Interview

„Sportler sollen ihre Meinung sagen“

Der deutsche Chef de Mission, Michael Vesper, über Kritik an Russland und die Ziele für Sotschi

Michael Vesper, 61, ist seit der Gründung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) 2006 dessen Generaldirektor. Nach 2008 und 2010 wird er bei den Winterspielen in Sotschi (7. bis 23. Februar) zum dritten Mal Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft sein. Morgenpost-Redakteur Jens Hungermann sprach mit Vesper.

Berliner Morgenpost:

Im Vorfeld der Winterspiele gab und gibt es viel Kritik an Russland und an Staatspräsident Putin: Homosexuellen-feindliche Gesetzgebung, Korruption, Menschenrechte... Sie waren selbst Berufspolitiker, Herr Vesper. Freuen Sie sich, wenn deutsche Sportlerinnen und Sportler nun mit Blick auf Russland ihre Meinung äußern? Oder freuen Sie sich nur, wenn diese Meinung nicht unbequem ist?

Michael Vesper:

Ich freue mich erst mal darüber, dass es diese Diskussion gibt. Ohne die Spiele würde wohl kaum jemand über das „Propaganda-Gesetz“ in Russland sprechen. Wichtig ist, dass diese Diskussion kein Strohfeuer ist, sondern dass sie unabhängig von der Bühne, die für einige Wochen in Sotschi errichtet wird, weitergeht. Unsere Athleten sind mündige Staatsbürger. Wenn sie ihre Meinung äußern wollen, können und sollen sie das selbstverständlich tun.

Also, ermuntern Sie Sportler, ihre Meinung kundzutun – oder sollten die das lieber den Sportfunktionären überlassen?

Ich informiere unsere Sportler über die Problematik. Ich bin aber nicht der Patriarch, der vorgibt, ob und wie sie sich zu äußern haben. Das entscheiden sie selbst, das sind erwachsene Menschen. Vergessen wird in dieser Debatte leider oft: Für die Sportler ist Sotschi der Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere, sie wollen dort ihre beste Leistung abrufen. Dass sie sich darauf konzentrieren, finde ich legitim. Ich werde keinem unserer Sportler das Gefühl vermitteln, dass, wer sich nicht zu politischen Fragen äußern möchte, etwas Falsches tut.

Wären solche Probleme wie jetzt aus der Welt geschafft, würden die Olympischen Spiele nur noch in wirklich lupenreine Demokratien vergeben?

Gegenfrage: Wer beurteilt, was wirklich lupenreine demokratische Staaten sind?

Vermutlich würden die Spiele jedenfalls schneller nach Deutschland vergeben.

(lacht) Die letzten beiden Spiele in London und Vancouver entsprechen ja wohl dieser Anforderung. Aber gehen Sie mal davon aus: Würden die Spiele demnächst wieder in die USA vergeben, würde leidenschaftlich über Guantanamo diskutiert. Wo immer Olympische Spiele stattfinden, wird vor Ort eine Bühne errichtet, die die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit ausleuchten. Das führt dazu, dass über Missstände weltweit diskutiert wird, die sonst eher nicht auf den ersten Seiten der Zeitungen stehen.

Die Zielstellung der deutschen Mannschaft ist 2014 wieder sehr ambitioniert. Der Zielkorridor wird mit 27 bis 42 Medaillen angegeben, Sie sprachen zuletzt von 30 Medaillen als Wunsch. Ist Ihnen nicht bange, dass die Ziele verfehlt werden?

Unsere Athletinnen und Athleten sind heiß auf die Spiele. Ich bin zuversichtlich, dass wir zumindest unser Ziel erreichen, unsere Bilanz aus Vancouver 2010 zu verbessern – also 30 Medaillen plus zumindest eine zu gewinnen.

Die sogenannten Zielvereinbarungen mit den Sportfachverbänden müssen seit Kurzem öffentlich gemacht werden. Ist es unangenehm, öffentlich an Medaillenzielen gemessen zu werden?

Nein, überhaupt nicht. Es ist das Recht der Öffentlichkeit und auch deren Pflicht, nachzufragen, ob und wie die Ziele erreicht werden. Ich möchte betonen: Der DOSB gibt den Verbänden keine Ziele vor, sondern wir haben uns gemeinsam darauf verständigt, was an Medaillen erreicht werden kann.

Wozu sollen deutsche Sportler Medaillen gewinnen? Worin besteht der „Return of Investment“? Wir reden hier ja von 130 Millionen Euro Spitzensportförderung jährlich.

Ich will jetzt nicht bloß mit dem Stichwort der „nationalen Repräsentation“ antworten. Aber Umfragen belegen, dass die Menschen sich freuen, wenn deutsche Athleten erfolgreich sind. Diese Erfolge heben die Stimmung in der Gesellschaft. Und im Sport wird das Streben nach Leistung anerkannt wie in wenigen anderen Bereichen. Der Sport produziert Vorbilder und Idole. Letztlich führt ein erfolgreicher Spitzensport dazu, dass mehr Menschen, vor allem Kinder, mehr Sport treiben. Das trägt zur Wertebildung, Werteerziehung bei, zu Gesundheitsförderung, Integration, Inklusion. Das alles funktioniert nirgendwo sonst so gut wie im Sport. Und Erfolg im Sport schafft ein Klima, in dem die Menschen Sport treiben.

Ist das empirisch belegt?

Eine Umfrage der Sporthilfe hat ergeben, dass zwei Drittel der Deutschen stolz sind, wenn deutsche Sportler Medaillen gewinnen. 23 Prozent gaben an, Erfolge deutscher Athleten animierten sie, selbst mehr Sport zu treiben.

Bei Winterspielen sorgen solche Sportarten für Goldmedaillen, die nur ein paar Hundert Menschen in Deutschland ernsthaft betreiben – siehe Bob oder Rodeln. Wollen Sie ernsthaft von einer Auswirkung auf den Breiten- und Freizeitsport ausgehen?

Wir differenzieren nicht zwischen populären und weniger populären Sportarten. Wir sind in Deutschland ja, was die Sportarten angeht, traditionell breit aufgestellt. In Vancouver 2010 hat Deutschland in zehn von 15 Sportarten Medaillen gewonnen, in 13 von 15 Finalplatzierungen erreicht. Wir sollten uns nicht auf wenige, medaillenträchtige Sportarten spezialisieren. Wir müssen unsere Stärken stärken und zugleich neue Chancen in neuen Wettbewerbe suchen.

Was bedeutet das konkret?

Wir haben uns nach Vancouver stark den „neuen“ Sportarten gewidmet im Ski- und im Snowboard-Verband. Das sind Disziplinen, die junge Leute ansprechen. Ich bin zuversichtlich, dass wir hier erste olympische Erfolge in Sotschi erleben werden. Bei den Winterspielen ist ja bereits passiert, was im Sommer diskutiert wird – nämlich das Sportartenprogramm attraktiver zu gestalten. In Sotschi etwa gibt es zwölf neue Wettbewerbe.