Fußball-WM

Rückzieher in Katar

Fifa-General verkündet Verlegung der WM 2022 in den Winter – doch entschieden ist noch nichts

Mit Jerome Valcke haben sie schon so ihre Erfahrungen gemacht im Fußball-Weltverband. Vor elf Jahren heuerte der französische Journalist als Marketingdirektor bei der Fifa an, doch das Engagement endete im Desaster. Weil Valcke im Sommer 2004 trotz eines bestehenden Vertrages mit dem langjährigen Werbepartner Mastercard Sponsorenverhandlungen mit dem Konkurrenten Visa führte und damit das so genannte Erstverhandlungsrecht verletzte, wurde sein Arbeitgeber von einem New Yorker Gericht zu einer Strafzahlung in Höhe von 60 Millionen US-Dollar verurteilt. Klar, dass der smarte Franzose ganz rasch seinen Posten räumen musste.

Allerdings währte seine Abstinenz nicht lange, im Juni 2007 feierte Valcke sein Comeback beim Weltverband und wurde überraschend zum neuen Generalsekretär der Fifa gewählt. Nun könnte er in jener Funktion die nächste Katastrophe ausgelöst haben.

In einem Interview mit Radio France erklärte der 53 Jahre alte Funktionär, dass die umstrittene Weltmeisterschaft 2022 in Katar nicht wie geplant im Sommer stattfindet, sondern in die Wintermonate verlegt wird. „Der Termin für die Weltmeisterschaft wird nicht im Juni und Juli sein“, sagte Valcke. „Das Turnier wird, denke ich, zwischen dem 15. November und spätestens dem 15. Januar ausgetragen.“ Angesichts von Temperaturen um die 25 Grad sei dies die „perfekte Zeit, um Fußball zu spielen“. Ob im Winter 2021/22 gespielt wird oder über den Jahreswechsel 2022/23, ließ Valcke offen. „Wenn sie zwischen dem 15. November und Ende Dezember spielen, dann ist das der Zeitraum, in dem die Wetterverhältnisse am besten sind. Da spielen sie mit Temperaturen, die denen eines etwas wärmeren Frühlings in Europa entsprechen. Das ist perfekt, um Fußball zu spielen.“

Mit seinen Aussagen im französischen Hörfunk wollte der zweitmächtigste Mann der Fifa nach seinem Schweizer Chef Sepp Blatter zwar einen vorläufigen Schlussstrich unter die jahrelangen Diskussionen ziehen.

Kritik aus allen Richtungen

Denn seitdem Katar am 2. Dezember 2010 in Zürich sensationell den Zuschlag zur Austragung der WM erhalten hatte, gab es Kritik aus nahezu allen Richtungen. Nicht nur der Sport, auch die Politik hielt die Austragung in den Sommermonaten mit Temperaturen von knapp 50 Grad für unverantwortlich.

Allerdings war der Vorstoß des Fifa-Generalsekretärs offenbar nicht mit seinen Kollegen abgesprochen. Fifa-Vizepräsident Jim Boyce etwa zeigte sich „schockiert“ über die Äußerungen von Valcke. Die Entscheidung über eine zeitliche Verschiebung fälle das Exekutivkomitee des Weltverbandes, sagte Boyce am Mittwoch dem TV-Sender Sky Sport. „Stand jetzt bleibt das Turnier im Sommer“, betonte Boyce. Eine Entscheidung über den Termin werde ohnehin nicht vor Ende 2014/Anfang 2015 verkündet.

So weit, so schlecht. Denn jetzt scheint die Debatte um die unnötige Vergabe der Weltmeisterschaft in acht Jahren an das finanzkräftige Katar eine neue Dimension erreicht zu haben. Schließlich würde eine Weltmeisterschaft im Winter zahlreiche andere Sportarten wie Handball oder auch den gesamten Wintersport überstrahlen. Die Gefahr, dass König Fußball zum Beispiel die Vierschanzentournee der Skispringer – ohne Zweifel das Wintersportevent schlechthin in der fußballlosen Zeit – komplett an den Rand drängt, ist groß. Von den geringeren Vermarktungsmöglichkeiten aufgrund der fehlenden Fanmeilen samt Public Viewing ganz zu schweigen.

Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), will dennoch die Pläne zur Verlegung in den Winter unterstützen, er regt eine Reform der Bundesliga-Saison 2022/23 an. „Ich fände es sinnvoll, die Saison früher beginnen zu lassen und später in die Rückrunde zu starten“, sagte Niersbach am Mittwoch. Beim Termin des Endrunden-Turniers laufe es wohl auf November/Dezember hinaus, „um den Olympischen Spielen aus dem Weg zu gehen“.

Niersbachs Vorgänger Theo Zwanziger zeigte sich wenig überrascht von den Plänen. „Das ist für mich nichts Neues. Einen formalen Beschluss, dass die WM im Sommer nicht stattfinden kann, gibt es allerdings noch nicht“, sagte Zwanziger der Morgenpost. „Sie wird in diesen Monaten nicht stattfinden können, weil es dort zu heiß ist.“

Bei der vergangenen Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees habe er „klare Fragen an die medizinische Abteilung gestellt, und die Antworten waren eindeutig. Niemand kann die Verantwortung übernehmen, im Juni oder Juli in Katar zu spielen“, meinte Zwanziger. „Nun müssen wir einen neuen Termin finden. Ich bin gespannt, wann der sein wird.“

Spielergewerkschaft für Verlegung

Zwanziger ist der einzige deutsche Vertreter im Exekutivkomitee der Fifa. Einen favorisierten Termin habe er aber nicht, „weil ich erst abwarten möchte, was jetzt für Vorschläge kommen. Auch in Deutschland haben sich doch viele kluge Leute zu Wort gemeldet, die Termine vorgeschlagen haben. Ich bin gespannt, welche Vorschläge zum Beispiel Karl-Heinz Rummenigge jetzt hat. Es wird keinen Termin geben, der nicht neue gewaltige Probleme hervorbringt, die dann wiederum gelöst werden müssen. Ich bin gespannt, was den klugen Herrschaften für Antworten einfallen.“

Die Spielergewerkschaft FIFPro hat die sich abzeichnende Verlegung in den Winter begrüßt. „Auch wenn es gegen die lange Tradition, die Weltmeisterschaft zwischen Juni und Juli abzuhalten, verstößt, siegt der gesunde Menschenverstand, um die Gesundheit und Sicherheit der Spieler zu schützen“, teilte die Profivertretung am Mittwoch mit. „Die Wintermonate scheinen die einzige Lösung zu sein – außer die WM 2022 in einem anderen Land zu veranstalten.“