Interview

„Der Fußball ist noch nicht so weit“

Hertha-Kapitän Fabian Lustenberger und Sebastian Langkamp über das Bekenntnis von Hitzlsperger zu seiner Homosexualität

Es ist kein einfaches Thema, über das Fabian Lustenberger, 25, und Sebastian Langkamp, 25, sprechen sollen. Kurz bevor die beiden Innenverteidiger von Hertha BSC mit ihre Mannschaft am Donnerstag in das einwöchige Trainingslager an die türkische Riviera aufgebrochen sind, hat der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger erklärt, homosexuell zu sein. Das hat eine Debatte darüber ausgelöst, warum sich der Fußball als einer der letzten Bereiche der Gesellschaft immer noch schwer mit dem Thema Homosexualität tut. Hitzlsperger wählte bewusst die Zeit nach seiner Karriere, um an die Öffentlichkeit zu gehen, weil er Repressalien befürchtete. Wie aber denken aktive Profis darüber? In der Lobby des Fünf-Sterne-Hotels „Cornelia Diamond“ stellen sich Herthas Kapitän Lustenberger und sein Abwehrkollege Langkamp den Fragen von Morgenpost-Redakteur Jörn Meyn. Ein Gespräch über die oft behauptete Angst vor negativen Reaktionen in den Fankurven und die Gründe dafür, warum auch nach dem Fall Hitzlsperger vorerst kein Coming-out eines aktiven, schwulen Fußballprofis zu erwarten ist.

Berliner Morgenpost:

Herr Lustenberger, Herr Langkamp, was ging Ihnen durch den Kopf, als Thomas Hitzlsperger sich geoutet hat?

Sebastian Langkamp:

Ich fand, dass es ein sehr mutiger Schritt von ihm war. Es mag sein, dass die Akzeptanz für dieses Thema in der Bundesliga noch nicht so sehr gegeben ist, aber ich denke dennoch, dass man es nicht so hoch hängen sollte. In der Gesellschaft heute ist Homosexualität Normalität.

Fabian Lustenberger:

Ich bin da ganz bei Basti: Ich glaube, dass es die Leute interessiert hat, als Hitzlsperger sich geoutet hat. Aber wenn die Medien es nur einmal gemeldet hätten und sich am nächsten Tag wieder einem anderen Thema gewidmet hätten, dann würde es niemanden mehr interessieren. Dann wäre das einfach so und gut ist es.

Thomas Hitzlsperger hat schon während seiner aktiven Zeit als Fußballprofi darüber nachgedacht, sich zu outen, aber Bekannte hätten ihm davon abgeraten. Was hätten Sie ihm geraten?

Lustenberger:

Ich glaube, dass der Zeitpunkt, den Hitzlsperger gewählt hat, nach seiner Karriere, der richtige war.

Langkamp:

Ich weiß nicht, was ich ihm geraten hätte. Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Wir in Berlin zum Beispiel leben in einer sehr weltoffenen Stadt. Für mich ist Homosexualität nichts Besonderes. Aber der Fußball ist noch einmal etwas anders.

Warum ist das so?

Lustenberger:

Hitzlsperger hat es gut ausgedrückt: Das Bild von Fußballern, also Einsatzwille, Härte usw., und das Bild von Homosexuellen, das passt für manche eben immer noch nicht zusammen.

Der Liga-Chef Reinhard Rauball hat gesagt, dass er aktiven, schwulen Fußballern nicht guten Gewissens raten kann, sich zu outen, weil die Reaktionen der Fans nicht vorhersehbar sind. Teilen Sie diese Meinung?

Lustenberger:

Ich persönlich glaube, dass nicht die Fans das Problem sind. Vielleicht würde ein Spieler, der sich geoutet hat, zunächst ein paar dumme Sprüche gegen sich bekommen von ein paar Wenigen. Aber das könnte er wohl aushalten, denn auf dem Platz ist man eh auf das Spiel fokussiert. Das Problem aber könnte sein, dass er danach immer wieder auch von den Medien damit konfrontiert werden würde und so nicht mehr als Fußballer, sondern eben als homosexueller Fußballer im Rampenlicht stehen würde.

Langkamp:

Die Frage ist doch: Was wollte Thomas Hitzlsperger mit seinem Outing erreichen? Er wollte eine Debatte anstoßen und bewirken, dass sich der Fußball auch mit diesem Thema beschäftigt. Die Folgefrage ist dann, ob sich jemand anschließen wird. Hitzlsperger hat einen Stein ins Rollen gebracht. Aber meiner Meinung nach ist die Fußball-Branche noch gar nicht so weit, dass das Thema Homosexualität zur Normalität werden könnte.

Beim Thema Rassismus hat es ziemlich gut funktioniert, sich den Ewiggestrigen in den Fankurven geschlossen entgegen zu stellen. Da gibt es Kampagnen – auch von Spielern unterstützt. Warum ist das beim Thema Sexualität so schwierig?

Langkamp:

Das ist ein gutes Beispiel. Der Umgang mit Rassismus in den Stadien sollte ein Vorbild dafür sein, wie es gehen kann im Kampf gegen Homophobie. Aber Sexualität ist einfach ein viel intimeres Thema.

Lustenberger:

Beim Thema Rassismus hat es ja auch eine gewisse Zeit gedauert, bis es Konsens war, und vielleicht ist das beim Thema Homosexualität im Fußball ähnlich. Es braucht ein paar gute Beispiele, die zeigen, dass es in die richtige Richtung geht.

Nun, da Thomas Hitzlsperger, ein ehemaliger Nationalspieler mit über 50 Länderspielen, den ersten öffentlichen Schritt in die richtige Richtung gegangen ist: Würden Sie sich outen, wenn Sie aktive, schwule Profis wären?

Langkamp:

Nein. Das wäre mir zu persönlich. Ich handhabe das auch so mit meiner Beziehung zu meiner Freundin. Zu privaten Dingen wird von mir nie irgendetwas in der Zeitung stehen.

Lustenberger:

Ich weiß es nicht. Ich bin nicht in der Situation und kann nicht beurteilen, wie schwer das für einen aktiven Profi wäre.

Ein weiterer Grund, der oft genannt wird, warum sich aktive, schwule Spieler nicht zu einem Coming-out in der Öffentlichkeit entschließen, ist, dass sie auch Repressalien von Trainern und Leuten im Verein befürchten würden. Und dass vielleicht Werbekunden abspringen würden.

Lustenberger:

Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe gelesen, dass Thomas Hitzlsperger nun sogar mehr Werbeangebote bekommt. Das widerspricht dieser These ja.

Langkamp:

Ich glaube einfach, dass es gewisse Mechanismen in der Branche gibt, gegen die es sehr schwer ist, als Einzelner anzukämpfen. Deshalb hat sich Hitzlsperger entschieden, bis nach seiner Karriere zu warten.

Wie haben Sie innerhalb der Mannschaft über das Thema gesprochen?

Lustenberger:

Natürlich spricht man darüber. Aber das Thema war schnell wieder abgehakt. Für uns ist das nicht wichtig.

Glauben Sie, dass es in naher Zukunft Coming-outs von aktiven Profis geben wird?

Lustenberger:

Bei ehemaligen Spielern kann ich mir vorstellen, dass es Coming-outs geben wird. Bei Aktiven aber, so denke ich, wird sich nicht viel ändern.

Langkamp:

Ich glaube, dass sich aktive Fußballer weiterhin nicht outen werden.