Wintersport

Nah an der Perfektion

Maria Höfl-Riesch hat sich so hart vorbereitet wie nie. Die Weltcupführung ist der erste Lohn dafür

Jammern? I wo! Wie käme sie denn dazu? Läuft doch prima so weit. Wie wollte Maria Höfl-Riesch sich auch beschweren als Führende im Gesamtweltcup? Wer da oben steht, kann so viel ja nicht falsch gemacht haben. Andererseits: „Perfekt läuft es nicht – es könnte noch besser sein. Wenn alles perfekt gelaufen wäre, würde ich mit 300 oder 400 Punkten Vorsprung führen“, sagt die beste deutsche Skirennläuferin. „Ich bin bei zwei Slaloms ausgeschieden und habe einige Rennen ein bisschen vergeigt. Es könnte also noch besser sein.“

Perfektion. Dass Maria Höfl-Riesch in ihrer mittlerweile 15. Saison in der Tretmühle Skiweltcup noch immer nach ihr fahndet, sagt einiges über sie aus. Mit zwei Olympiasiegen, einem Triumph im Gesamtweltcup und inzwischen 26 Weltcupsiegen könnte sie es ja ruhiger angehen lassen. Nun müssen sich Ehrgeiz und ein gewisses Maß an Gelassenheit aber nicht ausschließen. Es scheint, als habe die 29-Jährige in diesem Olympiawinter den richtigen Mix aus beidem gefunden.

Obwohl mitunter mit durchaus wechselhaften Resultaten in den bisherigen Rennen des Winters, führt sie nach Platz drei hinter den Österreicherinnen Elisabeth Görgl und Anna Fenninger in der Abfahrt und erneut Platz drei in der Super-Kombination hinter der Kanadierin Marie Michele-Gagnon und Michaela Kirchgasser am vergangenen Wochenende in Altenmarkt-Zauchensee mit 731 Punkten vor Fenninger (709 Zähler) und der Liechtensteinerin Tina Weirather (673) die Gesamtwertung an. Der Gesamtweltcup ist für die Allrounderin aus Garmisch-Partenkirchen in Reichweite.

Natürlich wiegelt Höfl-Riesch ab, es ist ja erst Halbzeit in dieser Saison. Doch ist sie im Kreis der Anwärterinnen auf die große Glaskugel die Erfahrenste. Selbstbewusstsein hat ihr der Saisonverlauf allemal gegeben. Zumal sie weiß: Sie ist die Dinge richtig angegangen. „Ich habe im Sommer alles dafür getan“, sagte Höfl-Riesch, „habe hart trainiert, meine Kraftwerte verbessert und viel an meiner Grundlagenausdauer gearbeitet, um das Weltcupprogramm mit den Trainingseinheiten dazwischen gesund durchstehen zu können. Und natürlich habe ich gehofft, dass ich im Winter die Früchte der ganzen Arbeit ernten kann.“

Vonns Fehlen erhöht die Chancen

Alles deutet derzeit darauf hin vor ihrem ersten von fünf möglichen Rennen bei den Olympischen Spielen (7. bis 23 Februar) in Sotschi, dem Wettbewerb in der Super-Kombination am 10. Februar, bestehend aus einer Abfahrt und einem Slalomdurchgang. Höfl-Riesch ist Weltmeisterin in dieser Disziplin.

Dass sie das stramme Programm besonders gut wegsteckt, hat sie auch einem Mann zu verdanken, der schon Österreichs Olympiasieger Hermann Maier flott machte. Heinrich Bergmüller heißt er, Spitzname „Schinderheini“. Von ihm bekommt die kraftvolle Deutsche seit vergangenem Sommer eingebimst, worauf es ankommt: Grundlagen, Grundlagen, Grundlagen. Seit sie mit dem Österreicher zusammenarbeitet, spürt Höfl-Riesch, dass sie schneller regeneriert, im Trainings- und Rennalltag körperlich noch besser bei der Stange bleibt, kurzum: dass sie leistungsfähiger ist. Täglich verbringt sie nun 45 bis 90 Minuten auf dem Ergometer. Das Gesamtkonzept scheint zu stimmen.

Kaum ein Tag vergeht, an dem die Skirennläuferin und der Fitnessfachmann sich nicht am Telefon austauschen. Bergmüller lobt seinen neuen Schützling: „Sie ist extrem motiviert und akribisch. Das habe ich noch bei keiner Skiläuferin erlebt.“ Chefbundestrainer Thomas Stauffer wähnt seine beste Rennläuferin „heuer noch fokussierter und professioneller“. Höfl-Riesch will es noch einmal wissen. 2014 kann das Sahnehäubchen werden auf eine Karriere, die ohnehin schon mit bleibenden Erfolgen dekoriert ist. Dabei ist die Frage „Zweiter Gesamtweltcupsieg ja oder nein?“ zunächst zweitrangig. Die Winterspiele in Russland sind das höchste Ziel.

Läuft alles optimal, holt die junge Frau aus Partenkirchen dort mehr als eine (Gold-)Medaille. Im Weltcup stand sie in dieser Saison im Slalom zweimal auf dem Podest, von fünf Abfahrten gewann sie zwei. Gold für Deutschland in der Königsdisziplin holte zuletzt vor 16 Jahren Katja Seizinger in Nagano/Japan. Nicht zuletzt weil die amerikanische Speeddominatorin Vonn mit maladem Knie in Sotschi fehlen wird, ist Höfl-Rieschs Chance größer denn je.

Neureuther scheitert im Slalom

Im Olympiawinter 2013/2014 demonstriert sie, dass sie immer dann da ist, wenn es darauf ankommt. Wie sie das schafft? Maria Höfl-Riesch sagt: „Ich denke, das ist eine Mischung aus Glück und der Fähigkeit, meine Leistung abrufen und mich gut konzentrieren zu können, wenn es richtig um die Wurst geht. Das hat schon oft funktioniert, obwohl es nie eine Garantie gibt, dass es beim nächsten Mal auch wieder klappt.“ Höfl-Riesch sagt: „Es werden mit Sicherheit meine letzten Olympischen Spiele sein, aber ob es meine letzte Saison sein wird, das weiß ich noch nicht.“ Von Medaillengewinnen will sie ihre Entscheidung nicht abhängig machen.

Für Felix Neureuther soll Sotschi ebenfalls der Höhepunkt seiner Karriere werden. Der 29-jährige Garmisch-Partenkirchner, der am Sonnabend als erster Deutscher seit Max Rieger (1973) in Adelboden/Schweiz einen Weltcup-Riesenslalom gewann, scheiterte allerdings am Sonntag beim Slalom an selber Stelle im zweiten Durchgang. Nach dem ersten Lauf war er noch Zweiter gewesen. Auch er hat also mehrere Eisen im Feuer.