1. FC Union

„Wir sind bereit für den Aufstieg“

Union-Trainer Uwe Neuhaus über den Reiz, in der Bundesliga zu spielen, höhere Gehälter in der Eliteklasse und die Sehnsucht nach Ruhe

Nie klopfte der 1. FC Union fester an die Tür zur ersten Liga als in dieser Saison. Für Uwe Neuhaus, 54, ist es zudem die große Chance, endlich als Trainer in die deutsche Eliteliga aufzusteigen. Morgenpost-Redakteur Michael Färber sprach mit dem Coach des Fußball-Zweitligisten über den Mythos Bundesliga und Unions Chancen, dort einen Platz zu ergattern.

Berliner Morgenpost:

Was machen Sie am 11. Mai, Herr Neuhaus?

Uwe Neuhaus:

Wir können um 0 Uhr anfangen, da schlafe ich noch. Dann stehe ich hoffentlich wohl ausgeruht auf, werde frühstücken...

...und am Nachmittag den Aufstieg in die Bundesliga feiern?

Wenn es so kommt, dann wären wir alle überglücklich, keine Frage. Vielleicht feiern wir ja aber auch schon zwei Wochen früher (lacht).

Das klingt forsch, wo doch bei Union der Begriff Bundesliga gern vermieden wird...

Das stimmt so nicht. Was wir vermeiden, ist zu sagen: Wir wollen jetzt aufsteigen. Wir haben ja auch kein Saisonziel ausgegeben. Aber nicht nur ich, sondern auch viele Spieler sagen seit Längerem, dass wir grundsätzlich aufsteigen wollen. Wer die Chance hat, in die Bundesliga zu kommen, der will sie auch wahrnehmen.

Bei jedem, den man auf die erste Liga anspricht, fangen die Augen an zu leuchten. Können Sie uns erklären, was an der Bundesliga so besonders ist, außer dass man eine Klasse höher spielt und der Gegner Bayern statt Bielefeld heißt?

Das ist genau das, was ich damit verbinde. Ich habe es als Spieler erlebt, zu einem Zeitpunkt, da kaum jemand damit gerechnet hat. Ich hatte meine Karriere ja eigentlich schon ein bisschen in die zweite Reihe geschoben. Ich war bereits halbtags arbeiten (der gelernte Elektriker hatte bei der Bundeswehr vier Jahre lang Hubschrauber repariert, d. Red.) und wollte nebenbei noch ein wenig Fußball spielen, als Wattenscheid 09 überraschend angerufen hat. Ich habe mit 29 meinen ersten Profivertrag unterschrieben. Aber wenn man es einmal erlebt hat – ich denke da sofort an Bayern München. Wir haben dort 2:7 verloren. Aber wir haben auch mal ein 3:3 geschafft, und hinterher ging es aufs Oktoberfest, und wir haben eine Riesenparty gemacht.

Aber die Bundesliga ist ja nicht nur Bayern München.

Sich mit den Allerbesten zu messen, darum geht es doch. Und für mich ist die Bundesliga die beste Liga der Welt, wenn man durchgängig die Qualität nimmt. Da kommt keine andere Liga hinterher. Das ist schon erstrebenswert. Da weiß man dann auch, wo man steht. Es wird zwar mehr Niederlagen als in der Zweiten Liga geben, aber trotzdem will man da hin.

Und sie durften als einziger Unioner schon die Meisterschale in den Händen halten, 2002 als Co-Trainer von Borussia Dortmund...

Das war ein schöner Moment, die Krönung eines ganzen Jahres, etwas ganz Besonderes. Das letzte Spiel habe ich noch richtig vor Augen: Wir mussten gegen Werder Bremen unbedingt gewinnen und lagen schnell zurück. Trotzdem hatten wir auf der Bank das Gefühl, dass wir es schaffen. Es ist unglaublich, wie fokussiert Spieler sind, wenn es um so große Ziele geht. Es war lehrreich, das mal mitgemacht zu haben. Dann mit dem Wagen durch die Stadt, 250.000 Menschen, die uns begleitet haben, meinen damals 13-jährigen Sohn mit der Schale in der Hand, dessen Augen mehr leuchteten als die Schale selbst – das ist etwas Tolles.

Wie man Aufstiege feiert, wissen Sie aber auch, nicht wahr? Was war da los 1990?

(lacht) Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Ihr damaliger Mitspieler Jörg Bach ließ unlängst wissen, dass er mit Ihnen drei Tage und drei Nächte durchgefeiert hat.

