Radsport

Vom Aufstieg eines Fahrradkuriers

US-Fahrer Kovalcik genießt sein wildes Leben beim Berliner Sechstagerennen

Wo ist der verdammte 15er Maulschlüssel? Der Typ mit dem Oberlippenpiercing, den auf einer Seite langen, auf der anderen raspelkurzen blonden Haaren versenkt seine mit ein paar Tattoos versehenden Arme in einer riesigen Materialtasche. Er muss seinen „Schatz“ fertig montieren – will sagen: er mus sein Rennrad für den anstehenden Steherwettbewerb beim Berliner Sechstagerennen zusammensetzen.

Zachary Kovalcik lebt seinen Traum. Um das zu erklären, unterbricht der 29-jährige Amerikaner die Werkzeugsuche. „Ich habe mit 19 in Pittsburgh als Fahrradkurier mein Geld verdient. Alle Jungs hatten Fixed Gears (Räder ohne Gangschaltung und ohne Bremsen, d. R.) und jedes Jahr gab es Wettbewerbe, wer der schnellste Fahrer ist“, sagt Kovalcik, der zweimal US-amerikanischer „Track King“ wurde. „Ich war total begeistert von dem Sport und wollte mehr. Ich dachte, ich sei ein richtig Guter.“

Schon immer mit einem Schuss Individualität im Blut, risikofreudig und auf Abenteuer aus, schloss er sich nach einem Umzug aus der Stahlarbeiterstadt an der Ostküste nach Portland (Bundesstaat Oregon) einem Radsportklub an. „Die hatte eine richtige Bahn, ich konnte mit meinem Rad dort fahren. Und ich habe auf der Bahn von den wirklich guten Fahrern Dresche gekriegt, ohne Gnade. Das war richtiger Rennsport“, kommt Kovalcik schnell auf den Punkt. Statt zu resignieren holte er sich bis zum Jahr 2012 zwei US-Meistertitel. Selbst Olympia in London rückte in den Bereich der Möglichkeiten. „Nicht mein Ding, alles zu geregelt, kein buntes Leben in Hallen oder vor viel Publikum. Ich brauche nicht viel, aber Action“, lacht der mit Abstand auffälligste Fahrer in Berlin.

Den Sprung nach Europa machte Rainer Podlesch möglich. Selbst Weltmeister, sogar Disziplin-Bundestrainer und Vater vom mehrmaligen Champion Carsten Podlesch, verpflichtete Kovalcik für ein Rennen in Forst. „Ich wohnte bei ihm in Berlin. das war der Hammer. Ich raste tagelang durch die Straßen. Ich fand sogar Restaurants für Veganer“, schwärmt Kovalcik, dessen Leistung auf der Brandenburger Bahn Rainer Podlesch überzeugte. 2013 feierte Kovalcik sein Premiere beim Sechstagerennen in Berlin. Er wurde Letzter im Steher-Weltpokal, der seit einigen Jahren im Velodrom ausgetragen wird. „Es war die tollste Woche meines Sportlerlebens. Ich bekam noch einen Job in Kopenhagen und hatte am Ende 500 Dollar mehr in der Tasche. Ich liebe Berlin“, lacht der Lebenskünstler. Beim Erzählen hat er den Maulschlüssel gefunden, sein Rad ist fertig. „Drück mir die Daumen“, grinst er unter seinem Helm. Und – zwanzig Minuten später – strahlt Zachery über das ganze Gesicht. Vorletzter im Feld der sieben Finalisten, in der gleichen Runde mit dem Sieger. Dresche sieht anders aus. Zur Erinnerung fotografiert sich „Zach“ selbst mit seinem Handy. Natürlich ohne Helm und die prallvolle Halle im Hintergrund. „Wenn ich darf, komme ich 2015 wieder.“