Verletzt

Meister der Schmerzen

Mit einer offenen Hand fordert Nadal im Halbfinale der Australian Open Federer heraus

Gibt es jemanden, der mit einer Hand wie dieser Leistungssport treiben kann? Extrem-Tennis bei einem Grand-Slam-Turnier, über drei, vier Stunden gegen die Besten der Welt, auch gegen einen wie Roger Federer? Natürlich, sagt Federer, „wenn es einen gibt, dann ist es Rafael Nadal.“ Jener Matador und Schmerz-Weltmeister also, der an diesem Freitag im Halbfinale der Australian Open anzutreten hat gegen Federer (9.30 Uhr, Eurosport). Der Sieger trifft am Sonntag im Endspiel auf den Schweizer Stanislas Wawrinka, der den Tschechen Tomas Berdych mit 6:3, 6:7, 7:6, 7:6 besiegte. Es könnte also erstmals in Melbourne zu einem rein schweizerischen Finale kommen.

Davor steht freilich die Hürde Rafael Nadal. Es ist schon schlimm genug, sich seine linke Hand nur anzuschauen, eine Schlaghand, die von Schwielen übersät ist, eine Hand, deren Finger mit Bandagen umwickelt sind, eine Hand, deren Innenfläche eine blutige, abgescheuerte Wunde ziert. Gut einen Zentimeter groß – und das peinvolle Resultat einer Blase, die immer wieder aufplatzt. Es kann wirklich nur Nadal sein, dieser Beherrscher und Verdränger der Qualen, der nicht aufgibt mit einer Hand wie dieser, einer Hand, die in spanischen Boulevardblättern schon als „Hand des Märtyrers“ beschrieben wird. Nadal: „Ich habe bei jedem Aufschlag das Gefühl, als fliege mir der Schläger aus der Hand.“

Doch weitermachen will er trotzdem. Am liebsten bis zum zweiten Sieg in Melbourne. Auch, weil er die Schmerzen und das Schinden kennt wie kein zweiter. „Ich behaupte, dass es keinen anderen Spieler gibt, der solche Schmerzen wegstecken kann wie Rafa“, sagt sein Onkel und Trainer Toni Nadal, „er spielt seit frühester Jugend immer wieder mit Schmerzen.“ Schmerzen hatte Nadal in den vergangenen Jahren meist im linken Knie, so sehr, dass er auch Zwangspausen einlegen musste. Aber alle, die ihn wegen seiner körperlichen Gebrechen wieder und wieder abschrieben, hat der Kämpfer genau so hartnäckig widerlegt.

Vor einem Jahr war das nicht anders. Als Nadal nach seiner siebenmonatigen Auszeit in den Tourbetrieb zurückkehrte, war auch die Skepsis bei ihm durchaus groß. Aber längst nicht so groß wie bei vielen Experten und Ex-Stars. Nadal, so hieß es, könne froh sein, wenn er sich in den Top fünf hielte, wenn er noch einmal in Reichweite eines Grand-Slam-Titels geriete. Was passierte, war dies: Nadal stürmte von Sieg zu Sieg, er gewann die French Open zum achten Mal, was noch keinem anderen Spieler bei keinem anderen Grand Slam überhaupt gelang. Er triumphierte auch bei den US Open, auf einem Hartplatz, der seinem lädierten Knie nicht gerade gut tut. Und er wurde die Nummer eins der Welt, der Meister aller Klassen sozusagen. Das alles ging nicht schmerzfrei ab, aber Nadal kann leiden für den Sieg. So sehr, dass es manchmal weh tut beim Blick auf ihn.

Boris Becker, der ins Tennisgeschäft zurückgekehrte Chefanweiser von Novak Djokovic, kennt selbst Schmerzen zur Genüge. Dazu muss man ihn nur einmal beim Gehen beobachten, den dreimaligen Wimbledon-Champion, beim Gehen, das eher an ein Humpeln erinnert dank malader Hüften und Sprunggelenke. „Was Nadal da erträgt, ist auch für mich kaum vorstellbar“, sagt Becker, „mit einer Hand wie dieser hätte ich nicht mehr spielen können.“ Ob dieser Nadal mit dieser Hand Federer stoppen könne? Becker sagt: „Ich glaube es nicht, ich tippe auf Federer. Aber bei Nadal weiß man nie.“