, schon gar nicht internationale Auswärtsspiele. Wichtig ist, dass wir die durch Gesetze vorgegebenen Regeln einhalten.“ Wer sich nicht daran halte, werde ausgeschlossen. Die Zeit der nahezu vorbehaltlosen Rückendeckung für die eigenen Fans ist damit vorbei.

Jenes Plakat des immer noch verhassten, sportlich aber inzwischen völlig unbedeutenden Stadtrivalen BFC Dynamo, welches die Schleuse zur Gewalt erst geöffnet hat, bezeichnete Zingler als „eine Provokation, die uns vielleicht sogar ins Mark trifft.“ Doch der Klubchef verteidigte auch jene Rivalität zum BFC, die sich zu DDR-Zeiten manifestiert hat. „Ich habe die Diskussionen mitbekommen, in denen es hieß, es müsse doch mal vorbei sein nach 25 Jahren. Da sage ich ganz klar nein. Diese Rivalität, diese Abgrenzung, die wir zu anderen Vereinen haben, die gehört zu unserer Geschichte dazu. Die kann man auch leben. Sie darf aber nie dazu führen, dass wir uns selbst vergessen.“

Den Imageschaden, den Union erlitten hat, versuchte Zingler indes klein zu reden. „Diese Bilder aus Stockholm schaden uns. Wir waren in den vergangenen Jahren sicher nicht immer perfekt, das sind nicht die ersten negativen Bilder über uns. Aber ich glaube, dass wir schon als Verein wahrgenommen werden, der eine ganz besondere Fankultur lebt.“ Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn Zingler anführt, dass dieser Weg, den Union in der Vergangenheit genommen hat, „uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt stehen“.

Deshalb will Union im Grundsatz seinen Weg, den er im Umgang mit den Fans eingeschlagen hat, fortsetzen und „nicht einen Millimeter davon abweichen“, machte Zingler deutlich. Die kommunikative und respektvolle Beziehung mit den Fans soll bei den Köpenickern auch weiter dafür sorgen, dass man sich als Anhänger bei Union gut aufgehoben fühlt. Ein Weg, der bis zu den Vorfällen von Stockholm als durchaus vorbildlich galt. „Aber wir sind nun auch aufgefordert, deutlich Farbe zu bekennen und schnell ein Zeichen zu setzen, dass das, was dort passiert ist, nicht der 1. FC Union ist. Wir werden noch besser in die eigene Szene kommunizieren müssen“, sagte Zingler.

Das gilt insbesondere für die Aufarbeitung der Vorfälle von Stockholm. „Alles, was wir an eigenem Material haben, werden wir auswerten. Ich werde aber nicht zulassen, dass sämtliche Ultras in Pauschalhaftung genommen werden“, so Zingler. Auch deshalb will Union weiter einen Gegenpart einnehmen zu all denen, die dem Ruf nach stärkeren Sicherheitsmaßnahmen im Stadion folgen.