Bundesliga

„Die Lage ist dramatisch“

Der HSV steckt mitten im Abstiegskampf. Lasogga droht das Duell mit Hertha zu verpassen

Die Ratlosigkeit hatte nach 90 desolaten Minuten so ziemlich jeden im Hamburger Lager erreicht. Bert van Marwijk wirkte völlig verzweifelt. Oliver Kreuzer ging vor Ärger fast in die Luft. Die hilflosen Führungskräfte konnten sich den erneuten Offenbarungseid der überforderten HSV-Profis nicht erklären.

Viel Zeit für eine Trendwende bleibt in Hamburg nicht: 41 Gegentore, sechs Niederlagen in neun Heimspielen und zu allem Überfluss hat sich mit Hertha-Leihgabe Pierre-Michel Lasogga der wichtigste Stürmer mit einem Muskelfaserriss im Oberschenkel wochenlang verletzt. Die Situation beim Hamburger SV scheint nahezu ausweglos.

„Die Lage ist dramatisch“, gestand Hakan Calhanoglu, der vor dem bitteren 0:3 (0:1) gegen den FC Schalke 04 in der Hansestadt auf großen Plakaten noch mit dem Slogan: „Trikot an, Angst aus“ posiert hatte. Doch wie gelähmt in den Zweikämpfen wirkte die Elf im Fußball-Kältekeller Volkspark. Ein Rezept gegen die Harmlosigkeit hat der Niederländer van Marwijk ebenso wenig wie Vorgänger Thorsten Fink. Nun sind es auf Platz 16 nur noch zwei Punkte zum Abstiegsrang. „Wenn wir so weiterspielen, steigen wir ab“, warnte Kapitän Rafael van der Vaart nach dem Auslaufen am Montag mit drastischen Worten.

„Man kann zeigen, dass man kämpfen kann. Mit Rücksichtslosigkeit und Aggressivität“, schimpfte van Marwijk, dessen Bilanz mit drei Siegen, drei Unentschieden und sechs Niederlagen dürftig ist. Seine Jungs würden gefoult und seien nicht mal böse auf die Gegenspieler, wunderte sich der angefressene Coach. Sportchef Oliver Kreuzer verbarg seine Enttäuschung nicht: „Der Huntelaar (Klaas-Jan Huntelaar schoss das 0:1 für Schalke; Anm. der Redaktion) hat einen Meter vor sich Heiko Westermann und hinter sich Jonathan Tah, und trotzdem kommt der zum Kopfball. Da hätte ich doch meine Schwiegermutter umgebracht, um das Tor zu verhindern. Aber wir haben diese Sorglosigkeit. Uns fehlt die Kompromisslosigkeit, das Gegentor zu vermeiden.“

Das Problem: Seit Monaten fordert die Führung immer dasselbe vom Spielerpersonal – einzig, es verändert sich nichts. „Zweite Liga, Hamburg ist dabei“, skandierten die rund 5000 mitgereisten Schalker nach Schlusspfiff. Ihnen war warm geworden bei minus neun Grad. Das Comeback von Huntelaar, der mit seinem Tor nach fast einem halben Jahr Verletzungspause auch dem ehemaligen Bondscoach eins auswischen wollte, war einfach zu schön. Ob er sich revanchieren wollte, weil van Marwijk bei der EM 2012 Robin van Persie den Vorzug vor ihm gegeben hatte? „Ja, klar waren da Gefühle dabei“, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln.

Und nach dem technisch anspruchsvollen Treffer von Artjoms Rudnevs bei seinem Einstand für Hannover 96 in Wolfsburg fragen sich nun auch viele Hamburger, wie van Marwijk angesichts der HSV-Sturmmisere den Letten vor wenigen Wochen ziehen lassen konnte. Ohne den am Kreuzband operierten Maximilian Beister und Neun-Tore-Mann Lasogga, bei dem am Montag ein Faserriss im hinteren linken Oberschenkel festgestellt wurde, sieht es für die HSV-Offensive düster aus. Lasogga, der im August vergangenen Jahres von Hertha bis Saisonende ohne Kaufoption ausgeliehen wurde, droht nun, das Duell gegen die Berliner in elf Tagen zu verpassen.

Die verärgerten HSV-Anhänger verließen die Arena am Sonntag nach einer Stunde fluchtartig. Will der Traditionsklub nicht den letzten Rest Loyalität verspielen, muss er am Sonnabend in Hoffenheim ein anderes Gesicht zeigen. Mit dem gleichen Personal, denn auf dem Transfermarkt kann wegen der leeren Kassen nicht mehr nachgelegt werden. „Ich glaube, nein“, sagte Kreuzer auf die Frage nach möglichen Transfers.

„Auch Hoffenheim hat große Probleme. Nun treffen die beiden großen Verlierer des Spieltags aufeinander. Vielleicht tut es uns gut, auswärts zu spielen“, sagte Kreuzer. Die Personalsorgen werden für van Marwijk nicht kleiner, zumal Abwehrtalent Zhi-Gin Lam mit einer Sprunggelenksverletzung auch mehrere Wochen fehlen wird.