Joachim Deckarm

Vom zweiten Leben eines Unbesiegbaren

Joachim Deckarm lag nach einem schrecklichen Unfall 131 Tage im Koma. Dann kämpfte er sich zurück ins Leben. Am Sonntag feiert der einst weltbeste Handballspieler den 60. Geburtstag

Auf unsicheren Beinen und mit kleinen, behutsamen Schritten nähert sich der behinderte Schwimmer dem Startblock zu Bahn eins. Er gibt sich Mühe, das Gleichgewicht zu halten und nicht zu stolpern. Dann steigt er langsam hoch, bringt sorgfältig die Füße in Stellung, geht sachte in die Knie und wartet auf das Kommando des Betreuers. „3...2...1 – Sprung!“ Der Behinderte streckt die Arme aus, stößt sich ab und hechtet ins Wasser.

Als er wieder aus dem Becken steigt, sagen wir ihm, wie wir ihn bewundern für das grandiose Beispiel, das er vielen Menschen gibt, die in ihrer Hoffnungslosigkeit kurz davor sind zu kapitulieren – und dass das überhaupt ein ganz großartiger Kopfsprung war. „Üben, üben, üben“, sagt „Jo“ Deckarm und lacht. Ist das, fragen wir ihn, „der ungebrochene Ehrgeiz des alten Wettkämpfers, der Sie da immer noch antreibt“? Er nickt. Sucht nach den richtigen Worten und antwortet mit seiner tiefen Stimme: „Ja. Nur das Ziel ist jetzt anders. Früher wollte ich Weltmeister werden. Heute will ich gesund werden.“

Mitgefühl für Michael Schumacher

Ganz ähnlich wie an jenem Tag in Saarbrücken, als wir ihm beim Reha-Training zuschauen durften, hat es Deckarm neulich wieder gesagt. Nur ist es diesmal nicht um ihn gegangen, sondern um Michael Schumacher. Als Deckarm mitbekam, dass der Formel-1-Rekordweltmeister nach seinem Skiunfall im Koma liegt, sagte er zu Freunden spontan: „Früher hat er um Punkte gekämpft. Jetzt muss er um sein Leben kämpfen.“ Schumachers Zustand sei unverändert stabil, sagte am Freitag dessen Managerin Sabine Kehm im ersten öffentlichen Statement seit dem 6. Januar. „Der schafft das!“, betonte Joachim „Jo“ Deckarm.

Er ist da Experte. Wer, wenn nicht er. Er weiß, wovon er redet, und es sind immer zwei Anlässe, an denen er gefragt wird zum Behauptungswillen und Kampfesmut des Spitzensportlers: Entweder ist wieder etwas Furchtbares passiert – oder er hat einen runden Geburtstag. Wie am Sonntag. 60 wird er, in seiner Heimatstadt Saarbrücken wird gefeiert. Die „Hall of Fame“, die Heldenhalle des deutschen Sports, widmet ihm eine Ausstellung. Viele werden kommen, um zu gratulieren und sich mit ihm freuen – denn dass eines fernen Tages noch mal so ein fröhliches Fest stattfinden würde, hätte kaum einer gedacht, als 1979 eine große Illustrierte mit der Geschichte „Das schreckliche Sterben des Handballers Jo Deckarm“ erschien. Es war nur die halbe Wahrheit. Inzwischen kennen wir die volle, und sie steht als Titel auf seiner Biografie: „Die zwei Leben des Joachim Deckarm.“

Das erste Leben endet mit der erschütternden Szene, die es noch verschwommen auf Videos gibt. Budapest, 30. März 1979. Der VfL Gummersbach spielt im Europacup der Landesmeister bei Banyasz Tatabanya, und der Star ist Weltmeister Deckarm. Er ist 25 Jahre alt und ein Idol seiner Zeit. „Goldarm“ nennen sie ihn. Bundestrainer Vlado Stenzel meint: „Er ist der beste Handballspieler der Welt.“ In der 23. Spielminute, es ist 17.15 Uhr, stürzt Deckarm – und knallt mit dem Kopf auf den Betonboden der alten Halle.