Da sind Dinge passiert, die wären heute undenkbar. Jeder hat heutzutage ein Handy und würde sofort irgendwelche Bilder veröffentlichen. Wie viele Spieler gab es denn damals, die geraucht und gesoffen haben? Und auch Journalisten haben die Klappe gehalten. Das wäre heute gar nicht mehr möglich.

Wären Sie heute noch gern Spieler in der Bundesliga?

Natürlich, es gibt doch nichts Schöneres. Spielefrau vielleicht (lacht). Im Ernst, es ist mit nichts zu vergleichen. Und ich rate jedem jeden Tag – nicht jedes Jahr oder jede Woche – jeden Tag, an dem du spielen kannst, zu nutzen.

Klingt so, als hätten Sie die Zeit als Spieler mehr genossen als die Zeit als Trainer.

Das kann man nicht vergleichen. Als Trainer ist man mit anderen Dingen beschäftigt. Man muss immer das große Ganze im Auge haben. Trainingslager zum Beispiel sind schon anstrengend, wenn man in leitender Funktion steht. Die Spieler liegen nach dem Mittagessen im Bett und brauchen sich keine Gedanken zu machen, was in der Nachmittagseinheit passiert. Im Grunde habe ich den ganzen Tag Dauerbeschallung, ob es nun ein Spieler, der Physiotherapeut oder der Torwarttrainer ist. Wenn man da zwischendurch eine Stunde Ruhe hat, die tut schon gut. Diese Ruhe, um Kraft zu tanken, habe ich als Spieler schon gebraucht. Ich brauche das vielleicht auch mehr als andere.

Trotzdem scheint Ihre Lust auf die Bundesliga so groß wie nie zu sein, seit Sie bei Union sind.

Jetzt kann man sagen, wenn man aus der Regionalliga Nord kommt und sofort an die Bundesliga mit einer Intensität denkt, die nichts anderes zulässt, dann ist man entweder ein Spinner oder – im positiven Sinne – ein besessener Arbeiter. Ich liege irgendwo dazwischen. Ich weiß, dass es schwer ist, als Trainer in die Bundesliga zu kommen, aber auch, dass es schwer ist, in der Zweiten Liga Fuß zu fassen. Insgesamt sind das nur 36 Stellen. In diesem Kreis dazuzugehören, betrachte ich schon als Ehre. Man muss eine gewisse Beharrlichkeit haben, um dieses Ziel zu verfolgen.

Ist ein Verein wie Union überhaupt bereit für die Bundesliga?

Ein Aufstieg kommt nie zu früh. Wenn man sich sportlich qualifiziert hat, hat man es verdient. Dann muss man schauen, ob man die Aufgabe bewältigen kann. Da sind sicherlich auch strukturelle Dinge, die sich verändern müssen. Die Bundesliga ist schon noch mal ein richtiger Schritt. Das wird eine enorme Herausforderung für den gesamten Verein. Aber sportlich haben wir eine gute Voraussetzung mit dem fertigen Stadion. Finanziell kommt durch die Fernsehgelder ein weiterer Sprung auf uns zu. Was für die Spieler, deren Verträge für die Bundesliga gelten, natürlich auch ein deutlich höheres Gehalt bedeutet. Es wäre ein schönes Abenteuer, aber ich sehe den Verein gut aufgestellt.

Also wird es mehr als nur ein Urlaub, wie Union-Präsident Dirk Zingler immer betont?

Das entscheidet nachher der Sport. Aber jeder von uns macht gerne auch mal ein bisschen länger Urlaub. Mit Wattenscheid haben wir damals vier Jahre geschafft. Vielleicht ist die Situation sogar vergleichbar. Damals Wattenscheid und der VfL Bochum, heute Union und Hertha BSC. Im ersten Jahr hatten wir es mit Wattenscheid sogar geschafft, vor Bochum zu stehen, die fast abgestiegen wären. Das sind Momente, die man auch für sich nutzen kann. Dass Hertha Jahrzehnte voraus ist, weiß jeder. An ihnen vorbeizurutschen, wird schwer, ist aber auch nicht unmöglich.

Ist denn die Bundesliga bereit für Union mit seiner Andersartigkeit?

Gerade die Andersartigkeit ist ja interessant. Wenn wir uns im Rahmen des Bundes deutscher Fußballlehrer treffen, ist Union immer ein Thema. Das zeigt, dass viele Leute Interesse an unserem Verein haben. Und in der Bundesliga wird dieses Interesse natürlich noch größer.