Tennis

Lisicki sorgt sich um ihre Sicherheit

Die Australian Open sind das wohl verrückteste Turnier des Jahres. Aber ein Fremder im Hotelzimmer, das geht der Berlinerin dann doch zu weit

Wer hätte das vor einem Vierteljahr für möglich gehalten? Oliver Pocher als Groupie von Sabine Lisicki auf dem Centre Court von Melbourne, ein kleiner Comedian in großer Pose, genau so gern drin im Scheinwerferlicht wie seine Freundin. Und dann, eben noch bei TV-Pocher verspotteter Showgast, Boris Becker auch zu Gast in der Rod Laver-Arena zu Melbourne, beruflich allerdings, als Chefanweiser eines gewissen Novak Djokovic, bestenfalls der Lenker eines neuen Sieganlaufs des Weltranglisten-Zweiten. Becker und Pocher, auf verschlungenen Wegen wieder zusammengeführt beim ersten Grand Slam der Saison 2014 – unglaublich, aber wahr.

Eine erstaunliche Tenniswelt eröffnet sich da also am Montag (9 Uhr, Eurosport) vor den Augen des gespannten Publikums – bei einem Turnier, das selbst den Ruf hat, verrückt, unvorhersehbar, sportlich extravagant zu sein. Und so launenhaft wie das Wetter in Melbourne, morgens noch 40 Grad Sommerhitze, am Nachmittag schon 18 Grad kühl. Vier Jahreszeiten an einem Tag stehen für die Hauptstadt Victorias genau so gut wie reiche Kapriolen auf den blaugetünchten Courts am Yarra River, im National Tennis Center. „Die Australian Open sind gern mal wie eine Wundertüte. Du weißt nie so genau, was da drinsteckt und rauskommt“, sagt Mats Wilander, der Schwede, der 1988 den ersten Titel am neuen Grand-Slam-Standort in Citynähe gewann.

Lisicki erlebte sogar schon vor dem Turnierstart Wundersames. „Bin mir nicht sicher, was ich von der Sicherheit in meinem Hotel halten soll. Ein Fremder ist einfach in mein Zimmer gekommen. Gar nicht lustig“, teilte die Berlinerin via Twitter mit. Bei der Konzentration auf das Wesentliche ist so ein Schockerlebnis sicher nicht hilfreich.

Auftakt gegen unbekannte Kroatin

Dabei ist die als Nummer 15 gesetzte Wimbledon-Finalistin auch im ersten Match gegen die Kroatin Mirjana Lucic-Baroni gleich richtig gefordert. Denn wenn eins der vier Major-Turniere Überraschungen produzieren kann, dann dieses – dann die Australian Open, die dem Profizirkus bereits in der dritten Turnierwoche der Saison eine nicht selten mörderisch harte Anstrengung abverlangen. „Es ist, als ob du ein Formel 1-Rennen aus dem Stand mit 300 Stundenkilometern bestreiten sollst“, sagt der australische Wimbledonsieger von 1987, Pat Cash, „das ist im Grunde der reine Wahnsinn.“

Selbst die größten Favoriten hat dieser erzwungene Katapultstart immer vor gewaltige Rätsel gestellt und ihnen oft ein jähes Aus eingetragen. Becker, der neue Mann hinter Djokovic, kann ein Lied davon singen. 1996 gewann er, elf Jahre nach seinem ersten Wimbledon-Titel, noch einmal bei einer sentimentalen Abenteuertour in Melbourne. Doch 1997 schied er bei glühender Hitze in der ersten Runde gegen den spanischen Newcomer Carlos Moya aus. Anschließend bekannte der Deutsche, sein Gehirn habe sich bei über 40 Grad Celsius „wie Rührei angefühlt.“

In Australien gewannen Spieler, die sonst nirgendwo gewannen. So wie der Tscheche Petr Korda, 1998 Triumphator in einem No Name-Finale gegen Marcelo Rios aus Chile, oder der Schwede Thomas Johansson 2002 (gegen Marat Safin). Hier standen aber auch Profis im Endspiel, die sonst nie wieder einen vergleichbaren Coup landeten: Arnaud Clement (2001), Rainer Schüttler (2003) oder Marcos Baghdatis (2006). „Alle suchen eben noch einen Platz im ganz neuen Jahr, alle suchen nach ihrer Form, sind verwundbarer als sonst“, sagt der ehemalige Weltranglisten-Erste Jim Courier (USA). Der Respekt vor dem ersten Grand Slam des Jahres sei „gewaltig“, sagt denn auch Roger Federer, der immerhin viermalige Champion „down under“: „Dieses Turnier gehört zu den komplexesten Aufgaben, die es im Tennis überhaupt gibt.“

Zwar haben sich auch in Melbourne in den letzten Jahren die Machtverhältnisse normalisiert – mit erwartbaren Endspielen, mit favorisierten Siegern -, aber niemand würde sich deshalb in Sicherheit wiegen aus dem Kreis der Superstars. „Die ersten ernsthaften Tennismatches des Jahres sind gleich Grand-Slam-Matches – das sagt doch alles“, meint der zuletzt dreimal erfolgreiche Djokovic. Gleichwohl nimmt der Serbe, der Arbeitgeber von Altmeister Becker, auch 2014 wieder das Wagnis auf sich, ohne ein einziges offizielles ATP-Spiel in die Herausforderung zu gehen. Der Djoker pokert hoch nach ein paar Showmatches, aber ob der Einsatz auch 2014 stimmt, wird sich zeigen. Er gilt bei den Buchmachern jedenfalls als Favorit.

Bei den Damen stehen die Rollen ähnlich fest: Erst kommt Serena Williams als Melbourne-Königin in Betracht, dann mit gemessenem Abstand Viktoria Azarenka. Und dann? Aber halt: Auch eine wie Williams ist vor dem Absturz im wankelmütigen Melbourne, bei den durchaus mal irren Australian Open, nie gefeit. Zur Erinnerung: Vor einem Jahr verlor die Wuchtbrumme im Viertelfinale gegen die 19-jährige Teenagerin Sloane Stephens. Ganz normal verrückt.