Doppelter Schädelbasisbruch, Hirnhautriss, Quetschungen, schweres Schädel-Hirn-Trauma. 131 Tage im Koma. Drei Jahre verbringt der Verunglückte in Reha-Zentren, er gilt als Pflegefall, die Ärzte und Neurologen resignieren. Ein zerstörtes Leben. Dieser früher fast unbesiegbare Modellathlet, 194 Zentimeter, 85 Kilogramm, sitzt im Rollstuhl. Der hochintelligente Mathematik-Student ist über Nacht geistig reduziert auf den Stand eines Kleinkindes.

Doch einer will es nicht wahrhaben: Werner Hürter, sein alter Jugendtrainer. Er kennt „Jo“, er kennt dessen Willen, seine innere Kraft, und er schreibt ihm ein Gedicht. Es ist holprig, aber es reimt sich und geht so: „Sollte dir mal was nicht gelingen, zeige keinen Verdruss, handle stets nach dem Grundsatz: Ich kann! Ich will! Ich muss!“ Schritt für Schritt geht er mit Deckarm den Weg in das zweite Leben. Bewegungstherapie. Muskelaufbau. Gedächtnisschulung. Sie sind Dauergäste im Traumatologischen Institut der Uniklinik in Freiburg, und dort staunt der Arzt Armin Klümper, wie Hürter seinen Schützling anfangs „wie einen Sack auf den Schultern in die Klinik schleift“.

Deckarm lernt das Leben noch einmal von vorn. Sprechen. Denken. Gehen. Essen. Schreiben. 13 Jahre arbeitet Hürter mit ihm. Als er stirbt, setzen dessen Freund Albert Hippchen, ein pensionierter Polizist, und Rainer Peters, ein Regierungsschulrat, den Hilfsplan fort. Deckarm macht Fortschritte. Sprache. Erinnerung. Konzentration. Rechnen. Er liest Zeitungen. Spielt Schach. Übt am Computer. Und notiert stolz: „Persönlicher Rekord im Gehen: 200 Meter ohne fremde Hilfe.“

Vier Stunden Sport jeden Tag

Vier Stunden Sport, jeden Tag. Gleichgewichtsübungen. Motorikschulung. Am Morgen um Neun ging es auf der Gymnastikmatte zur Sache. Dann kam das Schwimmen. „Joachim, wie viel ist zwölf plus fünf?“, fragte Betreuer Peters vom Beckenrand. „17“, rief Deckarm aus dem Wasser, kraulte weiter und bekam die nächste Rechenaufgabe. Bewegen und überlegen, Denksport für Körper und Kopf. Schritt für Schritt ging es zurück ins Leben, auf dem Ergometer trat er wieder mit 200 Watt in die Pedale, und an einem sonnigen Tag ließ sich Deckarm einen Fallschirm umschnallen. „Aufstecken“, sagte er, „ist nicht meine Art.“

Seit 2002 lebt Jo Deckarm in einem Heim für betreutes Wohnen. Sein Zustand erlaubt ihm ein kontrolliertes Leben, und diszipliniert trainiert er weiterhin seine 20 Stunden in der Woche, damit es so bleibt – wofür er sogar ausgezeichnet wurde mit einem Preis für „unbändigen Lebenswillen“. Den hat ihm auch Heiner Brand, sein alter WM-Kumpel, persönlich bescheinigt: „Es ist großartig, was Jo aus sich gemacht hat.“

Keiner würde sich deshalb wundern, wenn die WM-Helden von 1978 ihrem einstigen Scharfschützen am Sonntag ein Ständchen bringen. Sie laden ihn immer zu ihren Treffen ein, und bei einem Ausflug auf die Schwäbische Alb wurde er einmal gefragt, wie er sich unter den alten Kumpels denn so fühle. „Wie ein Weltmeister“, sagte Deckarm.

„Joachim hat manches vergessen“, hat sein Betreuer Peters an jenem Tag im Schwimmbad gesagt, „aber er weiß genau, wer er war.“ Der Beste.