Verweigerung

Ebert ruiniert seinen Ruf

Ex-Herthaner verweigert Einsatz für seinem Klub in Spanien, um einen Wechsel zu provozieren

Zu nächtlicher Stunde gab es am Wochenende im spanischen Radio noch ein bisschen Mentalitätskunde. Es ging um Patrick Ebert, seinen erstaunlichen Boykott eines Spiels der eigenen Mannschaft und die lakonische Bemerkung eines Korrespondenten: „Wir wissen ja, wie die Deutschen sind.“ Woraufhin erboste Anrufe von in Spanien lebenden Deutschen bei der Redaktion eingingen: Nein, so seien die Deutschen nicht. Was wiederum ziemlich deutsch war.

So oder so, zweifelsohne hat der Mittelfeldspieler von Real Valladolid einen veritablen Bock geschossen: Wenige Stunden vor dem wichtigen Heimspiel des Abstiegskandidaten gegen Villarreal strich sich der ehemalige Profi von Hertha BSC quasi selbst aus dem Kader. Er fühle sich mental nicht bereit für einen Einsatz. Offenkundige Ursache der plötzlichen Blockade: Ebert möchte noch in der Winterpause wechseln. Anscheinend liegt ihm ein passendes Angebot aus der Bundesliga vor. In Spanien werden Freiburg, Hannover und Mainz 05 genannt. Der Mainzer Manager Christian Heidel aber dementierte am Montag bereits ein Interesse an Ebert.

Interesse aus der Bundesliga

Mit seiner Aktion hat es der 26-Jährige, der 14 Jahre lang in Berlin spielte, an einem einzigen Tag geschafft, seinen guten Ruf zu ruinieren. Nach seinem Abschied aus Berlin, wo der ehemalige U21-Europameister von 2009 für sein Talent ebenso bekannt war wie für sein Rabaukentum, etablierte sich Ebert in Spanien als Klassespieler. Er verhalf Valladolid zum ungefährdeten Klassenerhalt, wurde von den Fans sogar zum Spieler der Saison gewählt und stand im Sommer kurz vor einem Transfer zum Spitzenklub Atlético Madrid. In dieser Spielzeit lief es jedoch nicht mehr ganz so gut, zuletzt häuften sich Geschichten über Wehwehchen, Eskapaden außerhalb des Platzes und Reisen nach Deutschland. „Das ist nicht die erste Situation, es gab schon mehrere Disziplinlosigkeiten“, verriet Mitspieler Jesús Rueda.

Jetzt kann Ebert nur noch hoffen, dass ihn bis zum Ende der Wintertransferperiode am 31. Januar tatsächlich jemand kauft. Ansonsten wird er wohl keinen Fußball spielen, bis im Sommer sein Vertrag in der kastilischen Provinzmetropole ausläuft. Valladolids Präsident Carlos Suárez kündigte eine „bestialische Strafe“ an und erklärte: „Ich lasse mich nicht erpressen“. Dass ihm für Ebert ein konkretes Angebot eines anderen Klubs vorliegt, bestätigte Suárez. Vorerst ist Ebert suspendiert und muss allein trainieren, bei den Teamkollegen braucht er sich offenbar nicht mehr blicken lassen. „In der Kabine waren wir genervt“, berichtete Rueda, späterer Torschütze zu Reals 1:0-Sieg, über die Reaktionen auf Eberts spontane Arbeitsverweigerung. „So einen Mangel an Kameradschaft habe ich noch nie erlebt.“

Egozentrik gilt in Spanien als nicht untypisch für deutsche Fußballer. Jeder Fan kennt die Episode vom Europapokalfinale 1986 zwischen dem FC Barcelona und Steaua Bukarest, als ein ausgewechselter Bernd Schuster das Stadion im Taxi verließ, ehe das Spiel überhaupt zu Ende war. In Deutschland kommt so etwas schon mal vor – Jens Lehmann nahm aus ähnlichem Frust die S-Bahn –, den Spaniern erscheint es vollkommen exotisch. In die Verwunderung über Schusters Selbstbezug und Dickköpfigkeit mischt sich bei dieser Anekdote jedenfalls oft auch eine gewisse Bewunderung für seinen Freigeist.

Verehrt als Fußballer, unverstanden als Mensch: Schuster gilt in Spanien bis heute als archetypischer Deutscher. Das ist insofern kurios, als er in Deutschland ja gerade nicht als sehr deutsch gilt, weil es zum Beispiel mit der Nationalelf immer Probleme gab, und er seit über drei Jahrzehnten vornehmlich in Spanien lebt. Wo er derzeit den FC Málaga trainiert, mit dem er am Sonntag in Barcelonas Camp Nou gastierte.

Nach dem 0:3 seiner Elf gab es auf der Pressekonferenz einen Vintage-Auftritt von „Don Bernardo“ zu bestaunen. Sarkastisch, entwaffnend ehrlich, aber auch unfassbar negativ und zum Schluss noch reichlich rätselhaft. „Dieses Spiel hat keine sonderliche Geschichte, es gibt da nichts zu besprechen“, sagte er. Angesprochen auf die prekärer gewordene Tabellenlage zwei Punkte vor der Abstiegszone wiederholte Schuster: „Nicht mein Problem, wir kennen unsere Situation.“ Warum er dennoch so verärgert wirke, wurde er am Ende gefragt, und Schuster sagte: „Ich verstehe nicht, warum ich mich ärgere. Das ist sehr seltsam. Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“ Weder deutsch noch spanisch – Planet Schuster. Dass auch er neben Patrick Ebert am vergangenen Wochenende also einen ziemlich diskutablen Auftritt hinlegte, passt ins Bild: Denn Ebert soll auch ein Angebot von Schusters Klub FC Málaga vorliegen haben.

Schwerer Stand für Deutsche

Die Deutschen haben ohnehin gerade nicht so ein gutes Standing in der Primera Division. Am Wochenende stand kein einziger von Beginn an auf dem Platz. Mesut Özil ist weg, Sami Khedira hat einen Kreuzbandriss, in Sevilla saßen Marko Marin (70 Minuten) und Piotr Trochowski (90) beim 2:3 gegen Levante auf der Bank. Trochowski war lange am Knie verletzt. Marin aber, ausgeliehen von Chelsea, musste zuletzt herbe Kritiken einstellen: Er sei zu ballverliebt. Von „Narzissmus“ schrieb die Presse.

Bliebe noch Christian Lell, der sich bei UD Levante schon vor ein paar Wochen aus dem Kader geschossen. Wehwehchen, immer Eskapaden außerhalb des Platzes und Reisen nach Deutschland – das Muster gleicht dem von seinem ehemaligen Mitspieler bei Hertha Ebert in auffälligem Maße. Lell inszeniert seine Lustlosigkeit bereits seit Monaten und wurde daher schon vor der jüngsten Auseinandersetzung mit seiner Frau samt anschließend zurückgezogener Anzeige für verzichtbar erklärt. Inzwischen geht er Levante so auf die Nerven, dass man ihm den bis Saisonende laufenden Vertrag abzukaufen bereit ist. Nur, um ihn endlich los zu werden.